Wie helfen soziale Netzwerke wie Facebook und Google+ dabei, Menschen nicht nur die Möglichkeit zu geben, sich mitzuteilen, sondern auch, Freunde von Bekannten zu trennen?

Neben körperlichen Existenzbedürfnissen wie dem Schlaf, Essen, Wärme, Bewegung und Gesundheit allgemein, haben Menschen das Bedürfnis nach Schutz und Absicherung. Dazu gehören neben vertrauensvollen Beziehungen in der Familie, im Freundeskreis, in der Partnerschaft auch soziale Bedürfnisse nach Liebe, Intimität und Kommunikation.

Sich mit anderen Menschen zu verbinden, ist für uns essentiell. Subtil mit einem Zwinkern oder Lächeln oder mit einem lauten Lachen oder einer Umarmung.

Heutzutage finden diese Verbindungen mit anderen Menschen selbst bei jenen statt, die am Tag niemanden physisch zu Gesicht bekommen. Und zwar verstärkter und einfacher über Onlinekanäle. Über alle Generationen hinweg.

Was geht dabei außer dem Körperkontakt und der physischen Nähe sonst noch verloren?

Obwohl soziale Netzwerke für den Großteil der (jüngeren) computerisierten Welt bereits normal geworden sind und das Teilen und Verbinden mit anderen vor dem heimischen Computer eher Realität als die Treffen im Café oder der Natur, birgt es trotzdem Fallstricke.

Bilder von sturzbetrunkenen Mitarbeitern tauchen beim Chef auf, weil der im gleichen Netzwerk ist (als „Freund“, den man bei Facebook hinzugefügt hat). Der Liebste macht Schluss (meist zwischen dem 1. November und Weihnachten, laut einer großen Datenanalyse von David McCandless), indem er seinen Status auf „Single“ setzt.

Und die ganze Welt erfährt es mit einem Klick.

Warum unterscheiden wir zwischen uns und „denen“?

Genauso wie im „echten Leben“ entstehen aus dem Wunsch nach Unterscheidung Gruppen, denen verschiedene Rechte zugeteilt werden. Bei google docs gibt es Administratoren, die jedes Dokument bearbeiten, sichten, löschen können. Und Leser, die nur anschauen dürfen. Bei Facebook sind es die selbst eingerichteten Gruppen. Bei Google+ sind es die Kreise, in die man seine Kontakte hinein zieht und positioniert.
Für weitere Unterschiede hat Daniel Hoffmann von den Kollegen des Social-Media-Blogs einen schönen Vergleich von google+ und Facebook erstellt.

Im psychologischen Sinne ist dies nichts anderes, als sich und seine Umwelt in Beziehung zu setzen und sich abzusetzen. Zugehörigkeit zu ähnlichen Menschen und die Abgrenzung gegenüber jenen, die eine andere Meinung, andere Eigenschaften oder nur ein anderes Aussehen haben.
Das sind Eigen- und Fremdgruppen.

Dieselben Menschen können dabei gleichzeitig durch verschiedene Rollen in Eigen- und Fremdgruppe sein.

Der Fußballfan, der sich seine Bayern wieder im heimischen Stadion anschaut, grölt und brüllt gegen die gegnerischen Fans, die ihre Mannschaft unterstützen. Jeder dieser gegnerischen Fans ist für ihn in diesen 90 Minuten Teil einer Fremdgruppe.

Als Familienvater fühlt er sich jedoch mit anderen Familienvätern verbundener als mit den jungen, grölenden Männern, die ihrer Freundin gestern über Facebook den neuen Single-Satus mitgeteilt haben.

Verbunden vielleicht nicht unbedingt während des Spiels. Aber danach.

Alle sind gleich. Aber manche sind gleicher.

Im „echten Leben“ teilen wir bestimmte Dinge mit Freunden, vielleicht mit Kollegen. Aber bloß nicht mit den eigenen Eltern. Wo offline noch zählt, ob jemand integer ist und private Dinge für sich behalten kann, macht man sich darüber online oft weniger Gedanken. Durch die schnelle Online-Welt wird vieles zu Beziehungs-Fast-Food und das Teilen mit verschiedenen Gruppen wird zum Krampf:

  • wir wollen zu bestimmten Zeiten nur mit bestimmten Leuten kommunizieren, online hören wir aber alles von jedem – ohne überhaupt nachgefragt zu haben
  • wir sind mit über 100 „Freunden“ mit jedem geschriebenen Satz gleichzeitig Massenunterhalter vor einer großen Menge von Zuhörern oder Zuschauern – offline trauen viele sich nicht, vor nur 10 Leuten ein Referat zu halten
  • online wird vieles unbewusst über einen Kamm gezogen: doch einer der Freunde denkt „Warum ist die so oberflächlich geworden“, während der andere denkt „Oh Gott, das muss ich jetzt nicht wissen!“ – jeder definiert offline „Freund“ oder „Familie“ anders

Der oberflächliche Mensch wächst am schnellsten über seinen Geist hinaus.
–Thomas Häntsch

Warum sich die Zeit zum Gruppieren lohnt

Einteilen seiner neu hinzugefügten Kontakte in Kreise oder Gruppen hat meistens zur Folge, dass gedanklich die Trennung gemacht wird. Ist er wirklich ein „Freund“ oder doch nur ein (entfernter) „Bekannter“? Will ich, dass er dieses oder jenes wirklich sieht und erfährt?

Hier weitere Fragen, die helfen können, mit Hilfe von sozialen Netzwerken seine Beziehungen unter die Lupe zu nehmen:

  • Wann habe ich ihn zuletzt gesehen? Wann zuletzt mit ihm gesprochen?
  • Reicht mir die Online-Beziehung oder habe ich nicht mal wieder Lust, anzurufen?
  • Welche Tiefe hat unsere Beziehung, fernab vom regelmäßigen Sehen oder Hören?
  • Würde ich ihm das auch persönlich zeigen und sagen?
  • Interessiert er sich überhaupt für das, was ich mit ihm teilen würde?

Gerade die letzte Frage halte ich für eine der kritischsten und wichtigsten. Nur, weil ich jemanden online via „add“ oder dem Hinzufügen in einen Kreis als „Freund“ akzeptiert habe, heißt das noch lange nicht, dass ich wissen will, was er gerade auf der Toilette liest.
Geschweige denn macht.

Da ist es doch schön, wenn man vor der Entscheidung steht, jemanden als Freund einzuteilen, der alles ach so Wichtige von einem in den Posteingang (oder die „Wand“) bekommt, als Bekannten tituliert oder eben nur als jemanden, dem man die Ehre gibt, überhaupt eingeteilt zu werden ins eigene Leben.

 

Foto: MahPadilha

Wie Facebook und Google+ Menschen trennen

von Michael Tomoff Lesezeit: 4 min
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