Selbsttest, 20 Minuten
Was kostet dich dein Wert?
Dieser Selbsttest fragt nach dem Preis: Wann hat dich ein Wert in den letzten zwölf Monaten etwas gekostet? Wo dir kein Moment einfällt, bleibt die Einordnung eine Hypothese. Eine Gegenprobe und ein kleiner Einsatz in den nächsten vier Wochen prüfen sie.
Vorab
Du beantwortest gleich fünf Fragen zu deinen Werten, allein und in deinem Tempo. Alle Antworten sind gültig. Was du schreibst, muss niemand sehen, und du entscheidest später selbst, was du zeigst. Lass Namen anderer Personen und Vertrauliches weg. Ein leeres Feld heißt nur, dass dir für die letzten zwölf Monate kein Moment eingefallen ist. Du kannst jederzeit aufhören.
Überleg dir vorab, mit wem du danach sprechen könntest, falls ein Ergebnis nachwirkt.
Wähle einen anderen Zeitpunkt, wenn du gerade in einer akuten Krise bist, in den ersten Wochen nach einem Trauerfall, einer Trennung oder einer Kündigung oder in einer depressiven Episode mit starker Selbstabwertung.
Fünf aus zehn wählen
Zehn Wertefelder, angelehnt an die Ordnung von Shalom Schwartz. Wähle zügig die fünf, die dir am wichtigsten sind. Das erste Gefühl trägt weiter als die zweite Überlegung. Wähle so, als sähe die Liste niemand.
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Der Preis
Zu jedem Wert drei Fragen. Erstens: Wann hat dich dieser Wert in den letzten zwölf Monaten etwas gekostet? Schreib zwei Sätze: wann, wo, mit wem, und was du dafür aufgegeben oder in Kauf genommen hast. Prüf sie mit einer Frage: Könnte eine fremde Person daraus eine Szene zeichnen?
Zweitens: Was hat es gekostet? Drittens: Hast du dich für diesen Wert entschieden, oder hast du ihn vorgefunden? Fällt dir kein Moment ein, wähle bei der zweiten Frage „Nichts davon“. Das ist eine gültige Antwort.
Dein Ergebnis
Die Einordnung gilt für die letzten zwölf Monate. Sie ist eine Hypothese und kein Urteil über dich. Die Gegenprobe darunter prüft sie.
Wenn ein leeres Feld etwas auslöst
Ein leeres Feld gilt für zwölf Monate und für diesen einen Wert. Melden sich Scham, Selbstvorwürfe oder anhaltende Unruhe, ist hier ein guter Punkt aufzuhören: Schließ die Seite, leg das Gerät weg, mach zwei Minuten Pause und sieh dir nach 24 Stunden nur die Kernwerte wieder an. Du entscheidest, ob du weitermachst.
Wirkt das Ergebnis weiter nach, sprich mit der Person, die du dir vorab überlegt hast, oder mit deiner Coachin oder deinem Coach. Du kannst auch Kontakt mit Michael Tomoff aufnehmen. Bei akuter Belastung ist die Telefonseelsorge kostenfrei und Tag und Nacht erreichbar: 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222.
Moment benannt
Gewachsen
Moment benannt, Wert vorgefunden.
Kernwert
Moment benannt, Wert entschieden.
Mindeststandard
Kein Moment benannt, Wert vorgefunden.
Anspruch
Kein Moment benannt, Wert entschieden: du willst ihn einlösen.
kein Moment benannt
Die vier Typen stammen von Patrick Lencioni, die zwei Achsen Preis und Herkunft sind eine eigene Ergänzung.
Mit benanntem Moment
Dein eigener Satz steht dabei. Ein benannter Preis ist ein Indiz. Werte und Verhalten hängen je nach Wert unterschiedlich eng zusammen (Bardi und Schwartz, 2003).
Ohne benannten Moment
Ein fehlender Moment sagt nichts darüber, ob der Wert dich steuert. Die Gegenprobe darunter klärt, welche Erklärung zutrifft.
Gegenprobe
Der erste Cent (freiwillig)
Such dir einen Wert aus dem Feld Anspruch aus, sonst aus dem Feld Mindeststandard. Schreib auf, was der kleinste Preis wäre, den du dafür in den nächsten vier Wochen zahlen würdest, und an welchem Tag. Trag den Termin in deinen Kalender ein. In vier Wochen setzt du ein Häkchen: gezahlt, teilweise gezahlt oder noch nicht gezahlt. Alle drei Antworten gelten. Gezahlt heißt: Dieser Wert hat jetzt einen belegten Preis. Es zählt kein Punktestand und keine Rangfolge.
Warum dieser Wertetest nach dem Preis fragt
Drei Ökonomen haben 2015 untersucht, ob die Werte, die Unternehmen auf ihre Webseiten schreiben, mit deren Erfolg zusammenhängen. Im untersuchten Datensatz fanden sie keinen Zusammenhang mit Profitabilität und Tobins q (Börsenwert im Verhältnis zum Substanzwert eines Unternehmens); die Ausnahme ist die Kundenzufriedenheit. Die Autoren halten es für möglich, dass viele dieser Werte billiges Gerede („cheap talk“) sind, weil das Behaupten auf einer Webseite fast nichts kostet. Erleben Mitarbeitende ihr Top-Management als vertrauenswürdig und ethisch, ist die Leistung der Firma stärker.
Patrick Lencioni schreibt in einem Praktiker-Essay (hier von mir ins Deutsche übersetzt):
Wenn Werte richtig gelebt werden, tun sie weh. […] Sie schränken die strategische und operative Freiheit einer Organisation ein und begrenzen das Verhalten ihrer Leute.
Dieser Wertetest überträgt die Frage von Unternehmen auf einzelne Menschen. Das ist eine Analogie. Die Annahme dahinter: Ein Wert zeigt sich in dem Moment, in dem er etwas kostet.
- Kernwert (bei Lencioni: core)
- Du kannst einen Moment benennen, in dem der Wert dich etwas gekostet hat, und du hast dich für ihn entschieden, mit einem Zeitpunkt oder Anlass.
- Gewachsen (accidental)
- Du kannst einen Moment benennen, in dem der Wert dich etwas gekostet hat, und du hast ihn vorgefunden, durch Herkunft, Team, Umfeld oder Gewohnheit.
- Anspruch (aspirational)
- Dir fällt kein Moment ein, und du willst den Wert einlösen.
- Mindeststandard (permission to play)
- Dir fällt kein Moment ein, und der Wert gilt bei dir, weil er in deinem Umfeld selbstverständlich gilt.
Mit Begleitung oder im Team nutzen
Im Einzelcoaching macht die Person den Test allein, vor der Sitzung oder im Raum, während der Bildschirm bei ihr bleibt. Im Gespräch entscheidet sie, welches Feld sie zeigt. Die Begleitung deutet nichts und fragt je Moment höchstens zweimal nach: „Wann genau war das?“ und „Was hättest du sonst getan?“ Eigene Vermutungen über das Selbstbild der Person bleiben draußen.
Als Vorbereitung auf eine Teamrunde machen alle den Test vorher allein. In der Runde spricht reihum nur, wer will, und nur einen Satz: „Für diesen Wert zahle ich in den nächsten vier Wochen den ersten Cent: …“ Niemand kommentiert, niemand fragt nach Kernwerten oder leeren Feldern. Die Führungskraft spricht zuletzt. Bei laufendem Konflikt, Umstrukturierung, Beurteilungsrunde oder einem Hierarchiegefälle, das Offenheit kostet, eignet sich die Runde nicht so gut, klappt aber auch bei psychologisch sicheren Teams (eigene Erfahrung).
Kleingedrucktes
Die zehn Wertefelder folgen der Ordnung von Shalom H. Schwartz, Universals in the Content and Structure of Values, 1992. Sie dienen hier als Raster, um das Feld zu sortieren. Dieser Wertetest ist kein psychometrisches Messinstrument: Er ist nicht validiert, seine Wiederholungsstabilität ist ungeprüft, und du wertest selbst aus. Er liefert keinen Wert, der sich mit anderen vergleichen ließe. Diese konkrete Übung ist neu und bisher nicht empirisch geprüft. Wer eine geprüfte Messung braucht, nimmt den Portrait Values Questionnaire (Porträt-Wertefragebogen). Seine 21-Item-Fassung ist als Human Values Scale bei GESIS dokumentiert (englisch, für nichtkommerzielle Forschung frei); den deutschen Itemwortlaut enthalten die deutschen Fragebögen des European Social Survey.
Der Befund zu veröffentlichten Unternehmenswerten stammt aus Guiso, Sapienza und Zingales, The Value of Corporate Culture, Journal of Financial Economics 2015; die Überlegung zum billigen Gerede steht im Arbeitspapier von 2013. Das Zitat und die Unterscheidung der Werte-Typen aus Patrick Lencioni, Make Your Values Mean Something, Harvard Business Review, Juli 2002. Lencionis Artikel ist ein Praktiker-Essay, keine Studie; eine Websuche am 30.09.2026 fand keine empirische Prüfung seiner Typologie. Zum Zusammenhang von Werten und Verhalten: Bardi und Schwartz, Values and Behavior, Personality and Social Psychology Bulletin 2003.
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Zusammengestellt von Michael Tomoff, Diplom-Psychologe, Bonn. Diesen Wertetest gibt es auch in English.
