Es gibt Situationen, in denen man gerne spontan wäre. Doch es fällt nichts ein, man ist kopflos, leer.

Stellen Sie sich vor, Ihr Kollege kommt am Montagmorgen nach seinem verlängerten Wochenende wieder zurück ins Büro. Anstatt „Guten Morgen“ zu sagen, wirft er Ihnen vor, genau zu wissen, dass er an freien Tagen sein Handy ausschaltet und nicht gestört werden will. Auch nicht von Ihnen. Und besonders nicht mit dummen Fragen.

Er schließt mit einer spitzen Bemerkung und setzt sich auf seinen Stuhl.

Und Sie? Sie schauen währenddessen auf einen Punkt Ihres Schreibtischs, oder aus dem Fenster, oder auf Ihre Hand.
Irgendwohin, nur nicht in die Augen Ihres Kollegen, der seinen vorbereiteten Wochenstart gerade bei Ihnen ablässt.

Sie denken bei einigen seiner Punkte, dass er Recht hat. Bei anderen wissen Sie, dass er Blödsinn von sich gibt. Und so entsteht in Ihrem Bauch ein schöner Cocktail aus Wut über sich selbst und einen Fehler und Ihre fehlende Erwiderung auf die Ungerechtigkeiten des Kollegen.

Ein toller Start in den Tag, oder?

Dort am Schreibtisch versteinert zu sitzen und keine Antwort parat zu haben oder zumindest Ihren Kollegen zu unterbrechen, kann schlimm sein. Solch eine Aktion – und Sie kennen wahrscheinlich mindestens eine ähnliche – kann ein zwischenmenschliches Verhältnis nachhaltig negativ beeinflussen. Egal ob es der Kollege auf der anderen Seite des Tisches ist oder die Kassiererin mit dem mürrischen Ton – schlagfertig und dennoch höflich zu sein, hat sich wahrscheinlich schon jeder von uns einmal gewünscht.

Es gibt viele mögliche Szenarien, wie das von Ihrem Kollegen so harsch begonnene Gespräch zu Ende gehen könnte.

Ich möchte Ihnen heute eine neue Möglichkeit zeigen, wie Sie dieses Szenario in eine gute Richtung lenken und ein wenig Humor mit ins Spiel bringen können.

Scrubs und die Stimme aus dem Off

Vielleicht kennen Sie die Comedy-Serie Scrubs. Dort geht der Hauptcharakter „JD“ durch die Flure seiner Arztkarriere und erlebt – sowohl auf fachlicher als auch persönlicher Seite – eine Vielzahl von Herausforderungen und unüberwindbar scheinenden Hindernissen.

Begleitet wird er von seinen Gedanken – der „Stimme aus dem Off“. Diese Stimme ist teils provokant und scheint wie ein Spiegel, eine zusätzliche Person neben dem Hauptcharakter, die ausspricht, was nicht laut gesagt wird. Und das oft auf eine selbstkritische und -ironische Art.

In Situationen, in denen wir nicht wissen, was wir sagen wollen, uns überrumpelt fühlen und verärgert sind aufgrund der Ungerechtigkeit und fehlender Fairness, wäre es häufig hilfreich, wenn wir Abstand von der Situation hätten, selbst eine Stimme aus dem Off wären.

Was wäre, wenn Sie die Rolle der Stimme übernehmen würden?

Abstand gewinnen, Bewegungsraum gewinnen

Sie sind erstarrt wie in einem Traum, in dem Ihr Mund verklebt ist und Sie kein Wort über die Lippen bekommen, noch fliehen können.

Am liebsten würden Sie einfach nur aufwachen.

Können Sie!

es gibt Menschen
neben denen kannst du wachsen
und es gibt Menschen
neben denen wirst du immer kleiner
Anke Maggauer-Kirsche

Lassen Sie Ihrer Inneren Stimme, Ihrem neben-sich-Stehen Freiraum und wählen Sie das Wachstum. Experimentieren Sie mit der Stimme-aus-dem-Off. Mit ihr behalten Sie jederzeit den Überblick und können die Situationen von oben betrachten. Sie können gewissermaßen aus Ihrer Haut.

Und so funktioniert’s:

1. Einstimmen. Versetzen Sie sich in die Lage, in der Sie in solch einer stressvollen Situation wären. Sie wollen etwas erwidern, können aber nicht und sind zwischen den Stühlen. Eingeschüchtert, ärgerlich, ängstlich, wütend.

2. Die Pause-Taste. Überlegen Sie sich ein Wort, dass die Situation verbal unterbricht und für Sie nicht schwer zu sagen ist. Es ist die Pause-Taste der Situation, die durch ein Wort ausgelöst wird. Das kann „Stop“ oder „Werbepause“ sein oder auch „Kamerawechsel“.

Es ist völlig egal, ob ihr Gegenüber das seltsam oder albern findet. Wichtig ist, dass Sie eine Unterbrechung hervorrufen und aus der Starre aufwachen.

3. Weg vom Fleck. Nach dem Wort stehen Sie auf oder gehen bewusst einen Schritt zur Seite. Sie nehmen damit eine andere Perspektive ein und übernehmen damit „die Stimme aus dem Off“, den Kommentator Ihres Lebens, den Betrachter der momentanen Situation. Und zwar in der dritten Person.

4. Und dann plappern Sie drauf los. Sagen Sie – immer von außen über den dort imaginär noch neben Ihnen Sitzenden oder Stehenden – was Ihnen in den Kopf kommt.

Mein Favorit in solchen Situationen ist der Humor. Vielleicht, weil ich mir ihn über Jahre hinweg als kleine Abwehrstrategie angeeignet habe, die anderen Menschen – wenn respektvoll angewandt – nicht so auf die Füße tritt wie harsche Direktheit. Aber nicht jeder hat diese Strategie, darum folgend auch zwei andere Beispiele.

Parieren – z.B. mit Kreativität und Humor

„Und da sitzt Julius, steif und überrumpelt, würde gerne etwas erwidern, weiß aber nicht, was, denn er ist wütend und denkt ‚Was zur Hölle will Berthold [der Kollege] eigentlich von mir und warum sagt er nicht mal guten Morgen, bevor er seine schlechte Laune an mir auslässt?!‘. Julius [in diesem Fall die Hauptperson] sitzt da, schaut sich auf die Finger und fühlt sich ungerecht behandelt und Berthold lädt einfach mal ab. Schöner Wochenanfang!“

Oder auch noch konkreter und mit konstruktiver Gegenkritik.

„Tja, jetzt sitzt du da und du würdest deinem lieben Kollegen gerne die Meinung sagen. Dass ihr euch auch gerne sachlich und wie Erwachsene unterhalten könntet. Oder konstruktiv. Oder respektvoll. Gut, du könntest dich natürlich auch erstmal für den Anruf in seinem Urlaub entschuldigen, da hat er wohl Recht. Naja, bleib einfach noch eine Runde sitzen und guck dir auf die Finger, während du versuchst, spontan zu sein…!“

Oder etwas kesser und verbündend:

„Holla die Waldfee, da hat aber eine schlechte Laune, was Julius? So kennen wir unseren Kollegen gar nicht! Sonst kommt er immer rein und sagt mindestens Guten Morgen, bevor er uns die angestaute Kritik eines ganzen Wochenendes über den Kopf zieht und uns den Marsch bläst. Mal sehen, wie es weitergeht!“

Und dann begeben Sie sich wieder an Ihren Ausgangspunkt (sitzend auf dem Stuhl z.B.).

Was denken Sie, was Ihr Kollege dann machen würde?

Es ist völlig egal. Denn: Sie sind raus!

Denn was jetzt passiert, ist Folgendes: Sie haben den Ansturm abgewehrt, Ihrem Kollegen den Wind aus den Segeln genommen und ihn mit Unerwartetem überrascht. Und wenn der Kollege sich nicht beeindruckt zeigt, sind wenigstens Sie selbst aus der Starre heraus und haben reagiert.

Selbst, wenn Sie das jedes Mal tun, wenn er Ihnen eine Standpauke gibt, wird er irgendwann bemerken, was Sie stört.

Und Sie haben die Möglichkeit, etwas über Ihren Gefühlszustand zu sagen, Ihrem Gegenüber mitzuteilen, dass Sie gerade unter Strom stehen, wütend oder enttäuscht sind.

Die 3. Person – Perspektive und Backup

Es ist einfacher, etwas aus der dritten Person zu sagen als in der Ich-Perspektive. Und Sie machen das automatisch. Zum Beispiel, wenn sie Dinge sagen wie „Da muss man dann durch“, wenn Sie meinten, dass Sie da durch müssen. Oder Sie sagen, „Das hätte man in der Tat besser machen können.“, wenn Sie eigentlich sich oder jemand anderen meinten.

Die „man“-Form wird häufig automatisch genutzt.

  • Um sich aus der Verantwortung zu ziehen und abzugeben („Könnte ja mal einer initiieren…“).
  • Um etwas abzumildern („Kann man ja nicht wissen!“).
  • Um etwas nicht an sich heran zu lassen („Kann ich mir vorstellen, dass man da wütend wird.“).

Und genau das können Sie mit der Stimme aus dem Off ebenfalls nutzen. Und es hat noch einen Vorteil: die „3. Person“ ist 100% auf Ihrer Seite und kann Sie genauso unterstützen wie eine reale dritte Person.

Ein beruhigender Gedanke, finden Sie nicht?

Den Ortswechsel vom Sitzen zum Stehen oder von hier einen Schritt zur Seite vorzunehmen, ist übrigens für viele einfacher, als spontan und schlagfertig zu antworten. Aber es ist bereits die erste Aktion aus der Starre. Und zwar eine physische (die Körperbewegung), die Ihnen über die psychische (die Sprechblockade) hinweghilft.

Ihre Gefühle jemandem mitzuteilen, der Sie gerade runtermacht und kritisiert, ist selbst in Partnerschaften schwer und braucht Übung. Das Aufstehen oder zur-Seite-Gehen ist jedoch eine Chance auf einen frischen Start. Sie können das – unabhängig von der Situation – im Vorfeld sogar bereits üben.

Was kann passieren?

Nach der Stimme aus dem Off können nicht viele Dinge passieren. Es gibt meiner Meinung nur drei Variationen, die natürlich nicht wortwörtlich so auftreten, aber in leicht abgeänderter Variante passieren können:

  1. Ihr Kollege ist perplex und denkt, Sie wären jetzt völlig durchgedreht, wie Sie mit sich oder einer imaginären Person vor sich reden. Er versteht nicht, was Sie meinen und worauf Sie hinaus wollen.
  2. Er versteht, was Sie ihm sagen wollen, bleibt in seiner Laune aber lässt sie in Ruhe und setzt sich kopfschüttelnd hin. (dann haben Sie in der Hand, wie es weiter geht)
  3. Er sieht ein, Ihnen gegenüber unfair gehandelt zu haben, entschuldigt sich, sagt guten Morgen und fängt noch einmal in netterem Ton an, über die Kritik zu sprechen oder lässt Ihnen den Raum, „aus Ihrer Person“ heraus zu reagieren.

Eines ist sicher: Sie verschaffen sich Zeit, entkommen Ihrer Starre und haben eine Möglichkeit mehr, auf unangenehme Situationen zu reagieren, ohne aus der Situation fliehen zu müssen und den Konflikt damit zu vermeiden.

Wo können Sie „die Stimme aus dem Off“ ausprobieren? Wer bringt Sie ab und an in solch unangenehme Situationen?

Und wenn Sie gerade 10 Minuten Zeit haben, fangen Sie gleich an, Trockenübungen zu machen, damit Sie das nächste Mal vorbereitet sind!

Foto: Freeimages.com

Raus aus der Versteinerung: Die Stimme aus dem Off

von Michael Tomoff Lesezeit: 7 min
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