Wird schon schief gehn!, sagten sie in Pisa zum Turm.
–Manfred Hinrich

Optimismus wird häufig mit rosa gefärbter Wirklichkeit gleichgesetzt, Optimisten mit naiven und wirklichkeitsfernen Menschen. Ich kann nachvollziehen, dass es Zeiten gibt, in denen man den ständigen Optimisten gerne mal an den Schultern packen und durchschütteln möchte.

Und dennoch hat der Optimist in diesem Falle – intuitiv oder nicht – eine gute Wahl für seine Einstellung zum Leben getroffen.

Woher kommt Optimismus eigentlich?

Warum haben einige Menschen Optimismus und andere nicht? Woher kommt er?

Momentan ist noch nicht viel bekannt über die Herkunft der persönlichen Unterschiede in diesem Feld. Aber die entscheidenden Faktoren fallen wie so oft in zwei breite Kategorien: Erbe und Umwelt.

Auf der Natur- oder Gen-Seite gibt es Befunde, dass Optimismus oder Pessimismus zu einem gewissen Teil vererbt ist (Plomin et. al, 1992).

Auf Seite der Umweltfaktoren spricht dafür, dass wir aus vergangenen Erfahrungen lernen und natürlich optimistischer in die Zukunft blicken, wenn wir in der Vergangenheit verstärkt positive Erfahrungen gemacht haben.

Unsere Eltern in ihrer Vorbildfunktion tragen mit Sicherheit ebenso zu solchen Verhaltensweisen bei. Wie stark, ist ungeklärt, denn nicht aus jedem alleinerziehenden pessimistischen Vater wächst ein pessimistisches Kind.

Ist Optimismus immer gut?

In den folgenden Zeilen werde ich speziell auf die positiven Seiten des Optimismus eingehen und zeigen, dass er gut für uns Menschen ist. Bevor ich das tue, noch eine Frage: Ist Optimismus immer gut? Mir fallen zumindest zwei Dinge ein, die kritisch zu betrachten sind:

1. übertriebener Optimismus: Wenn Menschen zu optimistisch sind oder auf eine unproduktive Art und Weise. Zum Beispiel kann hemmungsloser Optimismus dazu führen, dass Menschen dasitzen und auf gute Dinge warten, was die Chancen auf Erfolg in dieser Hinsicht verringern dürfte.

2. unkontrollierbare Situationen: Zweitens könnte Optimismus auch nachteilig in Situationen sein, die nicht zugänglich sind für konstruktive Handlungen. Optimisten haben eine Tendenz, sich für Problemlösungen ins Zeug zu legen und aktiv zu werden (dazu später mehr), aber möglicherweise ist dieser Ansatz schädlich in Situationen, die unkontrollierbar sind, große Verluste involvieren oder die eigene Weltsicht verletzen.

Ist Pessimismus immer schlecht?

Es gibt Zeiten, in denen Pessimismus praktisch ist. Zum Beispiel, wenn er uns vor dem leichtsinnigen und möglicherweise törichten Investitionen bewahrt oder uns daran hindert, leichtsinnig mit unserer Gesundheit zu spielen.

Er kann aber nicht nur auf individueller oder organisatorischer Ebene hilfreich sein, sondern auch auf der der gesellschaftlichen. Insbesondere, wenn Pessimismus uns dazu treibt, Ungerechtigkeiten und deren Bestehen zu erkennen und an einer Veränderung zum Guten zu arbeiten.

Wir haben – wie immer – die Wahl

Es geht dem Optimisten nicht darum, alles Negative zu ignorieren oder alle ungünstigen Informationen zu vermeiden. Die Wissenschaft zeigt im Gegenteil, dass Optimisten sogar aufmerksamer gegenüber Risiken und Gefahren sind als Nicht-Optimisten (Aspinwall & Brunhart, 1996) und sehr wohl wissen, dass Resultate zum Großteil abhängig von ihren Taten eintreffen.

Und nicht nur das Wissen über die Wirksamkeit der eigenen Handlungen ist nützlich. Genauso wichtig sind die Entscheidungen, die dazu führen.

So hat unser Gehirn nur eine gewisse Kapazität. Wir stehen infolgedessen vor der Wahl: Nutzen wir unsere Ressourcen, um auf Schmerz, Negativität, Stress und Unsicherheit zu fokussieren oder gebrauchen wir diese Ressourcen, um durch eine Brille aus Dankbarkeit, Hoffnung, Resilienz, Optimismus und Sinnhaftigkeit zu schauen?

In anderen Worten: Während wir natürlich nicht durch unseren bloßen Willen die Realität ändern können, können wir aber entscheiden, wie wir die Eindrücke der Welt verarbeiten und nach was wir in unserer Umgebung suchen. Und das ändert gleichzeitig auch die Art und Weise, wie wir auf sie reagieren und verschafft uns viele Möglichkeiten, um über uns hinaus zu wachsen.

Je mehr unser Gehirn die positiven Dinge bewusst wahr- und aufnimmt, desto mehr von diesen Dingen erwarten wir. Wir sind hoffnungsvoll auf einen positiven Trend. Wir sind optimistisch.

Und das ist in vielerlei Hinsicht hilfreich.

Die Vorteile von Optimismus

Es gibt eine ganze Anzahl von wissenschaftlichen Belegen, die bereits über die Frage gesammelt wurden, was durch Optimismus gefördert wird. Ich möchte hier ein paar von den Vorteilen aufführen, um Ihnen eine optimistischere Denkweise schmackhaft zu machen – egal, wie optimistisch Sie ohnehin schon sein mögen.

1. Mehr Hartnäckigkeit – die selbsterfüllende Prophezeiung

Durch den Optimismus für die Zukunft – zum Beispiel mit dem zuversichtlichen Gedanken, alle Ihre Langzeit-Ziele zu erreichen – werden Sie automatisch mehr Anstrengungen unternehmen, diese Ziele auch zu erreichen. Aus diesem Grund können optimistische Gedanken eine selbsterfüllende Prophezeiung sein.

Sehen Sie sich beispielsweise in einer beruflichen Position (sagen wir als Teamleiter eines mittelständigen Unternehmens) und sehen Sie auch die Wege, dies zu erreichen, werden Sie dran bleiben an diesem Ziel, denn es motiviert Sie, dieses Bild der Zukunft zu sehen. Auch über Hindernisse hinweg (Sie bestehen das Assessment Center für diese Position möglicherweise nicht beim ersten Mal).

Suzanne Segerstrom von der University of California in Los Angeles fand heraus, dass Optimisten sogar zwei in Konflikt stehende Ziele hartnäckiger verfolgen und dafür kurzfristig mehr Stress in Kauf nehmen (Segerstrom, 2001).

Segerstrom nennt diese Kräfte im Menschen „existentielle Ressourcen“. Optimisten geben nicht auf. Wenn sie mit Situationen konfrontiert werden, die außerhalb ihrer Kontrolle sind (wie z.B. Tod, Krankheit, Arbeitslosigkeit), bedienen sich Optimisten dieser existentiellen Ressourcen, um schnell wieder auf die Beine zu kommen, also ihre Resilienz unter Beweis zu stellen.

Mehr davon auch in Suzanne Segerstroms Buch Breaking Murphy’s Law.

2. Setzen von mehr und schwierigeren Zielen

Frei nach Friedrich Nietzsche, der sagte

Ziele nach dem Mond. Selbst wenn du ihn verfehlst, wirst du zwischen den Sternen landen.

setzen sich Optimisten mehr Ziele, die zudem schwieriger sind (Snyder et. al, 1991). In Verbindung mit dem ersten Vorteil der Optimisten ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass sie diese oder ähnlich große Ziele auch erreichen.

3. Optimisten handhaben Stress besser

Durch eine optimistischere Sichtweise und die damit verbundene Zuversicht in ihre Taten, gehen Optimisten durchschnittlich häufiger beim Reduzieren von Stress in die Initiative, planen Aktionen gegen diesen Stress und bleiben fokussierter bei ihren Lösungsversuchen. Trotzdem akzeptieren Optimisten leichter die Realität der stressenden Situation und scheinen gewillt, aus diesen das Beste zu machen (Scheier & Carver, 1992).

So fanden Nes & Segerstrom (2006) heraus, dass Optimisten Strategien gegen Stress aktiv mit dem Ziel angehen, die Stressoren entweder zu beseitigen, zu mindern oder sie bzw. die dazugehörigen Emotionen besser zu handhaben, anstatt sie zu vermeiden, zu ignorieren oder sich komplett von den Stress verursachenden Situationen, Dingen oder Personen zurückzuziehen.

Es gibt obendrein viele Befunde, dass Optimisten ferner über stressige Zeiten hinweg ein hohes Maß an Wohlbefinden aufrecht erhalten können. So fühlen sich z.B. optimistische College-Studenten nach ihren ersten drei Monaten auf dem College weniger gestresst (Aspinwall & Taylor, 1992).

Optimistische Frauen werden nach einer Geburt weniger häufig depressiv als nicht optimistische Frauen (Postpartale Depression, siehe auch Carver & Gaines, 1987).

4. Optimisten leben länger

Optimismus hilft nicht nur dabei, ein angenehmeres Leben zu schaffen. Studien zeigen, dass Optimismus sogar ein signifikanter Prädiktor für ein langes Leben ist.

Jeder Gedanke, jede Erfahrung, jede daraus entstehende Emotion hinterlässt nicht nur einen Eindruck auf unser Unterbewusstsein, sondern auch auf unsere Physiologie, auf unseren gesamten Körper, ja auf jede einzelne Körperfunktion.

Vor allem das Immunsystem wird unterstützt, Herz-und Gefäßerkrankungen entstehen seltener, die Entgiftung und hormonelle Systeme des Körpers werden gefördert (Mosing et al., 2012).

5. Positive Ergebnisse zu erwarten zieht positivere Ereignisse an

Wissenschaftler Richard Wiseman entdeckt mit seinen cleveren und kreativen Experimenten viele erstaunliche Dinge. Auch zu Optimismus hat er einiges aufzuweisen. Er fand heraus, warum einige unter uns konsistent Glück haben, wohingegen andere von uns vom Pech verfolgt zu sein scheinen (Wiseman, 2003).

Wie Sie möglicherweise ahnen, gibt es – zumindest im wissenschaftlichen Sinne – so etwas wie Glück nicht (im Sinne von „Schwein haben“). Der einzige dafür aber große Unterschied besteht darin, ob Menschen denken, dass Sie Glück haben oder nicht. Zusammengefasst also, ob diese Menschen Gutes oder Schlechtes erwarten, ob sie also optimistisch oder pessimistisch in die Zukunft blicken.

Aufhören! Sie haben 250$ gewonnen!

Wiseman lies in seinem Experiment dazu Freiwillige in einer Zeitschrift die Photos zählen. Menschen, die von sich behaupteten, Glück zu haben, brauchten dafür nur wenige Sekunden, wohingegen die „Unglücklichen“ im Durchschnitt dafür zwei Minuten benötigten.

Warum?

Ganz einfach: auf der zweiten Seite stand eine große Nachricht mit den Worten „Stop counting, there are 43 photos in this newspaper.“ („Hören Sie auf zu zählen, in dieser Zeitschrift befinden sich 43 Photos.“). Unglückliche Menschen tendierten zum Übersehen der Nachricht, während sie den Glücklichen meist direkt ins Auge fiel.

Ebenfalls die Bonus-Nachricht mitten in der Zeitschrift „Stop counting, tell the experimenter you have seen this and win 250$“ („Hören Sie auf zu zählen, sagen Sie dem Leiter, dass Sie das gelesen haben und gewinnen Sie 250$“) sahen die Glücklichen öfter, während die Unglücklichen zum Leidwesen ihrer Geldbörse häufig übersahen, was für die anderen so offensichtlich schien.

Der negative Tetris-Effekt hatte wieder zugeschlagen.

Wiseman bewies damit, dass jeder die gleiche Chance hatte, diese Nachrichten zu erkennen und dass es nichts mit Glück oder Pech zu tun hatte. Es ist alles eine Sache des Fokus!

Mit positiver Einstellung bewaffnet scheint sich das Gehirn auch den Möglichkeiten und Chancen zu öffnen und sie in unser Bewusstsein zu leiten, wenn diese Möglichkeiten tatsächlich auftreten. Psychologen wie Colleen Seifert nennen das „predictive encoding“, also vorhersagendes Kodieren (Schneider, 2010).

Glück ist, wenn die Vorbereitung auf die Gelegenheit trifft.
–Lucius Annaeus Seneca

Habe ich Sie neugierig gemacht? Falls ja, interessiert es Sie bestimmt, wie genau Sie zu einer optimistischeren Lebensweise und Einstellung kommen können. Hier ist eine wunderbare Möglichkeit.

Foto: Cogdog on flickr

 

Literatur

Aspinwall, L. G., & Brunhart, S. M. (1996). Distinguishing Optimism from Denial: Optimistic Beliefs Predict Attention to Health Threats. Personality and Social Psychology Bulletin, 22(10), 993–1003.

Aspinwall, L. G.; Taylor, S. E. (1992). Modeling cognitive adaptation: a longitudinal investigation of the impact of individual differences and coping on college adjustment and performance. Journal of personality and social psychology vol. 63 (6) p. 989-1003.

Carver, C. S., & Gaines, J. G. (1987). Optimism, pessimism, and postpartum depression. Cognitive Therapy and Research, 11(4), 449–462.

Mosing, M. A., Medland, S. E., McRae, A., Landers, J. G., Wright, M. J., & Martin, N. G. (2012). Genetic influences on life span and its relationship to personality: a 16-year follow-up study of a sample of aging twins. Psychosomatic medicine, 74(1), 16–22.

Nes, L. S., & Segerstrom, S. C. (2006). Dispositional optimism and coping: a meta-analytic review. Personality and social psychology review : an official journal of the Society for Personality and Social Psychology, Inc, 10(3), 235–251.

Plomin, R., Scheier, M. F., Bergeman, C. S., Pedersen, N. L., Nesselroade, J. R., & McClearn, G. E. (1992). Optimism, pessimism and mental health: A twin/adoption analysis. Personality and Individual Differences, 13(8), 921–930.

Scheier, M. F., & Carver, C. S. (1992). Effects of optimism on psychological and physical well-being: Theoretical overview and empirical update. Cognitive Therapy and Research, 16(2), 201–228.

Scheier, M. F., & Carver, C. S. (1993). On the Power of Positive Thinking: The Benefits of Being Optimistic. Current Directions in Psychological Science, 2(1), 26–30.

Schneider, L. (2010). Life Decisions & Career Paths — Leave It All to Chance? Huffington Post. http://goo.gl/LiFJbr, Zugriff 11.02.2013

Segerstrom, S. C. (2001). Optimism, goal conflict, and stressor-related immune change. Journal of Behavioral Medicine, 24: 441-67.

Snyder, C. R., Harris, C., Anderson, J. R., Holleran, S. a, Irving, L. M., Sigmon, S. T., Yoshinobu, L., et al. (1991). The will and the ways: development and validation of an individual-differences measure of hope. Journal of personality and social psychology, 60(4), 570–85.

Wiseman, R. (2003). The luck factor. The Skeptical Inquirer, 27, 1-5.

Warum Optimismus Ihr Wohlbefinden steigert

von Michael Tomoff Lesezeit: 8 min
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