Taten sprechen lauter als Worte. Meine Einschätzung: Ein häufig genutztes Sprichwort als Einstellung von Menschen, die ohnehin gerne aktiv sind und Macher sind.

Taten sind darüber hinaus ein probates Mittel, um dem wahren Charakter eines jeden Menschen ein Stück näher zu kommen und hinter die Fassade(n) zu schauen.

Doch warum sollten Sie das?

Wir sind tagtäglich der Werbung ausgeliefert. Nicht nur durch Medien, sondern ebenfalls durch Menschen wie Sie und ich. Jeder von uns sucht und versucht Möglichkeiten, sich selber zu präsentieren, andere zu überzeugen und (hoffentlich positiv) zu beeinflussen.

Die Gründe für den Wunsch, den „echten“ Charakter Ihres Gegenübers zu sehen, sind vielfältig:

  • Sie fragen sich, ob Ihr erster Eindruck stimmt
  • Sie hassen böse Überraschungen
  • Sie haben den Eindruck, Ihr Gegenüber ist nicht authentisch oder sagt nicht die ganze Wahrheit
  • Sie fragen sich, ob dieser Mensch wahrhaftig ein guter Mensch ist
  • Sie möchten vertrauen und sich auf Ihr Gegenüber verlassen
  • Sie sind raus aus der Phase des Verliebtseins ;)
  • Sie investieren Geld, Zeit oder andere Ihnen wertvolle Dinge in eine Person
  • Sie arbeiten mit oder für diese Person und prüfen, ob Sie das noch länger tun wollen
  • Sie hoffen, Ihr Gegenüber ist ein Geber oder irgendwie anders mit der Positiven Psychologie verbandelt ;)

Wie auch immer Ihre Intention ist – es gibt ein paar Dinge, die Sie nutzen können, um anderen – und desgleichen sich selbst! – ein Stück näher zu kommen. Und dazu müssen Sie kein Psychologe sein…

Hier meine hoffentlich für Sie ebenso nützliche Auswahl:

1. Taten vs. Worte

Das eingangs genutzte Sprichwort ist die Basis für viel Klarheit, was das Einschätzen von Charakteren betrifft. Fokussieren Sie auf das, was Menschen tun, anstatt sich von dem beeinflussen zu lassen, was Sie über sich oder andere erzählen, gibt das Aufschluss über die Person.

Lernen Sie beispielsweise eine neue Person kennen, fallen Sie nicht gleich mit der Tür ins Haus und berichten von Ihren Fehlern, Eigenarten und Macken. Sie stellen sich von Ihrer besseren Seite dar, möglicherweise sogar von einer, die Ihrem Ideal entspricht, die Sie aber noch nicht leben.

Aber die Taten anderer sind nicht ausreichend, um sich ein komplettes Bild zu machen. Denn auch sie sind nur das Ende einer langen Kette von Überlegungen, Gewohnheiten und situativen Umständen. Sie werden erst eine gute Einschätzung über den Charakter eines anderen bilden können, wenn Sie die Perspektive des anderen einnehmen.

2. Mimik und Gestik – Wie der Körper spricht

Nicht erst durch die Fernsehserie „Lie To Me“ ist bekannt, dass Mikro-Expressionen einen zwar für das ungeübte Auge vielfach unauffälligen, aber dennoch gewichtigen Beitrag leisten, wenn es um die wahre Natur einer Handlung geht. Natürlich kann man diese durch viel Training bewusst beeinflussen, für den Großteil von uns – so meine Annahme – ist das aber zu aufwändig. Und dementsprechend sind diese kleinen Ausdrücke in Mimik und Gestik eine gute Möglichkeit, die Absichten Ihres Gegenübers besser einzuschätzen.

Als Beispiel aus dem wahrscheinlich am häufigsten beackerten Themengebiet, der romantischen Paarbeziehungen, mag das Streichen durch’s Haar gelten. Aber nicht nur die non-verbale Kommunikation gibt uns gute Hinweise.

3. Du bist, was du sagst – Was Sprache über uns aussagt

Wir nutzen die (verbale) Sprache bereits eine geraume Zeit – nichtsdestoweniger entstehen hier wieder und wieder große Missverständnisse in der Kommunikation. Auch Worte sind nämlich für uns häufig noch ein Ausdruck unserer Umgebung, unserer Gewohnheiten – und deshalb ebenfalls in vielen Fällen unbewusst (siehe auch Punkt 5).

Kennen Sie das: Sie wohnen mittlerweile seit Jahren in einer Stadt weit weg von Ihrer Ursprungsfamilie und Ihren Schulfreunden. Sie kommen an und Ihre Freunde legen den Kopf schief und belächeln Ihren andersartigen Akzent oder Dialekt. Aber kaum sind sie für ein Wochenende wieder in heimischen Gefilden, nehmen Sie damalige Sätze auf, nutzen eine andere Tonlage oder schalten sogar sofort um auf Ihren Ursprungsdialekt.

Das Problem an dieser Stelle? Ähnlich wie Mimik und Gestik können Worte nicht nur Zugehörigkeiten zu bestimmten Altersgruppen oder Landstrichen zeigen, sondern Worte sind außerdem das primäre Mittel, um andere zu manipulieren.

Der Sozialpsychologe James Pennebaker hat in dieser Hinsicht interessante Forschung betrieben. Er sagt, dass die Menschen bei ihrer Wortwahl üblicherweise auf Verben und Nomen achten, nicht jedoch auf ihre Pronomen.

Nutzt Ihr Gegenüber häufig „wir“, deutet das laut Pennebaker auf tiefere soziale Bindungen, während die vorrangige Nutzung von „ich“ den Hang zum Egozentrismus andeutet, aber desgleichen eine Aussage über den höheren Ehrlichkeitsgrad dieser Person sein kann.

Andere Merkmale der Person treten zu Tage, wenn sie z.B. ihre Wortwahl ihren Gesprächspartnern anpasst (z.B. einfache Worte bei Fließbandarbeitern oder große Worte beim Vorstand, um mächtiger zu wirken).

4. Apropos Macht

Wie Menschen Macht handhaben, sagt viel über sie aus. (tweet)

Wie behandelt Ihr Gegenüber z.B. die Bedienung im Restaurant? Mit Augenkontakt, Wertschätzung und einem Lächeln oder eher blicklos und mit Befehlston (schließlich wird hier bedient!)? Wie spricht er oder sie mit Kindern oder Tieren? Wie mit Menschen, die nichts für ihn/sie tun können, z.B. dem Obdachlosen an der Ecke? Sind sie respektvoll und gleichwohl hilfsbereit?

Das Verhalten gegenüber jemandem, den Sie nicht beeindrucken möchten, kann viel über Ihre Einstellung gegenüber diesem Menschen zeigen. Aber möglicherweise haben Sie ja kaum jemanden um sich, den Sie nicht beeindrucken möchten…

5. Das soziale Umfeld – Mit wem umgeben Sie sich?

Autor und Motivationstrainer Jim Rohn behauptete einmal,

Du bist der Durchschnitt der fünf Menschen, mit denen du am meisten Zeit verbringst. (tweet)

Würden Sie sich nur mit guten, erfolgreichen, gebenden Menschen umgeben, wäre der Einfluss dieser Charaktere so groß auf Sie, dass wir uns bewusst und unbewusst ihnen und ihren Eigenarten näherten.

Gleichzeitig würde auch das Verhalten, dass Sie innerhalb dieses inneren Kreises von Menschen zeigen, z.B. eine Menge über Ihre Werte aussagen. Haben Sie über Jahrzehnte die selben Freunde oder besteht Ihr innerer Zirkel aus vergleichsweise neuen Freunden? Sind Sie innerhalb Ihres sozialen Umfelds eher das Zentrum des Geschehens oder eher der stille Beobachter? Behandeln Sie alte Freunde anders als Ihre neuen? Welche Menschen vermeiden Sie und was haben diese eventuell gemeinsam?

Eklig sind Menschen, die einen ständig kritisieren, stimmt’s?

6. Reaktion auf Kritik

Wenn ich früher von Kollegen oder Freunden kritisiert worden bin, habe ich mich beständig gerechtfertigt, nach Ausreden gesucht, auf ungerechte Bewertung hingedeutet und den Kritiker insgeheim (zumindest für einen bestimmten Zeitraum) blöd gefunden – bevor ich ihnen dankbar war über ihre Ehrlichkeit und den Mut, zu kritisieren.

Gut, Letzteres lag vornehmlich daran, ob die Kritik konstruktiv oder schlichtweg unsachlich war. Heute nehme ich mir ein Blatt, senke den Kopf, schreibe die wertvolle Kritik auf und tue bei der für mich unpassenden oder vermeintlich ungerechtfertigten nur so, als schriebe ich – eben um nicht sofort in die Rechtfertigungsschleife zu geraten, ohne das Gesagte sacken zu lassen. Das hat sich bisher bewährt.

Was gab mein früheres Verhalten für Hinweise über meinen Charakter? Unsicherheit? Arroganz? Ein Riesen-Ego? Unwillen gegenüber dem Lernen aus Fehlern? Eine krumme Selbstperspektive? Allenfalls noch Kreativität bei Ausreden…

Heute sind jene Menschen Vorbild für mich, die Kritik graziös aufnehmen, sich durch sie verbessern und ihren Zielen dadurch näher kommen.

Dessen ungeachtet kann es immer mal passieren, dass man falsch liegt mit seiner Kritik.

7. Reaktion, wenn Unrecht getan wurde

Jemandem Unrecht zu tun, kann eine Beziehung insbesondere im frühen Stadium des Kennenlernens extrem belasten. Aber Sie können Ihr Gegenüber ebenfalls fragen, wie er sich verhalten hat, wenn ihm in der Vergangenheit Unrecht getan wurde.

Hören Sie Ausreden und mehr die Verlagerung von Schuld („das war seine Blödheit“) als selbstkritische Äußerungen („Ich wusste es damals einfach nicht besser“) und die Annahme von Verantwortung?

Konnte die Person vergeben oder reagiert sie noch nach Jahren säuerlich, wenn sie über die vergangenen Zeiten spricht?

Gab es womöglich Handgreiflichkeiten?

Denken Sie daran: Es ist möglich, dass Sie diesem Menschen einmal Unrecht tun. Zum Beispiel, indem Sie an der „falschen Stelle“ Nein sagen.

8. Reaktion auf ein klares „Nein“

„Nein“ zu sagen ist oft noch schwieriger als das Nein eines anderen zu akzeptieren (das sollte zu denken geben!). Respektieren Sie ein Nein, respektieren Sie gleichfalls die Grenzen Ihres Gegenübers.

Überreden Sie Ihr Gegenüber, kann das von hervorragenden Argumentationskünsten zeugen. Möglicherweise sind Sie aber auch ignorant gegenüber der Entscheidung Ihres Gesprächspartners und zeigen fehlenden Respekt. Das könnte Sie später ebenso teuer zu stehen kommen…

9. Apropos teuer: Nutzung von Zeit und Geld

Zeit ist Geld, Geld ist Zeit. Wie auch immer die Reihenfolge, wir sind uns voraussichtlich einig, dass beides wertvolle „Besitztümer“ sind. Wie ein Mensch seine Zeit und sein Geld verteilt, verwendet oder verschenkt, sagt viel über ihn aus.

Gibt er sein Geld für Materielles aus oder eher für Erlebnisse? Gibt er es primär für sich aus oder für andere? Investiert er eher für die Zukunft oder für das Jetzt?

Vergibt sie ihre Zeit vor dem Fernseher bei ihrer Lieblingssoap oder für den Online-Kurs? Lieber alleine oder lieber mit der Clique? Immer mal wieder ein Bisschen oder exzessiv und ohne Halt?

Die Hobbies Ihrer Mitmenschen sind so verschieden wie ihre Charaktere. Auch die finanziellen Gewohnheiten variieren häufig beträchtlich zwischen Menschen. Alle Verhaltensunterschiede lassen gleichzeitig häufig genaue Schlüsse über Werte und Charaktereigenschaften zu.

Letztlich müssen große Unterschiede in den Werten oder Gewohnheiten nicht bedeuten, dass Sie jemanden nicht mögen, ihm nicht trauen oder nicht in ihn investieren möchten. Möglicherweise sogar im Gegenteil. Manchmal lässt sich solch eine Entscheidung nicht analytisch regeln.

10. das Bauchgefühl, dass Sie Ihnen geben

Ihre Emotionen und Ihr (Trieb-)Verhalten entstehen fast ausschließlich durch das Zusammenspiel vieler Gehirnanteile, unter anderem mithilfe der unbewussten Teile (wie dem Limbischen System).

Haben Sie bei einem Menschen ein ungutes Gefühl bezüglich eines Verhaltens, einer Eigenart, einer Situation, liegen Sie höchstwahrscheinlich richtig mit diesem Instinkt! Denn Ihr limbisches System nimmt viele unbewusste Reize und Impulse auf und verarbeitet Sie, ohne dass Sie davon (schon) etwas wahrnehmen.

Steht das mulmige Gefühl in der Magengegend gleich zu Beginn einer neuen Bekanntschaft im Weg, kommen Sie noch einmal zurück zu diesem Artikel und holen Sie sich Inspiration für ein, zwei Tests mit dieser Person… ;)

11. Bonus: Die Wegschau-Falle

Und hier noch eine Verhaltensweise, die mir persönlich an mir aufgefallen ist und Ihnen ebenfalls von Nutzen sein könnte. Sie verrät mir mehr darüber, wie viel ich wirklich mit einem Menschen zu tun haben möchte. Folgenes Szenario:

Ich sehe jemanden zufällig und ungeplant im Gewühl der Innenstadt, bevor er oder sie mich sieht. Ich spreche diesen Menschen nicht an oder grüße, gehe dieser Person möglicherweise sogar aus dem Weg oder tue zumindest überrascht, wenn sie mich dann doch wahrnimmt, erkennt und grüßt.

Für mich ein klares Zeichen: „Fahr den Kontakt mit dieser Person runter oder auch stell ihn ganz ein.“
Damit würde ich zu einer für mich scheinbar nicht wertvollen Beziehung nein sagen und dadurch mir wichtigeren Beziehungen mehr Raum verschaffen.

Stolz bin ich auf dieses Verhalten nicht, das können Sie mir glauben.
Es gibt mir aber zumindest Aufschluss über mich und meine Beziehungen. Und das ist schon mal eine ganze Menge! ;)

Wie ergeht es Ihnen? Was funktioniert bei Ihnen, um das „wahre Ich“ eines anderen besser kennenzulernen? Oder Ihr eigenes?

Ich freue mich auf Ihre Kommentare.

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von Michael Tomoff Lesezeit: 8 min
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