Sie war ziemlich füllig.
Ihre Haare lagen wirr, ihre Hornbrille hatte sie an einer Kette um ihren Hals hängen. Ich konnte sie bereits am Eingang hören, denn ihre Stimme war durchdringend. Jeder musste zweimal an ihr vorbei – einmal beim Hereinkommen, um sich für das Essen anzustellen, ein zweites Mal beim Bezahlen.

„5 Euro 45 macht das genau, junger Mann.“ Sie grinste mich an und legte die Hände auf ihren Bauch. Ich kramte das Geld passend aus dem Portemonnaie.

„Na wunderbar, dann habe ich ja endlich wieder Kleingeld in der Kasse!“ Sie lachte herzhaft und schob die Kasse zu. „Einen wunderschönen Tag wünsch‘ ich Ihnen noch!“

Ich ging ein paar Schritte weiter, schüttelte den Kopf, stellte mein Tablett auf einem Tisch ab, drehte um und ging wieder zurück zu ihr.

„Wissen Sie was?“, fragte ich ihr über die Schulter, während der nächste sein Essen bezahlen wollte. Sie zuckte vor Schreck zusammen.
„Ich komme jetzt seit drei Jahren hierher und jedes Mal, wenn Sie hier kassiert haben, bin ich ein Stück glücklicher wieder gegangen… Danke für Ihre herzliche Freundlichkeit.“

Sie hielt die Hand vor den Mund, wurde rot, lächelte verschämt und stammelte ein Danke schön in ihre Hand.

Komplimente geben macht glücklich

Jeder weiß, wie gut es tut, Komplimente zu bekommen (selbst jene, denen es schwer fällt, Komplimente anzunehmen). Sie tun nicht nur von Freunden gut, die eine Eigenschaft schätzen oder vom Partner, der die Kleiderwahl lobt. Insbesondere Komplimente von Fremden sind im Sinne des Wortes eine wahre Freude.

Warum? Weil sie selten und genau aus diesem Grund überraschend sind.

Die Frau an der Kasse machte sich mit ihrer ehrlichen Herzlichkeit und ihr unübliches Verhalten nicht nur ihren eigenen Job schöner. Sie versüßte auch vielen, die sich bei ihr an der Kasse angestellt hatten, den Tag. Infolgedessen bekam sie selbst im Gegenzug häufig Freundlichkeit geschenkt. Und war es nur das Lächeln des Gegenübers.

Der offene Dank von meiner Seite war lange überfällig. Mehrmals hatte ich damals den Mut nicht zusammen bekommen, ihr zu sagen, was ich jedes Mal gedacht hatte. Und als es raus war und ich die überraschte Freude in ihrem Gesicht sah, da war auch mein Tag plötzlich unbeschwerter und schöner.

Dieser Effekt nutzt sich nicht ab.

Egal wem ich seither ein Kompliment über seine herrliche Art, seinen erfrischenden Umgang oder eine tolle Idee gemacht habe – die Reaktion war immer dieselbe: Überraschung und Freude. Umso stärker, wenn zu diesen Personen noch ein relativ loses Verhältnis bestand und kein Ziel hatte. Damit hatte mein Kompliment etwas Unverbindliches. Es gab keine damit verknüpfte Hoffnung auf ein Zurückbekommen der guten Tat und war damit eine bedingungslose, freie Gabe.

Und, wann haben Sie das letzte Mal einem Fremden ein Kompliment und sich damit selbst ein Stückchen glücklicher gemacht?

Übrigens: Dr. Norihiro Sadato vom Japanese National Institute for Physiological Sciences in Okazaki (Japan) schaute dazu 19 Menschen mit funktioneller Magnetresonanztomographie (abgekürzt fMRT) ins Gehirn. In einem Teil des Experiments spielten die Teilnehmer ein Kartenglücksspiel, wobei eine von drei Karten eine Auszahlung bedeutete. Dazu wurde die Gehirnaktivität gemessen, wenn die Teilnehmer tatsächlich eine Auszahlung bekamen.
Im zweiten Teil des Experiments wurde den Teilnehmern erzählt, sie würden durch einen Fremden und dessen Informationen über sie (aufgrund eines Persönlichkeits-Fragebogens und eines vorher aufgenommenen Videos) bewertet.

Die Wissenschaftler schauten sich erneut die Reaktionen an, insbesondere dann, wenn der Fremde den Probanden ein Kompliment machte.

Beide Belohnungen aktivierten dasselbe belohnungsrelevante Areal im Gehirn. Sadato sagt, es sei der erste wichtige Schritt in Richtung der Erklärung solch komplexer Phänomene wie Altruismus (Sugawara et al. , 2012).

Foto: Julie Harris

Literatur

Sugawara, S. K., Tanaka, S., Okazaki, S., Watanabe, K., & Sadato, N. (2012). Social Rewards Enhance Offline Improvements in Motor Skill. PLoS ONE, 7(11), e48174.

Komplimente machen (glücklicher)

von Michael Tomoff Lesezeit: 3 min
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