Wir nutzen sie täglich und meist ausgiebig: unsere Sprache. Finden Sie es ebenfalls so faszinierend, dass viele unserer kreierten Sätze noch nie so gebildet und genutzt worden sind, wie wir sie erschaffen haben. Es gibt so vielseitige Facetten unserer Sprache, wie es Worte gibt und jeder von uns nutzt sie in seiner eigenen Art.

Aber auch der Adressat ist entscheidend: Ist Ihnen bereits aufgefallen, dass sich Ihre Sprechweise ändert, je nachdem, mit wem Sie sprechen? Sprechen Sie mit Ihrem Chef, hört sich Ihre Stimme anders an als wenn Sie mit Ihrem Schatz telefonieren oder mit einem Ihrer Geschwister reden.

Ähnlich ist es mit der Wahl der Worte. „Weichmacher“ („Ich würde vorschlagen…“, „Ich sollte vielleicht mal…“, „Ich möchte ein bisschen…“) tauchen oft in unseren Sätzen auf. Sie schwächen unsere Sprache machen sie weniger energetisch, was in vielen Situationen so gewollt sein kann. Sie wegzulassen, klingt ungewohnt hart.

Dabei ist es „nur“ eine Angewohnheit, wie und was wir sagen.

Aller Zwang fordert den Widerstand heraus.
–Max Nordau

Ähnlich wie das unbewusste Abgeben von Verantwortung bei vielen von uns angewöhnt ist. Und zwar durch das kleine Wörtchen „muss“.

Ein Grund, warum wir uns heute oft getrieben fühlen, liegt in genau diesem Wörtchen.

  • „Ich muss jetzt auflegen. Wir hören uns morgen!“
  • „Ich muss jetzt los, mein Zug geht gleich.“
  • „Ich muss noch aufräumen, bevor die Gäste kommen. Das Leben ist schließlich kein Ponyhof!“
  • „Ich muss noch Oma besuchen, bevor ich vorbeikommen kann. Wird später.“
  • „Ich muss einfach einen Mann finden…“

Alle sind gängige, oft ausgesprochene Aussagen. Wodurch werden es Aussagen? Durch das kleine Wörtchen „muss“. Dieses Wort macht die Sätze endgültig. Keiner Ihrer Zuhörer würde deshalb die folgende, kritische Frage stellen:

„Musst du wirklich? Was wäre, wenn du’s nicht machst?“

Was macht das Muss?

Wer muss, der hat scheinbar keine Wahl. Wer muss, steht unter Zwang. Wer muss, führt das aus, was ihm ein anderer empfohlen oder aufgetragen hat, unterliegt einer höheren Macht, einem äußeren Einfluss.
Aber ist das wirklich so?

Nehmen wir das erste Beispiel: „Ich muss jetzt auflegen. Wir hören uns morgen!“ Es könnten mehrere Dinge hinter diesem Satz stehen.

  1. Jemand will, dass der Telefonierende zu einer bestimmten Zeit aufhört, etwas zu tun (nämlich zu telefonieren).
  2. Der Gesprächspartner hat keine Lust mehr, zu telefonieren (weil er müde ist, die Themen langweilig sind, er das Gefühl hat, alles sei für den Moment gesagt, etc.).

Wollten Sie früher nach Hause, weil Ihnen das Treffen mit Ihrem Bekannten keinen Spaß mehr gemacht hat? Woran lag das? Hätten Sie aktiver sein und mehr fragen können?

Warum müssen Sie Ihre Oma, Mutter, Schwester besuchen? Weil Sie Ihnen sonst böse wäre? Weil es sich für eine Tochter gehört, ihre Mutter zu besuchen? Weil Sie ein schlechtes Gewissen hätten, täten Sie es nicht?

Warum ist das „Muss“ nicht hilfreich?

Es gibt eine Anzahl nachvollziehbarer Gründe, die uns zu einer Sache treiben. Aussagen mit einem „Muss“ nehmen Ihnen jedoch die Freiheit, nach außen zu sagen, wofür Sie sich aus welchen Gründen bewusst entschieden haben, was für Sie Priorität hat und einen Wert.

Die Menschen, in der Regel
Finden sich in ein verhaßtes Müssen
Weit besser, als in eine bittre Wahl.
— Johann Christoph Friedrich von Schiller

Stellen Sie sich vor, Sie müssten wirklich alles tun, was Sie glaubten, zu müssen. Sie wären bald völlig ausgebrannt von den Aufgaben anderer, von den Wünschen und Erwartungen, die auf Sie einwirken, denen Sie folgen „müssen“, wenn Sie nicht bald unbeliebt oder alleine sein wollen?

Ich habe auf einer langen Autofahrt mit einem Freund überlegt, was im Leben eigentlich ein Muss ist. Natürlich sind auch hier wieder der Kontext und das Ziel der eigenen Handlungen entscheidend. Hier ist unsere (mit Sicherheit unvollständige) Liste:

  • sterben (auch da waren wir uns nicht sicher – es gibt genügend Menschen, die da anderer Ansicht sind)
  • auf die Toilette (wenn man nicht mit Windeln umhergehen möchte)
  • zur Arbeit (wenn man nicht gefeuert werden oder in die Selbstständigkeit gehen will, oder seine Arbeit nicht als Hobby hat)

Mehr fiel uns nicht ein… Denn wir konnten immer „Muss ich das wirklich?“ fragen und das war oft äußerst ungemütlich. Die Beschäftigung und Klärung dieser Fragen kann Sie aber große Schritte nach vorne bringen in Ihrer Entwicklung, denn Sie rütteln an Ihren Werten, an Ihrer Grundmotivation, Dinge zu tun oder zu lassen.

Müssen Sie ein „guter“ Bruder sein? Oder eine gute Tochter?
Müssen Sie Kinder kriegen?
Oder müssen Sie nett sein zu Ihren Kollegen und Nachbarn?

Oft spielt soziale Erwünschtheit eine große Rolle bei den Dingen, die wir uns aufbürden und als „Muss“ sehen. Wir glauben, dass andere von uns erwarten, nett zu sein, hilfsbereit und ein guter Vater. Es ist gesellschaftlich akzeptiert und gewünscht und jeder, der sich dem widersetzt, wird höchstwahrscheinlich schräg angeschaut.

Es geht nicht darum, ein kompletter Egoist zu werden und alle Brücken hinter sich abzureißen. Es geht ausschließlich um die Frage, was Sie wollen. Erst im zweiten Schritt, was andere von Ihnen wollen.

Alternativen? Wie Umformulierung Freiheit schafft

Die Möglichkeit besteht natürlich, ein anderes Wort an die Stelle des Müssens zu setzen. Sie könnten „Ich sollte“ sagen, was weniger scharf klingt als „Ich muss“. Sie könnten „Ich möchte“ sagen. Aber mal ehrlich: Glauben Sie daran, dass es dadurch nur noch „Herausforderungen“ sind und keine „Probleme“ mehr? Glauben Sie, dass Sie plötzlich zur unlieben Tante gehen wollen, nur weil Sie nicht mehr „müssen“ sagen?

Das kann klappen, wenn Sie sich gut selbst veräppeln können. Aber ich denke, es dauert lange und Sie wären nicht authentisch und kämen sich jedes Mal komisch vor.

Es fehlt meiner Meinung nach ein weiterer Schritt, um dorthin zu gelangen: Eine Einstellungsänderung ist vonnöten. Und die wahren Gründe.

Sie werden sehen, ob es Ihnen wichtig ist, Harmonie zu schaffen (und deshalb jeden Gefallen Ihrer Kollegen erledigen zu „müssen“ und nicht Nein sagen zu können) oder ob es Ihnen um Respekt und Hilfsbereitschaft geht. Sie werden schnell sehen, ob Sie wirklich die Bude aufräumen, weil Sie es gerne sauber haben oder, damit Ihre Freunde nicht von Ihnen denken, Sie wären unordentlich und ein Schmutzfink.

Hier ein paar Beispiele für alternative Formulierungen ohne Selbsttäuschung:

  • „Ich möchte gerne jetzt los, damit ich den nächsten Zug kriege. Ich treffe mich noch mit meiner Frau auf ein Glas Wein.“
  • „Ich möchte jetzt aufhören, zu telefonieren. Ich merke, dass ich müde werde und dir nicht mehr lange 100% Aufmerksamkeit schenken kann.“

Hört sich etwas hölzern an? Ist aber dennoch nachvollziehbar, trägt Verantwortung in sich und ist ehrlicher und transparenter. Für Sie und für andere.

Ich kann, weil ich will, was ich muss.
–Immanuel Kant

Was wäre das Schlimmste, was passieren könnte?

Diese zu stellende Frage stellt die Konsequenzen heraus, die eine bewusste Entscheidung von Ihnen nach sich zieht.

Was wäre denn, wenn Bekannte bei einer nicht geputzten Wohnung von Ihnen dächten, Sie wären dreckig und unordentlich? Was wäre das Schlimmste, das passieren könnte? Würden sie deshalb den Umgang mit Ihnen kündigen? Eher nicht. Und wenn, dann wäre das wahrscheinlich längst überfälliges Zeichen, keine weitere Zeit in solche Bekanntschaften zu investieren.

Schöne Quellen, über die Sprache nachzudenken und sich Impulse zu holen, sind mit Sicherheit Milton Erickson, der sich sehr auf die Wirkung unserer Sprache konzentriert und auch Therapeuten wie Steve deShazer als Grundlage gedient hat. Auch Stephen Covey’s 7 Wege zur Effektivität: Prinzipien für persönlichen und beruflichen Erfolg hat sich dem Thema im großen Kontext angenommen und eine Verbindung zwischen Reiz und Reaktion gemacht.

Sie könnten z.B. für 30 Tage probieren, beim Sprechen auf das Wort „müssen“ zu achten und es einzuschränken. Zum Beispiel mit Hilfe eines Gummibandes!

Was verändert sich bei Ihnen durch die bewusstere Nutzung des Muss?

Muss ich wirklich wirklich?

von Michael Tomoff Lesezeit: 6 min
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