Wie schwer es doch immer wieder ist, sich ehrlich zu entschuldigen. „Es tut mir leid.“

Vier Worte. Und einer der schwierigsten auszusprechenden Sätze. Trotzdem ist er einer der wichtigsten in menschlichen Beziehungen. Sich anzuschauen, warum wir in den entscheidenden Momenten nicht um Verzeihung bitten und wie man es lernen kann, ist essentiell für jede Beziehung.

Wir sprechen eine Entschuldigung in vielen Situationen aus, die es nicht erfordern. Wenn jemand zu leise spricht („Entschuldigen Sie, ich habe Sie nicht verstanden.“), wenn uns jemand anrempelt („Ups, sorry!“) oder wenn wir jemandem eben kein Feuer für seine Zigarette geben können („Tut mir leid, ich rauche nicht.“).

In für uns wichtigen Situationen mit uns wichtigen Menschen bringen wir ihn wiederholt nicht über die Lippen, diesen Satz (noch nicht einmal die englische Variante des „Sorry“, die uns sonst so viel leichter fällt). Und je wichtiger uns diese Menschen sind, desto erbitterter kämpfen wir um unser Recht – und machen es damit schlimmer. Wir schlucken lieber die Entschuldigung runter, als unseren Stolz.
Trotz des Wissens, wie schädlich sein Nichtaussprechen für eine private oder berufliche Beziehung sein kann.

Aber welche Gründe gibt es wider besseren Wissens solche Dummheiten zu begehen?

Warum wir uns nicht entschuldigen

  • Scham. Wenn wir etwas meisterlich vermasselt haben, obwohl wir es vorher – oder zumindest währenddessen – besser wussten, kann es schwer sein, die betroffene Person darauf anzusprechen. Es ist einfacher so zu tun als wäre es nie passiert als um Vergebung zu bitten.
  • Stolz. „Es tut mir leid“ zu sagen ist speziell für Männer oft schwierig. Sie geben nicht gerne Fehler zu. Es ist ihnen unangenehm, einzuräumen, dass sie Fehler gemacht haben. Dass sie Unrecht hatten. Lieber grummeln viele im Stillen vor sich hin, anstatt sorry zu sagen und sich verletzlich zu zeigen.
  • Wut. Es ist meist nicht der Fehler einer einzigen Person, der eine Entschuldigung verlangt (mehr dazu gleich). Situationen schaukeln sich hoch, ein Wort ergibt das andere und keiner zieht die Bremse. Beide sind weit weg davon, einen Schritt auf die andere Person zuzugehen. Manchmal ist die Wut über die Art, wie uns der andere verletzt oder angegangen hat, so groß, dass wir alleine deshalb keine Entschuldigung aussprechen.

Die Erkenntnis: Menschlichkeit

Natürlich hat man nicht immer Recht. Natürlich weiß man nicht immer alles besser. Der Glaube daran ist aber stark in uns verankert, so dass wir in jenen kritischen Augenblicken denken, es sei so.

Das ist menschlich, denn es gibt uns Sicherheit, Selbstbewusstsein und die Kraft, eine Diskussion überhaupt anzupacken und ihr nicht aus dem Weg zu gehen.

Es ist schwierig, diesen kristallklaren Fakt zu akzeptieren, aber wir sind nicht perfekt. Das ist Teil des Lebens. Keine neue, aber eine essentielle Erkenntnis.
Sie zu leugnen, isoliert uns von anderen Menschen.
Sie anzunehmen, lässt uns wachsen.

Und leichter vergeben.

Wann wir uns entschuldigen sollten

Selbst dann, wenn man nicht alleine „Schuld hat. Manchmal will ich einfach nicht Sorry sagen, weil ich Angst habe, alleine zu bleiben mit meiner Entschuldigung. Ich warte auf den Punkt, wo mein Gegenüber sich ebenfalls für etwas entschuldigt.
Irgendetwas.

Ich warte oft vergebens. „Er ist aber auch Schuld, warum fragt er auch in solch‘ komischem Ton!“ oder Wenn sie das nicht gesagt hätte, wäre ich ja nie ärgerlich geworden!“ sind dann meine Gedankengänge.

Das ist ein sicheres Mittel, keine Entschuldigung zu hören, weil sich meine negativen Gedanken natürlich auch nach außen anhand meiner Laune zeigen.

Es ist nie zu 100% das (ungewollt) fehlerhafte Verhalten einer einzigen Person. Wenn die Ehefrau das Abendessen mit grimmiger Miene auftischt und ein kantiges „Wohl bekommt’s!“ dazu legt, dann kann das heißen, dass sie es leid ist, nach einem eigenen anstrengenden Tag noch zu kochen.

Viel wahrscheinlicher ist aber, dass sie sich Sorgen um die Gesundheit ihres Mannes macht, weil er zu viel arbeitet. Und, dass sie mehr Zeit mit ihm verbringen möchte. Nur ist das eben häufig schwer in gute Worte zu verpacken, wenn man sich nicht wertgeschätzt fühlt.

Beziehungen sind komplexe Systeme. Wer bei einem Streit angefangen hat, ist nicht nur eine kindische, sondern auch nicht zu klärende Frage, denn immer kann man noch einen Schritt weiter in die Vergangenheit gehen und den Satz „Ja, aber…“ aussprechen und dazu einen Grund, warum man nur re-agiert und deshalb nicht wirklich angefangen hat.

Mir wäre allerdings neu, wenn mein Gegenüber nach solch einer „Ja-aber-Kette“ irgendwann einmal einen Fehler zugegeben hätte…

Recht haben oder glücklich sein

Es ist bei weitem nicht so wichtig, dem anderen zu beweisen, warum man nicht komplett schuldig ist. Es ist viel wichtiger (z.B. für das langfristige Wohlbefinden), gesunde Beziehungen zu haben, auch wenn das heißt, sich als erster zu entschuldigen. Sich im Recht zu wähnen, dafür aber die Gefühle des Partners unwiderruflich verletzt zu haben, ist kein guter Deal.
Recht zu haben, hält nachts nicht warm und ist auch nicht kuschelig.

Die Chance, dass die Aufwärtsspirale beginnt und sich auch der andere entschuldigt, ist viel größer, wenn man den ersten Schritt macht und damit den Ball ins Rollen bringt.

Selbst dann, wenn man nicht erwischt wurde. Als Kind stahl ich einmal einen Plastikspecht aus einer Sparkasse. Es war Tag der offenen Tür und die lustigen kleinen Viecher zum Anheften an die Fensterscheibe waren zu faszinierend, als dass ich nicht einen davon einsteckte.

Zu Hause legte ich den Specht hinter das Sofa, weil mein schlechtes Gewissen unerträglich war. Als das aufziehbare Plastiktier dort eine Woche ungenutzt gelegen hatte, ging ich zu meiner Mutter und beichtete ihr meine Tat. Ich weinte bitterlich und schluchzte ihr meine Entschuldigung zu.

Als sie mich lachend in den Arm nahm und sagte, dass die Spechte Geschenke der Bank waren, um Werbung zu machen, war die Welt für mich wieder in Ordnung.

Auch als Erwachsener kann das schlechte Gewissen unerträglich sein. Es zeugt von Größe, für etwas um Verzeihung zu bitten, das eventuell niemand herausgefunden hätte. Aber gerade aus diesem Grund, macht es die Entschuldigung so bedeutend und kraftvoll.

Zeitnah. Je länger man mit seiner Entschuldigung wartet, desto tiefer gräbt sich der Ärger des Gegenübers ein, desto schwieriger wird es für ihn, zu vergeben und die Entschuldigung anzunehmen, ohne noch einmal Frust abzulassen. Hier ist kein Perfektionismus angesagt, so dass nach 4 Wochen das perfekte Sorry-Gedicht da sein muss. Zeit heilt Wunden. Aber zu viel davon vergehen zu lassen, schafft auch Wunden.

Seinen Fehler sofort einzugestehen und zu sagen, dass das gerade dumm, unhöflich, verletzend oder falsch war, zeigt auf, dass man selbstaufmerksam und selbstreflektiert ist. Man kann Gesagtes (und Getanes) nicht mehr rückgängig machen. Aber man kann um Vergebung bitten und daraus lernen.

Dass eine Bitte um Verzeihung ansteht, ist damit klar. Nur wie?

Wie Sie sich entschuldigen sollten

In einer Studie untersuchten Amy Bippus und Stacy Young, welche Bestandteile eine Entschuldigung ideal machen (Bippus & Young, 2020).

Die Forscherinnen haben dazu die Meinungen der Empfänger:innen von Entschuldigungen berücksichtigt.

Es stellte sich heraus, dass einige Elemente wie die Übernahme der Verantwortung, die formelle Entschuldigung und die Benennung des konkreten Fehlers in allen Fällen wichtig waren.

Andere Elemente hingen vom Typ und/oder der Schwere des Fehlers ab.

Hier sind – mit den Erkenntnissen aus der Forschung – insgesamt 10 Tipps, die einem den Weg der Entschuldigung erleichtern und die Entschuldigung wirkungsvoll machen.

1. Ehrlich sein

Da es für mich die wichtigste Regel für Entschuldigungen ist, steht sie am Anfang. Ein unehrliches „Es tut mir leid“ ist schlimmer, als keine Entschuldigung. Es wäre der Versuch des einfachen Auswegs aus einem Streit. Besonders Menschen, die uns nahe sind, merken das schnell.

Unehrliche Entschuldigungen fliegen leicht mit der der Frage „Was genau tut dir denn leid?“ auf, denn eine dahin gemurmelte Entschuldigung des Entschuldigens wegen ist oberflächlich.

Man findet immer Dinge (egal, wie klein sie sind), die besser hätten laufen können. Und für die größeren, für die man noch nicht um Verzeihung bitten will, kann man um Erklärung bitten, was daran verletzend oder falsch war.

Wenn das Gegenüber dann Mensch genug ist, dieser Bitte nachzugehen und sie nicht mit einem „Wenn du das nicht weißt, dann ist es sowieso egal!“ abzuschmettern, dann fällt es dem „Schuldigen“ danach erheblich leichter, verständnisvoll „Es tut mir leid“ zu sagen.

2. Aufschreiben statt aussprechen

Für viele ist es einfacher, eine Entschuldigung aufzuschreiben. Vielleicht, weil man nicht unterbrochen wird. Möglicherweise, weil Stolz oder Scham beim Schreiben weniger wichtig sind als bei der direkten Ansprache. Eventuell, weil man die Zeit hat, die richtigen Worte zu finden oder sie nicht vor Aufregung zu vergessen.

Obwohl eine Entschuldigung von Angesicht zu Angesicht die Optimallösung darstellt (meiner Meinung nach zumindest), ist eine schriftliche Entschuldigung besser als keine und kann das Eingraben von Ärger beim anderen stark verlangsamen oder sogar stoppen.

3. Humor über sich selbst

Humor an der richtigen Stelle kann eine eingefahrene Situation oft auflösen. Wer über sich lachen kann, hat es leichter, auch Fehler einzugestehen und vermag es auch erfahrungsgemäß, den anderen zum Lachen zu bringen.

4. Verantwortung übernehmen ohne „aber“

„Ja, aber…“ zu sagen ist ähnlich kritisch wie eine nicht ernst gemeinte Entschuldigung. Eine Ausrede im gleichen Satz wie die Entschuldigung ruiniert die Entschuldigung komplett und untergräbt Ehrlich- und Aufrichtigkeit. Alles, was beim Gegenüber hängen bleibt, ist ein neuer Vorwurf.

Also: „Aber“ hinunterschlucken, einen Punkt machen und damit Verantwortung übernehmen. Danach ist mehr Platz für besagte Aufwärtsspirale. (Wie in „Du hast Recht. Ich gebe zu, ich war auch unfair dir gegenüber…“)

5. Verständnis zeigen

Auszusprechen (oder aufzuschreiben), dass man versteht warum der andere sauer oder enttäuscht ist, zeigt, dass man sich Gedanken gemacht hat, welche Auswirkungen und Konsequenzen aus dem eigenem Handeln entstanden sind. Das ist Anteilnahme.

Niemand möchte eine Entschuldigung von jemandem hören, nur weil dieser denkt, es sei seine Pflicht.

6. Anbieten, es wieder gut zu machen

Man kann das Geschehene zwar nicht rückgängig machen, aber versuchen, es auszugleichen. Das besänftigt den anderen und nimmt einem selbst auch das schlechte Gewissen, noch in der Schuld des Gegenübers zu sein.

Das setzt allerdings voraus, dass nach einer Wiedergutmachung der Fehler tatsächlich abgehakt ist. Niemand wird häufiger und schneller Reue empfinden, wenn Fehler trotzdem im Nachgang auf’s Brot geschmiert werden.

7. Geloben, es in Zukunft besser zu machen

„Geloben“ heißt nicht „versprechen“. Obwohl man argumentieren könnte, dass einem kein Fehler zweimal passiert, der einem leid tut, sind wir – und ich kann es nicht oft genug betonen – nur Menschen.

So sehr ich mich auch anstrenge, werde ich trotzdem aus Müdigkeit heraus wieder die Geduld verlieren und etwas Falsches sagen. Es wird aber seltener passieren. Und seltener. Und das ist erstrebenswert.

Wie leicht aber kann eine geduldige Zeit ohne Streit und die harte Arbeit dahinter zunichte gemacht werden, wenn man versprochen hat, dass es „nie wieder passieren wird“ und dann doch geschieht.

Einige Dinge sollten jedoch nicht zweimal passieren. Und dann macht es sicherlich Sinn, ein Versprechen abzugeben.

8. In den Arm nehmen

Wenn das Verhältnis es erlaubt, ist eine Umarmung zu einer Entschuldigung Gold wert. Oft ist noch ein Rest Trotz oder Ärger vorhanden. Körperkontakt ist uns Menschen jedoch so wichtig, dass er alleine oft ein Vergeben möglich und einfacher macht.

9. Auf Worte Taten folgen lassen

Am Ende wird jede Entschuldigung daran gemessen, ob sich etwas verbessert hat. Nach der Entschuldigung ist vor der Entschuldigung. Das Verhalten in der Zeit dazwischen sollte zeigen, dass es einem wirklich leid tat, wofür man sich entschuldigt hat.

10. Sich nicht über-entschuldigen

Den Taten Worte folgen lassen heißt nicht, dass Sie jeden zweiten Tag mit Blumen für Ihren Partner vor der Tür stehen und reumütig Bücklinge machen. Es bedeutet, dass Sie sich zu Herzen nehmen, was passiert ist und aus einem Fehler einen Helfer machen.

Wenn man sich einmal entschuldigt hat, sollte das reichen. Auch ein zweites Mal tut zumindest dem Betroffenen oft noch gut. Kontinuierlich für den selben Fehler um Entschuldigung bitten zu müssen, hat nichts mehr mit einer gesunden und gleichberechtigten Beziehung zu tun.

Jemand, der wieder und wieder Entschuldigungen einfordert und nicht vergeben kann, sollte sich überlegen, woran das liegt und ob nicht wesentlichere Dinge im Argen sind.

Entweder akzeptiert jemand eine Entschuldigung oder nicht. Zu sagen, ein Fehler sei vergeben und ihn später wieder als Beweis für eine vergangene Schwäche hervorzuholen, ist nichts anderes als eine unehrliche Entschuldigung.

Welchen Weg Sie auch wählen – am Ende ist es gewichtiger, dass Sie’s tun.

Das Wie ist dann die Kür.

Literatur

Amy M. Bippus & Stacy L. Young (2020) How to Say “I’m Sorry:” Ideal Apology Elements for Common Interpersonal Transgressions, Western Journal of Communication, 84:1, 43-57, DOI: 10.1080/10570314.2019.1610787