Die meiste Zeit Ihres Lebens wissen Sie, was gut für Sie ist. Sie wissen wahrscheinlich auch, was richtig für Sie ist. Aber – und ich lehne mich hier jetzt aus dem Fenster – ich wette, es gibt Zeiten, in denen Sie nicht tun, was für Sie richtig und gut wäre.

Angst ist der Sand in der Maschinerie des Lebens.
–Sprichwort

Hand auf’s Herz: der häufigste Grund, der hinter den Problemen oder Zielen meiner Coachees steckt, ist Angst.

Natürlich werden diese Probleme meistens nicht mit „Angst“ betitelt. Genauso wenig, wie Ziele mit „Glück“ oder „Wohlbefinden“ benannt werden, selbst wenn das häufig die Absicht ist, auf die es hinaus läuft.

Doch etwas nicht so zu nennen, verändert nicht dessen Natur. Die Angst, dass etwas nicht so passiert, wie es geplant oder erwünscht wurde, ist überall vorhanden.

Traurig ist nur, dass das, was zwischen dem Menschen und seinem Glück, dem, was er wirklich will, vornehmlich nicht substantiell ist, nicht real. Es ist häufig nur ein Gefühl. Ein Gefühl, dem überwiegend die realistische Basis fehlt, die objektive Grundlage.

Also mit anderen Worten eine grundlose Furcht…

Angst vor sich selbst

Jemand sagte zu mir, daß die Angst vor Dingen nur die Angst vor sich selbst darstellt. Sie hat recht.
–Damaris Wieser

Wenn Sie zurück schauen auf die Ängste, denen Sie im Laufe Ihres Lebens bislang gwisseegenüber getreten sind, werden Sie schnell bemerken, dass viele von ihnen auf keinem festen Fuß standen. Oft waren es die mit Dingen assoziierten Gefühle, vor denen Sie Angst hatten.

Oder Angst vor sich selbst.
Angst stiehlt Ihnen Ihr Leben.
Sie hält Sie zurück vor sich, vor dem Kennenlernen Ihrer selbst.

Ein Beispiel: Ich habe große Angst vor dem Tod. Diese Angst tut nicht weh, sie beruht auf keiner bisher erlebten Erfahrung oder einer real existierenden Lehre.

Nun könnte ich sagen, ich hinge so am schönen Leben, dass ich es nicht eintauschen möchte gegen etwas anderes. Ob das der Tod ist, das vermeintliche Paradies, die Wiedergeburt oder – gruselig zu bedenken – das Nichts.

Aber auch, wenn Sie als an Wachstum interessierter und gebildeter Leser mit Ängsten umgehen müssen, die vor direkt bevorstehenden Dingen warnen (wie z.B. physischer Gefahr oder einer Naturkatastrophe) – diese Dinge bilden eher die Ausnahme.

Was wäre, wenn…?

Was viele von uns fürchten, sind die „Was wäre wenn’s“ im Leben.

Was, wenn ich Misserfolg habe, nachdem ich mich selbständig gemacht oder ein Unternehmen gegründet habe?
Was, wenn ich keine Arbeit finde, nachdem ich den Job verlassen habe, den ich seit Jahren nicht mehr liebe?
Was, wenn das Unbekannte schlimmer ist als das, was ich jetzt habe?
Was, wenn ich einsam bleibe oder werde und niemanden mehr finde, der mich liebt?
Was, wenn ich mich öffentlich blamiere?

Wenn Sie jetzt darüber nachdenken, was Sie am meisten fürchten, werden Sie die Gefühle wahrnehmen, die diese Angst mit sich bringt. Sogar, wenn Sie unter keiner direkten Bedrohung stehen. Und das sind keine schönen Gefühle.

Und wir unternehmen extrem viel, um diesen Gefühlen aus dem Weg zu gehen.

Inklusive dem Unterlassen von dem, das wir wirklich gerne tun würden.

Und hier kommt eine Frage, die ein mulmiges Gefühl in Ihnen auslösen wird, wenn Sie sie sich auf der Zunge zergehen lassen:

Was würden Sie tun, wenn Sie wüssten, dass Sie nicht versagen könnten?

Uff…

Keine Ausreden mehr.
Kein Selbstschutz vor Misslingen.
Nur noch geradeaus und nach vorne!

Ich habe aber noch eine Frage, die ich Coaching-Klienten gerne stelle und auch schon selbst gestellt bekommen habe. Sie ist nicht weniger mächtig:

Wer wären Sie ohne Ihre Angst?

Wenn solch eine (oft ja schützende) Sache wie Angst nicht vorhanden wäre, gäbe es eine Vielzahl von Dingen, die Sie wahrscheinlich anders oder überhaupt gemacht hätten und damit ebenfalls ein anderer Mensch wären: Sie…

  • …hätten mehr öffentliche Reden gehalten (oder sich zumindest bei der Hochzeit Ihrer Tochter getraut)
  • …hätten häufiger nein gesagt und hätten anderen Grenzen aufgezeigt.
  • …wären mehr gereist und hätten die Welt erkundet.
  • …wären damals dazwischen gegangen, als der alte Mann mitten auf der Straße zusammengeschlagen wurde.
  • …hätten sich getraut, dem Typ in der Bahn mal ordentlich die Meinung zu sagen.
  • …hätten einen Tanzkurs besucht. ;) Oder wären einer anderen „brotlosen Kunst“ nachgegangen.

Sie bekommen ein Bild? Gut.

Und das Gute ist: Sogar wenn Sie die eine oder andere Gelegenheit verpasst haben – es ist noch Zeit, einen neuen Weg einzuschlagen und vieles zu ändern, was Sie in der Vergangenheit aus Angst nicht getan haben!

Also, wie können Sie Ihrer Angst in den Hintern treten?

10 praktische Aktionen, um Ihrer Angst Einhalt zu gebieten

Man muss kein Psychologe sein, um zu wissen, dass Angst ihre Gründe hat. Aber Sie hören es wahrscheinlich nicht zum ersten Mal, dass viele der uralten Ängste noch evulotionsbedingt in uns verankert und längst Ladenhüter sind.

Ich weiß, dass das für alle unter Ihnen, die einmal an lähmender Furcht und Angst gelitten haben (z.B. vor Mäusen), leichter gesagt als getan ist. Und meine Liste ist kein Ersatz für professionelle Hilfe, die Sie bei schwerwiegenden und Ihr Leben stark beeinträchtigenden Ängsten in Anspruch nehmen sollten.

Vielmehr soll diese Liste Ihnen Mut machen, Ihre Angst auf die Probe zu stellen, sie zu fordern, sich als wahr herauszustellen. Oder eben nicht…

1. Schaffen Sie Bewusstsein. Und Fakten.

Denken Sie an die Ängste zurück, die Sie in der Vergangenheit haben groß werden lassen. Waren diese Ängste stets begründet und haben das von Ihnen erwartete Ergebnis produziert? Wahrscheinlich nicht. Und alleine dieses Wissen, kann Sie mit viel Power ausrüsten!

Was ist das Schlimmste, das passieren kann? Häufig ist das worst-case-scenario bei weitem nicht lebensbedrohlich oder existenzgefährdend. Oder die Wahrscheinlichkeit, dass es passiert, ist extrem gering.

Mit diesem Wissen lässt es sich wahrlich leichter leben. Halten Sie sich die Fakten vor Augen, wenn die Angst mal wieder zuschlägt.

2. Gehen Sie der Sache auf den Grund.

Oft haben wir gute Ausreden für uns, die uns zurückhalten und der Angst nachgeben. Damit verdecken wir das, was tatsächlich dahinter steckt. Die meisten der Gründe oder Situationen, die zuerst für Ihre Angst verantwortlich waren, sind lange vorbei und irrelevant.

Nutzen Sie z.B. die 5x Warum-Technik, um der Sache auf den Grund zu gehen.

3. Bereiten Sie sich vor.

Bei Ängsten wie der vor dem öffentlichen Reden oder einer Präsentation vor „wichtigen“ Leuten, ist Vorbereitung Gold wert. Wenn Sie die Zeit dafür haben, bereiten Sie sich hervorragend vor. Üben Sie. Nichts heilt Angst besser als bereit zu sein.

Und wenn Sie keine Zeit für Vorbereitung haben (soll vorkommen), fragen Sie sich noch einmal, wie wahrscheinlich das worst-case-scenario wirklich ist.

Denken Sie daran: alles, was Sie eventuell falsch machen, ist eine Lern-Chance für andere Gebiete in Ihrem Leben.

4. Nutzen Sie Ihre Stärken.

Ihre hauseigenen und natürlich Stärken und Talente zu nutzen, wird Sie nach vorne bringen – ob Sie wollen oder (irgendwie gerade doch noch nicht so richtig wirklich unbedingt) nicht.

Häufig entstehen Ängste, weil Sie etwas (noch) nicht können oder vermeintlich schlecht darin sind. Überlegen Sie, was anstelle dessen Sie gut und einsetzen können, um die Situation zu lösen. Und wenn ich da mal drohen darf: Das wird Ihnen viel Spaß machen!

Sie wissen nicht, worin Sie gut sind? Na dann aber Prostmahlzeit!

5. Machen Sie einen Plan.

Oft genug wissen wir nicht genau, was auf uns zukommt. Desgleichen fehlt uns häufig das Wissen, wie genau wir dorthin kommen, wo wir hinkommen möchten. Dann lassen wir es lieber gleich sein.

Der Fokus auf einzelne, spezifische Aufgaben und zielgenaue Action hilft immens, der Angst in den Allerwertesten zu treten. Denn diese süßen kleinen Aufgaben sind schnell getan. Und wenn man erst einmal den Plan hat und in Wallung kommt…

6. Geben Sie Ihrem Perfektionismus eine Pause.

Wahrscheinlich hat ohnehin wenige von Ihnen das Problem, alles ganz genau zu machen. Ich schreibe diesen Tipp trotzdem auf. Für alle Fälle sozusagen… ;)

Perfektion in allen Gebieten ist unmöglich. Und aufzehrend. Und das ist gut so. Fehler zu machen und zu haben, verbindet uns mit dem Rest der imperfekten Welt.

Geben Sie dem Streben nach Perfektion eine Pause, Ihrem Inneren Kritiker ein Sabbatical. Denn auch, wenn Perfektion fantastisch aussieht, Anerkennung verschafft und Gänsehaut verursachen kann, es ist doch nur menschlich und gut, wenn mal ein Ball auf den Boden fällt…

7. Kommen Sie mit etwas Größerem in Verbindung.

Ob das heißt, dass Sie für sich eine Mission festlegen, mit viel Spirit über Gott und die Welt meditieren oder sich der Rettung von benachteiligten Kindern in Nepal verschreiben – kultivieren Sie dieses Größere Ganze, denn davor fürchtet sich Angst…

8. Finden Sie Gleichgesinnte.

Es gibt in den meisten Fällen jemanden, der das zuvor erfolgreich gemacht hat, was Sie sich wünschen. Und wenn nicht exakt so, dann in ähnlicher Art und Weise.

Diese Menschen haben ihre Angst wahrscheinlich zuerst überwunden. Oder niemand hatte ihnen vorher gesagt, dass ihr Vorhaben unmöglich oder angsteinflößend sei, so dass sie dieses fragwürdige Wissen nicht mit einbeziehen konnten.

Suchen Sie sich genau diese Menschen. Umgeben Sie sich mit den Menschen, die Ihnen gut tun. Sprechen Sie mit ihnen. Holen Sie sich von Ihnen Erfahrungswerte, Motivation, Inspiration! Lassen Sie sich von Ihnen unterstützen.

Und danach legen Sie verdammt noch mal los und lachen über Ihre Angst!

9. Zählen Sie Ihre Tage.

Wissen Sie, wann Sie sterben? Wahrscheinlich nicht. Es sei denn, Sie kommen ebenfalls vom Planeten Melmak. Aber auch, wenn dem nicht so ist: zu realisieren, dass die Zeit auf Erden endlich ist (jetzt wird mir gerade wieder komisch…), hat einen außerordentlich mächtigen Effekt. Denn wer möchte am Sterbebett sagen, er hätte 40 Jahre den selben (miesen) Job gemacht?

Und wenn der Gedanke an den Tod bei Ihnen ungefähr 30 Sekunden lang Unwohlsein kreiert und wieder ins Unterbewusstsein gedrückt wird, hilft vielleicht ein Countdown, mit dem Sie das Ziel von 78 Jahren ins Visier nehmen (statistisch eine durchaus realistische Zahl) und sehen, wie viel Zeit Sie bis dahin noch haben.

Kraftvoll, wenn man sieht, wie viel Tage man (möglicherweise…) noch hat und dass die Zahl meist recht übersichtlich ist…!

10. Atmen Sie tief durch. Und lächeln Sie.

Mist. Da ist er wieder. Der ultimative Tipp, ohne den auch Sie nicht leben könnten! ;)

Er ist aber ein Klassiker, der Atem-Vorschlag. Weil er wirkt. Und das in wenigen Sekunden. Und wenn Sie diese Fähigkeit üben und täglich mehrere Mal bewusst anwenden (z.B. 10 Sekunden vor dem ersten Bissen jeder Mahlzeit), dann werden Sie schnell merken, wie groß die Effekte sind.

Der Harvard-Professor und Positive Psychologe Tal Ben-Shahar nutzt das bewusste Atmen mit einer weiteren einfachen und kraftvollen Technik: dem Lächeln.

Stellen Sie sich vor: ein Harvard-Professor, der Angst vor Vorlesungen hat, weil er vor Studenten sein Wissen ausbreiten muss! Selbst der Gedanke an den Klassenraum erfüllt ihn mit panischer Angst, mit starken Herzklopfen und sofort trockenem Mund!

Und was half ihm?

Er traf die bewusste Entscheidung, vor seinen Auftritten authentisch zu lächeln.

Er denkt an etwas Lustiges oder Angenehmes oder an eine Person, die er liebt. Oder er ruft sich ins Gedächtnis zurück, wie glücklich er sich schätzen kann, das Wissen über (s)ein Thema mit anderen teilen zu dürfen oder überhaupt in der Lage zu sein, dort zu stehen, wo er heute steht.

Fazit

Angst muss Sie nicht zurückhalten. Sie haben ein erstaunliches Leben vor sich, gleich hinter dem Schleier der Angst. Und dieser Schleier ist ein dünner, zerbrechlicher, durchschaubarer.

Tun Sie alles, um Ihrer Angst einen Tritt in den Allerwertesten zu geben.

Lassen Sie die Angst nicht zwischen Ihnen und dem stehen, was Sie erreichen wollen, erreichen werden!
Lassen Sie die Angst nicht zwischen Ihnen und dem stehen, was Ihnen Spaß macht, was Sie wachsen lässt und Ihnen ein für Sie erfolgreiches Leben verschafft!

Und hier eines meiner Lieblingslieder mit einem Text gegen Angst und für Selbstverantwortung. Viel Spaß!

Wie treten Sie Ihrer Angst in den Hintern?

von Michael Tomoff Lesezeit: 8 min
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