Ich bin gescheitert.

Das klingt hart. Dennoch kann ich es täglich über mich sagen. Und das fühlt sich nicht gut an.

Es bewusst wahrzunehmen, lässt in meinem Magen ein Knäuel entstehen, das dort hämisch grinsend sitzt und es sich gut gehen lässt. Ich fühle mich schwer, behäbig und nutzlos und frage mich in solchen Momenten, an welchem Ort der Welt mein Scheitern egal wäre.
Aber ich scheitere selbst beim Auffinden dieses Ortes…

Und obwohl ich in meinem Beruf vielen Menschen Fragen zu diesen Themen stelle, die zu Anregungen, Ideen oder Lösungen führen, bin ich noch ein Kind, betrachte ich meinen Weg bei der Vielzahl dieser Themen.

Wobei scheitere ich?

Ich schreibe lieber über die positiven Seiten des Lebens und die Errungenschaften, Erfolge und tollen Erfahrungen von Menschen. Warum heute über das Offenlegen von Fehlern?

Es fühlt sich gut an.

Haben Sie es schon versucht? Jemandem offen von Ihren Fehlleistungen, von Ihren Missgeschicken erzählt? Es sind – wie die Sie anhand der Wörter sehen können – ja trotzdem Leistungen und Geschicke. Vielleicht nicht für die jeweilige Situation, aber für andere. Ihre Fehler oder Pannen offen auszusprechen hilft dabei, mit diesen Fehlern offener umzugehen, sie besser zu akzeptieren und ihnen die Macht zu nehmen. Diesen Fehltritten wird der Wind aus den Segeln genommen, wenn Sie sie selber pusten und das nicht andere übernehmen lassen.

Hier sind einige der Dinge, an denen ich regelmäßig scheitere…

  • Liebe zeigen — Ich habe das große Glück, noch zwei Omas zu haben, denen ich zuhören kann, wenn sie über ihre „einfache“ und gerade deshalb so fesselnde Vergangenheit, über ihre im Laufe der Jahrzehnte gesammelten zeitlosen Weisheiten erzählen. Über das, was sie zu schätzen gelernt haben. Besuche ich meine Eltern, wohnen beide zehn Gehminuten von mir entfernt. Und doch gehe ich selten bei ihnen vorbei, sehe sie kaum und fühle mich jedes Mal schlecht, wenn ich ohne Besuch wieder abfahre. Ich weiß, wie gut es ihnen und mir tut, sich zu sehen. Später werden nur eigene Vorwürfe und Traurigkeit übrig bleiben…
  • Akzeptanz — Ich schätze meine Eltern für so Vieles und bin ihnen dankbar für eine Million Dinge. Ich schätze den Gedanken, die Älteren für ihre Lebenserfahrung und Erlebnisse zu respektieren und dennoch schaffe ich es häufig nicht, Akzeptanz aufzubringen für andere Wege, die sie gehen oder bin enttäuscht, dass meine Ideen oder Vorschläge für ihr Lebens nicht annehmen oder ausprobieren wollen.
    So will ich nicht sein. Am allerwenigsten gegenüber meinen Eltern…
  • Missionarsstellung — Mit Akzeptanz hängt ebenfalls zusammen, dass ich nur ein Ziel sehe, wenn ich für etwas leidenschaftlich bin und Feuer gefangen habe: dieses Feuer für das Thema oder den Menschen weiterzugeben. Aber genauso, wie ich nicht zu jedem Zeitpunkt bereit bin für Neues, sind das andere ebenfalls nicht. Ein Beispiel: Wie kann man Positive Psychologie nicht anwenden und Zeit und Ressourcen dafür aufbringen?! Wahrscheinlich wäre der Effekt des Vorlebens ausreichend und effektiver. Autoren haben dafür einen kurzen, aber merk-würdigen Satz: „Show, don’t tell.
  • Geduld — Ich meditiere jeden Morgen und weiß, wie gut mir diese Minuten tun. Gleichwohl trage ich diese Ruhe, diese Geduld, dieses Nicht-Werten noch nicht weit in den Tag hinein. Viele Dinge gehen mir zu langsam. Was einen Teil meiner Energie für Umsetzung ausmacht, ist für andere oft eine aneckende Abkürzung, mit der ich ihnen auf die Füße trete.
  • Nein-Sagen — Ob es „spannende Themen“ sind oder Anfragen von Freunden, die Hilfe brauchen – es gibt selten den Fall, dass ich ablehne. Das bringt mich im Job und privat in die missliche Lage, viel zu viel im Kopf und auf der Agenda zu haben. Aber als wäre das nicht genug, bringt mich meine Neugier fast täglich weitere interessante Ecken des Lebens, in denen es Neues zu entdecken gibt. Und zu tun…
  • Aufschieberitis — Aus dem vorherigen Punkt entsteht zu oft das Unvermögen, die Dinge nur abzuarbeiten, die mich interessieren. Ich kenne viele Möglichkeiten, in Gang zu kommen, aber meine zahlreichen Auffangbecken für Ideen, umzusetzende Aufgaben oder spannende Projekte quillen über vor vielfach Aufgeschobenem. Und das ist frustrierend.
  • Fokus — Meine Tage sind viel zu selten erfüllt von dem wunderbaren Erlebnis, im Flow-Zustand erst in einer Aufgabe zu versinken und danach in ihr aufzugehen. Die „kurze Frage“ des Kollegen lenkt mich genauso schnell ab, wie dieser Link zu einem irrelevanten Artikel im Internet.
  • Sport — „Ich laufe Montag wieder mit.“ ist einer meiner meist gesagten und am häufigsten nicht eingehaltenen Sätze der letzten Jahre. Und ich bin gut im Ausreden-Finden: Knie-OP, Treffen mit einem Freund, „laufen ist mir so oder so zu monoton“ und ich habe ja noch kein Übergewicht. Also, wozu zu meinem Wort stehen und den süßen Geschmack der Genugtuung auf der Zunge haben, der sich nach körperlicher Anstrengung so oft bei mir einstellt…?

Ich habe vormals viele Dinge über Fehler als Helfer geschrieben. Der für mich hier relevante Unterschied zwischen Fehlern und Misserfolg ist jedoch das Gefühl, es eigentlich besser zu wissen – und doch nicht besser zu machen. Man könnte darüber diskutieren, was diese oben aufgezählten Misserfolge und die nicht vollständige Liste über mich aussagt. Und da gäbe es viele Punkte, die nicht leicht aufzunehmen wären.

Eines zeigt meine Liste und die aller anderen aber dagegen ohne Diskussion: Menschlichkeit. Die Liste ist eine Aussage über den Willen, etwas besser zu machen und – aus welchen Gründen auch immer – für den Moment nicht die nötige Kraft dafür zu haben.

Was kann getan werden?

Aber solch eine Liste ist nicht nur hilfreich für Selbstreflektion. Davon haben weder Omas, Eltern, andere Menschen noch ich etwas. Und da voraussichtlich niemand dieses miese Gefühl von Misserfolg gerne mit herumschleppt, hier fünf mögliche Wege aus dieser schwarzen Magengrube.

There is no failure. Only feedback.
–Robert Allen

  1. Blick in die Vergangenheit: Ich fühle mich beim Thema der Akzeptanz von Vergangenem zu Hause (oder zumindest zur Miete wohnend). Das war nicht immer so. Ich weiß, dass ich tausende von Fehlern begangenen habe und zahllose Male gescheitert bin. Aber diese Dinge haben mich zu dem gemacht, der ich heute bin – mit allen Makeln und Vorzügen. Ich kann also sicher sein, dass ich mit allem, was ich bereits „falsch“ gemacht habe, einen Schritt getan habe. Und bin ich mit mir als Mensch zufrieden, waren alle diese Schritte Teil von meinem Jetzt.
  2. Blick in die Zukunft: Natürlich würde ich lieber keine Misserfolge erleben, um der zu werden, der ich in zehn Jahren bin. Aber die selbe Akzeptanz, die meine vergangenen Fehler vergibt, wird mir den Weg für die Zukunft bereiten. Unser Körper ist eine hervorragende Quelle von Signalen. Wenn wir ihm zuhören und die Zeichen ernst nehmen, die er aussendet, bietet jedes dieser Signale die Möglichkeit, zu lernen.
  3. Was ist das Gute daran? Diese Frage hilft nicht nur, die zweite (positive) Seite der Medaille frei zu rubbeln und zu polieren, sondern unterstützt darüber hinaus den Perspektivwechsel. Haben Sie schon mal etwas erlebt, das anfangs wie ein Malheur aussah, Sie danach aber darüber sagten, „Dann war es also doch zu etwas gut!“?
  4. Nachschärfen. Wie die schlappe Suppe können Sie natürlich auch bei Methoden oder Verhaltensweisen nachschärfen, die Ihnen misslungen sind. Auch hier ist jeder Schritt einer in Richtung höherer Kompetenz – egal ob Sie körperliche Stärken ausbauen, mentale oder soziale Skills optimieren. Das Schöne: Nachschärfen können Sie ebenfalls in kleinen Schritten, die oft bereits viel bewirken. Es muss keine 180°-Drehung sein.
  5. Offen sein und darüber reden. Versuchen Sie die kleine Übung, die ich oben angedeutet habe: Schreiben Sie auf, woran Sie scheitern und verzweifeln. Seine Schwächen offen zu legen, ist eine große Stärke. Sie verschafft Akzeptanz von anderen. Sie verschafft Mitgefühl. Und sie Ihnen die Erfahrungen und das Wissen, dass andere ähnliche Dinge nicht gut machen oder daran scheitern.
    Und das beruhigt außerordentlich.

Ein wunderbares Video zu diesem Thema ist das von Brene Brown, die über die Macht der Verletzlichkeit spricht und viele positive Aspekte bei unserem Gefühl aufzählt, unvollkommen zu sein.

Und zum Schluss: Dieser Artikel ist inspiriert worden von Leo Babauta, einem nicht nur für mich großen Vorbild, der den Großteil seiner Zeit darauf verwendet, wertvolle Artikel darüber zu schreiben, wie man sein Leben besser, bewusster und vor allem einfacher leben kann.

Wie schön ist es, von solch einem Mann zu lesen, bei welchen Dingen selbst er regelmäßig scheitert…!

Und da uns das Internet die wundervolle Möglichkeit bietet, mit anderen schnell und unkompliziert in Verbindung zu treten und zu kommunizieren, möchte ich ein Blogstöckchen aufnehmen und damit ein paar von mir sehr geschätzte schreibende Kollegen um eine Antwort bitten. Alle diese Menschen bewundere ich auf die eine oder andere Weise und bin deshalb äußerst interessiert an einer Antwort von ihnen.
Einer Antwort auf die Frage: „Worin scheiterst du?“

Ich bin gespannt wie ein Flitzebogen über Einblicke von André Schuhmacher, Stephan Holtmeier, Daniel Rettig, Ralf Sentfleben, Tobias Illig, Harald Berenfänger, den Kollegen von imgriff und last but not least: Nico Rose.

Und wenn Sie, liebe Leserin, lieber Leser, gerne offen aussprechen möchten, worin Sie scheitern: hier unten ist noch viiiieeeel Platz für das schöne Gefühl, etwas in den Wind gerufen zu haben…!

Ich bin gescheitert

von Michael Tomoff Lesezeit: 6 min
6