Viele Menschen kennen den „Inneren Kritiker“ aus dem Schreibkontext. Zum Beispiel aus Projekten wie dem National Novel Writing Month, bei dem dieser Kritiker gerne dazwischenfunkt und dem Schreiber weiß machen will, er schreibe dummes Zeug und bräuchte demnach nicht schreiben.

Sätze wie „Es wird verdammt schwierig werden!“, „Es wird dich aus deiner Komfortzone bringen und du wirst ohnehin damit keinen Hit landen. Vielleicht aber einen Stern bei Amazon, nachdem du das Buch im Eigenverlag veröffentlicht hast!“

Dass Sie bei einer solchen Aktion viel schreiben und alleine dadurch eine Menge lernen, weiß Ihr Innerer Kritiker zwar, behält es aber für sich.
Der Innere Kritiker kann ebenfalls in vielen anderen Situationen die Stimme der Vernunft übertönen, die Bremse anziehen und uns davon abhalten, unser volles Potential zu nutzen.

Dabei ist der Innere Kritiker einer von vielen Teilen in uns. Sein Haustier, der „Innere Schweinehund“, läuft gerne mit, wenn wir Joggen.

Sein Lieblingsgericht, der Klos-im-Hals, sagt uns gerne, dass wir in dieser Situation noch nicht so weit sind und an uns arbeiten sollten.

Das dumpfe Gefühl im Magen vermittelt uns vielleicht, dass etwas nicht stimmt oder wir uns unsicher fühlen, ohne sich aber konkret einmischen zu wollen.

Im folgenden Artikel sind fünf Möglichkeiten, wie der Innere Kritiker zum Kooperieren gebracht wird, ohne ihn zu verärgern.

Was ist das Gute daran?

Wer mich kritisiert, interessiert sich für mich, Kritik ist Anteilnahme, Gleichgültigkeit kritisiert nicht. –Manfred Hinrich

Auch, wenn wir manchmal das Gefühl haben, der Innere Kritiker existiert ausschließlich, um uns das Leben zu erschweren, hat er eine Existenzberichtigung.
Er ist dafür da, seinen Besitzer zu beschützen.

Manchmal vor Überarbeitung („Das schaffst du sowieso nicht, lass es lieber gleich!“).
Manchmal vor Rückschlägen und Ablehnung („Das muss besser sein. Das kannst du so nicht abgeben!“).
Manchmal vor dem eigenen Erfolg („Das kannst du nicht! Überhaupt nicht deine Kragenweite!“).

Der Innere Kritiker will uns in erster Linie nicht schaden, denn würde er seinem Vermieter schädigen, schädigte er sich gleichfalls. Es ist alleine die Intensität des Schutzes, die oft zweifelhaft scheint und uns im Wege ist. Und bevor ich übergehe zu den anwendbaren Übungen, wie Sie Ihren Inneren Kritiker hilfreicher machen können, eine kleine Vorstellungsübung, um persönlicher zu werden.

Wie sieht Ihr Innerer Kritiker aus?

Haben Sie eine Vorstellung von der Stimme, die Sie in verschiedensten Situationen anspricht? Wozu gehört diese Stimme? Wie sähe dieses Etwas aus, wenn Sie es jetzt auf Ihre Hand legten? Wäre es rund, eckig, flauschig, matschig, kratzig? Hätte es Ohren, Augen, eine Nase? Vielleicht sogar eine (Sonnen)Brille?

Stellen Sie sich genau vor, wie er, sie oder es aussieht und machen Sie ein mentales Foto davon.

Dann können wir loslegen.

Wie also bekommen Sie die Innere Stimme zu einem positiveren Kurs?

1. Wertschätzen Sie den Kritiker

Nehmen Sie das Schutzbedürfnis Ihres Inneren Kritikers ernst. Er ist ebenso Teil von Ihnen, wie der lobende und jener, der das Kind in Ihnen verkörpert.

Filtern Sie, was gut ist, was nur gut gemeint und was überzogen und hinderlich.

  • Was ist die Absicht der Inneren Stimme in Ihnen?

2. Schreiben Sie auf, was Sie wahrnehmen

Darauf zu achten, was Ihre innere Stimme sagt („Du bist ein Verlierer!“, „Du bist hässlich!“, „Du kannst das nicht und schaffst es deshalb auch nicht!“) und diese Sätze aufzuschreiben, wird Ihnen bereits helfen, die Häufigkeit dieser Sätze zu reduzieren. Sie sind dann vor Ihnen, nicht innen eingeschlossen und verlieren auf dem Papier oft schon einen großen Teil ihrer Wirkung, weil Sie jetzt bewusst sind und nicht nur Kreise in Ihrem Kopf ziehen.

  • In welchen Situationen treten welche Sätze auf? Gibt es Muster? Gibt es bestimmte Personen, bei oder mit denen diese Sätze in Ihnen erklingen?

Voraussichtlich sind es weniger Situationen als Sie vorher annahmen. Sich etwas ins Bewusstsein zu holen ist der erste Schritt, um damit arbeiten zu können.

3. Überprüfen Sie Ihre Beurteilungen

Wenn Sie nicht gerade ein äußerst von sich überzeugter Mensch sind und vor Selbstbewusstsein strotzen, gibt es mit großer Wahrscheinlichkeit überzogene Urteile in Ihrem Kopf, die sich ab und an melden.

Wenn Sie z.B. denken, dass Sie in Ihrem Job „ein Verlierer“ sind und nicht verdient, was Sie bisher erreicht haben und bald auffliegen (Achtung, Dunning-Kruger-Effekt!), meinen Sie damit voraussichtlich nicht immer und überall, sondern in bestimmten Situationen.

Hören Sie auf ihre innere Stimme und fragen Sie nach mehr Details, nach mehr Fokus und Sorgfältigkeit. Und zwar positiv, konstruktiv und hilfreich.

  • Wie sieht ein Verlierer in Ihrer Vorstellung aus? Trifft das wirklich auf Sie zu oder ist Ihre Beurteilung evtl. zu hart gegenüber sich selbst? Was können Sie in dieser Situation genauso gut machen, wie in anderen, ähnlichen Situationen, in denen es läuft?

4. Holen Sie eine objektive Meinung ein

Viele haben Schwierigkeiten damit, ihre Erfolge aufzuschreiben oder sie sich als eigene Erfolge zu verbuchen. Aber: Jeder Mensch hat bereits etwas geleistet und vollbracht. Wir sind heutzutage jedoch sehr damit beschäftigt, die schlechten Dinge abzuspeichern und uns vorzuhalten.

Negative Erinnerungen sind nicht zwangsläufig harte Fakten, darum stellen Sie diese Gedanken auf die Probe! Entweder alleine oder – noch besser – mit Familie oder Freunden, die oft besser erinnern, welch positive Erlebnisse vorhanden sind, Sie aber vielleicht nicht mehr hervorkramen aus dem staubigen Archiv Ihrer Erinnerung.
Erstellen Sie eine Liste von Dingen, die Sie erreicht und vollbracht haben. Erinnern Sie sich und schreiben Sie es auf. Seien Sie damit nicht sparsam (im Sinne von „Ach was, sooo toll war das jetzt auch nicht!“).

  • Nehmen Sie eine kurze, handliche Liste mit und stecken sie in Ihre Geldbörse oder in Ihren Rucksack, legen sie in ein Fach im Schreibtisch. Und wenn Ihr Innerer Kritiker wieder lauter wird, holen Sie diese Liste heraus und lesen sie durch.

5. Überprüfen Sie Ihre Werte

Ist das, über das Sie sich aufregen, es wert? Ist es etwas, das mit Ihren innersten Werten übereinstimmt oder etwas, worüber Sie glauben, sich aufregen zu müssen, weil es in den Augen anderer vermeintlich „schlimm“ ist?

Wenn Sie Werte wie Freundlichkeit, Integrität oder Hilfsbereitschaft Ihr Eigen nennen, gibt es viele Stellen, an denen Sie sich vielleicht über sich ärgern (oder Ihr Innerer Kritiker Sie darüber informiert, dass Sie sich gerade nicht an Ihre eigenen Ansprüche halten). Das wird Sie voran bringen und Ihrem Leben mehr Sinn verschaffen, solange Sie nach vorne blicken und nicht in der nicht mehr änderbaren Vergangenheit festsitzen.

  • Sehen Sie Kritik von Innen nicht als Hinweis auf Defizite, sondern als Verbesserungsmöglichkeiten, wie Sie sich weiter entwickeln können. Ein „Das schaffst du ohnehin nicht!“ ist eine kommunikative Schwäche Ihres Inneren Kritikers (er hat vornehmlich Schriftdeutsch gelernt und kann sich mündlich nicht so brillant ausdrücken…!). Was er meint ist: „Das schaffst du noch nicht. Überlege kurz, was du dazu noch brauchst und dann geht’s frisch an’s Werk!“

Klingt besser, oder? Und Ihre innere Stimme verärgern Sie damit auch nicht, sondern nutzen das, was sie Ihnen mitteilt.

 

Foto: kitty27

5 Wege, den Inneren Kritiker zu nutzen

von Michael Tomoff Lesezeit: 5 min
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