Menschen folgen Mustern. Muster, die sie ständig wiederholen und so tief einüben, bis sie automatisch ablaufen und infolgedessen Energie und Zeit sparen.

Das kann allerdings fatale Folgen haben, wie die folgende, wahre Begebenheit zeigt.

Es war ein schöner Tag. Unsere Belegschaft hatte bei meinem Chef das Weihnachtsfest nachgeholt und nach einer Runde Kegeln (ja, es war lustig!), einem guten, selbst gekochten Essen und guten Gesprächen zogen sich einige zurück, gingen nach Hause oder (die Gastgeber! ;) schlafen.

Unser Programmierer überredete mich allerdings noch, die wunderbare technische Ausstattung unseres Chefs zu nutzen und noch “eine Runde” Grand Theft Auto zu spielen, ein Spiel, das ich vorher nur von Plakaten oder dem Lob einiger Freunde kannte.

Das war ca. 23 Uhr.

Zeitsprung.
4:24 Uhr.

Ich renne aus dem Gebäude meines Chefs. Mein Zug nach Bonn wird wahrscheinlich ohne mich abfahren, wenn ich nicht 10 Minuten zum Bahnhof sprinte. Es sei denn…

Und da stehe ich plötzlich: einen Stein in der Hand, ein schwarzer Audi A3 neben mir, der für meinen Weg zum Bahnhof bestens geeignet scheint und aufgrund der Abwesenheit von Menschen ein leichtes Opfer und gutes Fortbewegungsmittel sein wird.

Eine Sache von Sekunden.

Plötzlich realisiere ich, was gerade geschieht.
Ich bin geschockt. Der Stein fällt mir aus der Hand auf die Straße.

Was war passiert?

Es war ein außergewöhnlich gut und naturgetreu animiertes Videospiel mit einer für mich völlig neuen Rahmenhandlung. Aber es war verrückt und von meiner Realität weit entfernt.

Natürlich ist Grand Theft Auto – wie viele andere Computerspiele – so erstellt, dass ich nicht jedes Level sofort erfolgreich abschließen konnte, sondern meine Fähigkeiten (Autofahren, Autos knacken, strategisch kluge Entscheidungen treffen, etc.) ständig üben und ausbauen musste, um zu überleben und zum nächsten kleinen Abenteuer zu gelangen.

Stärken nutzen, aber trotzdem gefordert werden – eine Kombination, die das Erreichen von Flow fördert und erleichtert.

Für über fünf Stunden hatte sich mein Gehirn an folgendes Muster gewöhnt: Suche dir ein Auto, das du stehlen kannst, knacke es, jage jemanden oder etwas mit Höchstgeschwindigkeit, sacke den Gewinn ein (neue Waffen, ein anderes, gesuchtes Auto, Geld) und bleibe dabei am Leben.

Ich bin einer jener Verfechter, die davon überzeugt sind, dass Computerspiele wenige Auswirkungen darauf haben, dass Jugendliche durch die Straßen ziehen und Mitschüler sowie deren Lehrer erschießen. Und ich bin noch der Meinung, dass wesentlich mehr dazu gehört als nur das Computerspiel.

Aber diese Nacht brachte mich ins Grübeln.

Das fortwährend wiederkehrende Muster veranlasste mich nicht nur dazu, nach dem Rausstürmen aus dem Wohngebäude meines Chefs die Gegend nach Autos zu scannen, die mich schnell an mein Ziel bringen würden.

Die beständig ausgeübten Tätigkeiten gaben mir außerdem das Gefühl, mein für das Spiel erlerntes Fähigkeiten-Repertoire auf die “Wirklichkeit” anzuwenden.

Ich war – für einen kurzen Moment – in der Welt des Spiels stecken geblieben.

Die Wirklichkeit formen – Stein für Stein

Sie kennen wahrscheinlich noch das Spiel Tetris, das auf dem Gameboy damals Ruhm erlangte. Vier Arten von Formen fallen von oben nach unten und sollten durch Rotation am Boden gestapelt werden. Sind auf dem Boden eine oder besser noch mehrere lückenlose Reihen entstanden, verschwinden diese.

So einfach dieses Spiel klingt, so genial ist es. Und die Wissenschaft fand Interessantes heraus.

Stickgold und seine Kollegen (Stickgold et. al, 2000) luden Teilnehmer dazu ein, für mehrere Stunden am Tag Tetris zu spielen. Neben dem netten Nebeneffekt, für das Spielen bezahlt zu werden, erfuhren die Teilnehmer auch noch das Phänomen, das als Tetris-Effekt bekannt wurde:

Noch Tage nach der Studie träumten einige von fallenden Formen, die vom Himmel fielen. Selbst in ihren Wachphasen sahen andere die typischen Formen aus dem Spiel:

In mehrstöckigen Kühlregalen, die mit Pizzen und anderen Boxen voll waren (aber nicht gefüllte Stellen aufwiesen). Oder bei Häuserreihen, in deren Zwischenräume die lange Stabform wunderbar hineinpasste.

Die Teilnehmer konnten nicht aufhören, ihre Welt als eine Abfolge von Tetris-Blöcken zu sehen und diese zu rotieren, um sie geistig in passende Lücken zu fügen.

Waren die Teilnehmer temporär verrückt geworden?

Ganz und gar nicht. Der Tetris-Effekt stammt von einem normalen Prozess im Gehirn. Es wiederholt bestimmte Auslöser, die durch die intensive Beschäftigung mit den Tetris-Formen eingespielt und hoch automatisiert waren. Nach Stunden des Rotierens von Blöcken bei Tetris erstellt unser Gehirn neue Nervenbahnen und Verknüpfungen, die je nach Übung besser und schneller genutzt werden – so auch außerhalb des Tetris-Spielfeldes.

Die Teilnehmer steckten fest in einem sogenannten “kognitiven Nachbild”, das wir in abgeschwächter und visueller Form kennen, wenn wir auf etwas Helles schauen, danach die Augen schließen und trotzdem noch eine helle Fläche “sehen”.
Zum Beispiel, wenn uns jemand mit Blitz fotografiert und wir direkt in die Kamera geschaut haben…

Neu verdrahtet – na toll!

Gegenüber der visuellen Variante verschwindet das kognitive Nachbild allerdings nicht so schnell.

Übt man für ein Tetris-Turnier, ist dieser Effekt praktisch. Im Berufsleben haben wir aber nicht viel davon (wenn wir nicht gerade Auto-Kofferräume vollpacken oder Paketlieferant der Deutschen Post sind…). Und so ist es vielfach: einige Muster sind zwar hochgradig automatisiert, aber weniger hilfreich als andere.

Es gibt viele verschiedene Versionen des Tetris-Effekts und wir alle kennen jemanden, der eine Version davon auslebt (oder sind selber einer von ihnen):

  • den Chef, der stets die Dinge am Mitarbeiter moniert, die im missfallen, anstatt die positiven hervorzuheben,
  • den Kollegen, der einen Text nicht weiterlesen kann, bevor er nicht den Rechtschreibfehler korrigiert hat (obwohl man ihm vorher gesagt hat, er soll auf den Inhalt achten),
  • den Mitarbeiter, der das Schlimmste erwartet, unabhängig davon, welche positiven Erfahrungen er in der Vergangenheit auch gemacht haben mag,
  • oder allgemein die Situation, auf einmal überall das zu sehen, was man gekauft hat (den neuen Wagen, diesen einen speziellen Mantel, das Paar Sportschuhe, etc.).

Diese Menschen wollen uns das Leben mit ihrer Art meist nicht erschweren. Sie sitzen nur fest in einem gut funktionierenden, aber auf Probleme und Missstände fokussierenden Muster.

Mit was füllen Sie Ihre Lücke?

Das Auffinden von Fehlern, Verbessern von suboptimalen Prozessen oder Antizipieren von möglichen Problemen bei einem Projekt im Arbeitskontext wird fast ausschließlich belohnt. Und das ist dort auch hilfreich.

Kommt der Jurist oder Lektor am Abend dagegen nach Hause und kritisiert die unlogischen und sich widersprechenden Sätze seiner Frau oder die von Fehlern besetzte Hausarbeit seiner 10-Jährigen, ist das in diesem Kontext wenig hilfreich.

Je besser wir darin werden, Fehler zu entdecken, desto mehr wenden wir es an, denn unser Gehirn hat uns ja die Wege zu diesem Denken geebnet.

Der äußerst schwierige Nebeneffekt: wenn wir – wie der Schein einer Taschenlampe – auf die negativen Dinge im Leben fokussieren, bleiben die positiven aus dem Fokus heraus im Dunkeln. Oder um es in anderen Worten auszudrücken:

Wenn Sie nach einem Gorilla suchen, dann sehen Sie auch einen.

Richten Sie Ihren Scheinwerfer aus

Wenn sich deine Wahrnehmung verändert, verändert sich auch deine Wirklichkeit.
–unbekannt

Die gute Neuigkeit: wir können unser Gehirn – genau wie die Tetris-Spieler aus dem ersten Experiment – trainieren, auf das Positive in jeder Situation zu achten. Anfangs möglicherweise noch als Spiel für einen Tag, wird daraus schnell eine Routine, die andere Bereiche Ihres Lebens positiv beeinflusst.

Eine einfache Übung, um sich der Macht des Fokussierens bewusst zu werden, ist diese:

Schließen Sie die Augen und stellen Sie sich die Farbe Rot vor. Kräftig, klar und deutlich. Dann öffnen Sie Ihre Augen wieder und schauen sich um.

Ich hoffe, Sie haben Rot in Ihrer Umgebung, denn dann sollte es jetzt herausstechen und Ihnen verstärkt auffallen.

Wie mit Farben, ist es ebenso mit allen anderen Dingen. Setzen Sie bei Ihren Mitmenschen die Potentialbrille auf, sehen Sie plötzlich Schwächen, die in anderen Kontexten eine Stärke darstellen (z.B. die barsche Art eines Kollegen, der sich klar positioniert und Nein sagen kann).

Haben Sie eine Potentialbrille, einen Stärken-Fokus?

Im nächsten Artikel zeige ich Ihnen mit einer befreienden und extrem wirkungsvollen Übung, warum das Tragen der Stärken- oder Potentialbrille gerade bei unlieben Personen sehr hilfreich ist.

 

Foto: Mache on flickr

Literatur

Earling, A. (March 21–28, 1996). The Tetris effect: Do computer games fry your brain? Philadelphia City Paper.

Stickgold, R., Malia, A., Maguire, D., Roddenberry, D., & O’Connor, M. (2000). Replaying the game: Hypnagogic images in normals and amnesics. Science, 290, 350–353.

Positive Psychologie und der Tetris-Effekt: ein starkes Duo

von Michael Tomoff Lesezeit: 6 min
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