Werkzeug für Teams
Die Horrorfilm-Frage
Ein Londoner Gründer hat Teams gefragt, ob sie Horrorfilme mögen, und versucht, daraus vorherzusagen, wer miteinander kann. Sein Fragestil steckt in diesem Werkzeug: zwölf schräge Fragen, aus denen ein Gespräch über die Situationen entsteht, in denen ihr Unterschiedliches voneinander erwartet.
- 1Jede Person füllt allein aus
- 2Die Codes kommen anonym auf Zetteln zusammen
- 3Ihr redet über Situationen in eurem Team
Bevor du anfängst
Alles hier ist freiwillig. Dein Name taucht nirgends auf. Die Moderation sieht später Verteilungen und keine Personen. Wenn du eine Frage nicht beantworten magst, tippe irgendeine Antwort an. Dein Code kommt auf einen Zettel ohne Namen.
Deine Betriebsanleitung
Fünf Fragen über dich, die deine Kolleg:innen sonst über Monate erraten. Acht Minuten allein, dann liest du in einer Dreiergruppe vor, was du vorlesen magst. Ein Satz reicht, und Passe ist eine vollständige Antwort. Was du hier schreibst, bleibt auf deinem Gerät und wird nirgends eingesammelt.
Zwölf schräge Fragen
Alistair Shepherd ging davon aus, dass Menschen ihre Werte selten ausdrücklich kennen, und fragte deshalb indirekt. Hier bekommst du zwölf Fragen, die absurd wirken. Antworte zügig, das erste Gefühl reicht.
Jede Frage hat drei Teile. Erstens deine eigene Antwort. Zweitens die Antwort, die du dir von Menschen wünschst, mit denen du eng zusammenarbeitest. Drittens, wie wichtig dir das ist, von Kaum bis Zwingend. Zwingend heißt: Wenn jemand anders antwortet, fällt mir die Zusammenarbeit schwer. Vergib Zwingend höchstens zweimal, sonst verliert es seine Bedeutung.
Deinen Code abgeben
Dein Code besteht aus zehn Zeichen und enthält deine 36 Antworten, keinen Namen. Schreib ihn auf deinen Zettel, falte den Zettel und leg ihn in die Schale. Zur Moderation kommt der Code nur über diesen Zettel.
Dein Code
· · ·
Der Code entsteht, sobald alle zwölf Fragen vollständig beantwortet sind. Wenn du nicht mitmachen magst, legst du einen leeren Zettel in die Schale, dann sieht niemand, wer fehlt. Meine Antworten löschen entfernt deine Antworten und deine Notizen zur Betriebsanleitung von diesem Gerät.
Bevor du startest
Die Übung braucht einen Rahmen, sonst schadet sie mehr, als sie nützt. Hier die Kurzfassung. Plane 90 Minuten, oder 60 Minuten, wenn alle vorab ausfüllen.
- Wann sie passt
- Ein Team aus 6 bis 14 Personen ohne Weisungsverhältnis untereinander, das seit mindestens sechs Monaten zusammenarbeitet und Reibung kennt, die es bisher nicht benannt hat. Danach bleibt Zeit für ein Gespräch von mindestens 30 Minuten. Du als Moderation hast keine Weisungsbefugnis gegenüber dem Team und keine Berichtspflicht gegenüber Leitung oder Personalabteilung.
- Wann du sie lässt
- Bei Teams unter 6 Personen, bei Gruppen, die sich zum ersten Mal begegnen, wenn Ergebnisse in eine Beurteilung, eine Personalentscheidung oder eine Umstrukturierung einfließen könnten, bei einem offenen Konflikt zwischen zwei namentlich bekannten Personen und wenn die Teilnahme angeordnet ist. Online nur, wenn das Konferenztool eine Kurzantwort-Umfrage mit aktivierter Anonymität bietet; sie ersetzt dann den Zettel.
- Die Teamleitung
- Die Teamleitung ist beim Termin nicht im Raum. Ein Vorgespräch von 20 Minuten klärt drei Dinge: Die Leitung stellt den Termin dem Team als Angebot vor, das jede Person ablehnen kann. Sie sagt zu, nach dem Termin bei niemandem nachzufragen, wie er oder sie geantwortet hat. Und sie bekommt keine Zettel, Codes oder Tabellen, nur den einen Satz, den das Team freigibt. Will das Team die Leitung dabeihaben, füllt sie aus, legt aber keinen Zettel in die Schale und spricht im Plenum als Letzte.
- Fünf Regeln zum Start
- Eins: Alles ist freiwillig; wer eine Frage nicht beantworten mag, tippt irgendeine Antwort an, wer nicht mitmacht, legt einen leeren Zettel in die Schale. Zwei: Niemand schreibt einen Namen auf, weder auf den Zettel noch ins Handy. Drei: Frage 4 berührt das Privatleben und wird nicht ausgewertet. Vier: Das Team spricht über Situationen; niemand sagt, wie er oder sie geantwortet hat, und niemand fragt danach. Fünf: Die Übung sagt nichts darüber, ob dieses Team gut ist, und misst keine Person.
- Der Ablauf in 90 Minuten
- Rahmen 8 · Betriebsanleitung 8 · Vorlesen in Dreiergruppen 12 · Übergang 4 · zwölf Fragen 14 · Zettel und Pause 10 · Auflösung und Gespräch 27 · eine Spielregel 5 · Abschluss 2. In der Kurzfassung mit 60 Minuten füllen alle spätestens zwei Tage vorher aus (rund 30 Minuten je Person), bringen den Zettel mit zum Termin, und die Schritte Betriebsanleitung, Übergang und zwölf Fragen entfallen.
- Wenn jemand rät
- Fragt oder rät jemand, wer welche Antwort gegeben hat, unterbrichst du: Ich stoppe das, weil die Zettel anonym sind. Wir bleiben bei Situationen. Wiederholt es sich oder steht eine Person erkennbar unter Druck, gehst du sofort zur Spielregel und beendest den Gesprächsteil.
Codes einsammeln
Tippe die Codes von den Zetteln ein, ohne Namen. Die Auswertung läuft nur auf deinem eigenen Gerät, nie am Beamer und nie im Screensharing. Sie erscheint ab 6 gültigen Codes, damit niemand erkennbar wird.
Wo es reibt
Nimm die obersten zwei Fragen mit in die Runde. Schreib Fragetext und Zahlenzeile je auf ein Flipchart-Blatt und zeig nichts von dieser Seite am Beamer. Das Werkzeug hat seinen Zweck erfüllt, sobald ihr über Situationen redet.
Gelistet werden nur Fragen, bei denen auf beiden Seiten mindestens 2 Personen stehen. Frage 4 erscheint nie. Ein starker Wunsch gilt als offen, wenn jemand Sehr oder Zwingend vergeben hat und mindestens ein Drittel der anderen anders antwortet. Die Reihenfolge richtet sich nach der Größe der Lücke zwischen Wünschen und Antworten, danach nach der Größe der Minderheit.
Wo ihr euch einig seid. Nimm auch eine davon mit in die Runde, nie Frage 4. Einigkeit ist die Stelle, an der euch allen dasselbe entgeht.
Mitnehmen
Alles mitnehmen, um es später auszuwerten. Kopieren fügt sich in Google Sheets direkt in Spalten ein, die Datei öffnet Excel. Der Export enthält keine Namen und keine Codes.
Teamwert und Paarmatrix (standardmäßig ausgeblendet, nur für die Moderation)
Sieh dir das nur auf deinem eigenen Gerät an, nie am Beamer und nie im Screensharing. Die Zahlen sind keine Diagnose. Frage 4 zählt hier als eine von zwölf Fragen mit.
Zufallsband: Bei rein zufälligen Antworten liegt der Teamwert eines Vierer-Teams in 90 Prozent der Fälle zwischen 33 und 59 Prozent, bei zehn Personen zwischen 41 und 51 Prozent, ein einzelner Paarwert zwischen 14 und 77 Prozent. Das Zufallsniveau liegt bei rund 46 Prozent. Eigene Simulation, 20.000 Läufe je Teamgröße, Punktwerte der Seite, 30.09.2026, nachzulesen in der Übung.
Gewichtung: Ein Zwingend zählt so viel wie 250 Kaum. Bei zufälliger Wichtigkeit entspricht die Gewichtung im Median 4,5 gleich gewichteten von 12 Fragen (eigene Simulation). Die Grenze von zwei Zwingend aus zwölf ist eine Setzung.
Wer schwingt mit wem
Gelesen wird paarweise: wie oft die eine Person genau das antwortet, was sich die andere wünscht, gewichtet danach, wie wichtig ihr das ist (Kaum 1, Etwas 10, Sehr 50, Zwingend 250 Punkte, Rechenweg wie für den OkCupid-Abgleich beschrieben; Saberrs Algorithmus ist in den geprüften Quellen nicht beschrieben). Ein Paarwert zwischen 14 und 77 Prozent liegt im Zufallsband.
Eure Spielregeln
Fünf Fragen, zu denen das Team Absprachen treffen kann. Wählt die Frage, zu der das Gespräch am meisten hergegeben hat, und formuliert einen Satz, den das Team ab morgen behält. Nur dieser Satz verlässt den Raum. Trag darum nur ein, was das Team freigibt.
Zum Schluss: Leere die Liste auf deinem Gerät vor aller Augen (Liste leeren weiter oben) und zerreiße die Zettel.
Was gemessen wird
Alistair Shepherd hat 2013 in London das Unternehmen Saberr mitgegründet. Sein Algorithmus suchte nach eigener Aussage zwei Dinge gleichzeitig.
The algorithm is finding two things: it’s finding people who behave differently from you but people whose values are aligned with yours.
Seine Annahme: Gemeinsame Werte tragen, unterschiedliches Verhalten macht ein Team stark. Werte fragte er indirekt ab. Seine Begründung: Menschen wissen selten explizit, was ihre Werte sind. Darum stellte er Fragen, die willkürlich wirken.
Horrorfilme statt Leitbild.
Was belegt ist
Drei Fragen sind im Wortlaut belegt und stecken unverändert in Abschnitt 02: die Fragen 1, 2 und 4.
- Do you like horror movies?
- Gestellt beim Test mit acht Teams eines Businessplan-Wettbewerbs der Universität Bristol (Hendrey, 2014).
- Would you consider having an open relationship?
- Aus demselben Interview. Die Frage zielt auf die Bindung an Konventionen und nimmt den Umweg über das Privatleben. Sie liegt nah an Angaben zum Sexualleben, die Art. 9 DSGVO besonders schützt. Darum ist sie freiwillig und wird nicht ausgewertet. Ob die anonyme Abgabe rechtlich genügt, ist nicht geprüft.
- Would you prefer if good things or interesting things happened to you?
- Aus der archivierten Oberfläche der Saberr-Umfrage von 2016.
Frage 3, Normal oder Seltsam, wird der Saberr-Umfrage zugeschrieben. In den gelesenen archivierten Bildern fand sie sich nicht, ihr Beleg ist offen.
Das dreiteilige Antwortformat ist in der archivierten Umfrage ebenfalls belegt. Die eigene Antwort, dann die erwünschte Antwort der wichtigsten Person im eigenen Leben, dann eine Gewichtung mit Stufen wie Somewhat important, Very important und Mandatory. Genau diese Gewichtung macht die Auswertung überhaupt lesbar. Hier steht statt der wichtigsten Person im Leben der Arbeitskontext.
Was nachgebaut ist
Acht der zwölf Fragen stammen aus eigener Hand, gebaut nach demselben Muster: situativ, binär, abwechselnd aus Arbeit und Leben. Jede ist einer Werteachse zugeordnet, angelehnt an Shalom Schwartz. Die Zuordnung ist meine Einschätzung und nicht geprüft; bei sieben der zwölf Fragen halte ich sie für schwach. Die zwölf Fragen sind kein Schwartz-Instrument.
Dazu gehört die Frage nach Rechtschreibfehlern. Sie wird Saberr gern zugeschrieben und fand sich in keiner geprüften Primärquelle. Sie steht hier als Nachbau und ist noch nicht erprobt.
Die frühe Phase von Saberr von 2013 bis 2014, aus der die Horrorfilm-Frage stammt, war aus Mustern von Online-Dating-Daten abgeleitet. Später wechselte das Unternehmen von Vorhersage auf Coaching-Software. Dass Saberr je mit dem Schwartz-Modell gearbeitet hat, fand sich in keiner geprüften Quelle.
Wie die Auswertung rechnet
Für jedes Paar zählt das Werkzeug, wie oft die eine Person genau das antwortet, was sich die andere wünscht. Die Gewichte 1, 10, 50 und 250 und das geometrische Mittel beider Richtungen stimmen mit dem überein, was für den OkCupid-Abgleich beschrieben ist (Malysz, 2016). Für zwölf Fragen ist der Rechenweg nicht ausgelegt (eigene Einschätzung, nicht belegt). Darum sieht der Raum Verteilungen und keine Prozentzahlen. Teamwert und Paarmatrix bleiben standardmäßig ausgeblendet und gehören nie an den Beamer.
Und jetzt der Haken
Saberr gab 2014 an, in rund 21 Tests bei über 95 Prozent richtiger Einordnung von Höchst- und Niedrigleistenden gelegen zu haben, darunter ein korrektes Ranking von acht Teams bei einem Businessplan-Wettbewerb in Bristol.
Das sind Eigenangaben mit kleinen Stichproben. Eine unabhängige Prüfung fand sich bei der Recherche am 30.09.2026 nicht, und Saberrs Algorithmus ist in den geprüften Quellen nicht beschrieben.
Diese Übung sagt also nichts vorher. Sie macht besprechbar, worauf sich Kolleg:innen im Arbeitsalltag verlassen, ohne es je ausgesprochen zu haben. Zwölf Zweierwahlen sind kein Messinstrument, und jede Zahl wirkt präziser, als sie ist. Ob das Gespräch im Team etwas verändert, ist offen.
Kleingedrucktes
Die fünf Fragen der Betriebsanleitung und die fünf Spielregel-Fragen sind angelehnt an Liz Fosslien und Mollie West Duffy, No Hard Feelings: The Secret Power of Embracing Emotions at Work, Portfolio, New York 2019. Ob der Wortlaut dort steht, ist nicht geprüft.
Die Zitate und Angaben zu Saberr stammen aus dem Interview Shared values predict startup success? bei 80,000 Hours vom Mai 2014, aus einem Porträt von Red Branch Media von 2018 und aus archivierten Bildern der Saberr-Umfrage von 2016. Der Rechenweg folgt der Beschreibung des OkCupid-Abgleichs von Malysz (2016). Die Zuordnung der Fragen zu Werteachsen lehnt sich an Shalom H. Schwartz an (Theory of Basic Human Values) und ist meine eigene, ungeprüfte Einschätzung.
Deine Antworten und die Notizen zur Betriebsanleitung bleiben im Browser deines Geräts (localStorage), bis du Meine Antworten löschen drückst oder die Website-Daten dieser Seite löschst. Dort merkt sich die Seite auch die gewählte Sprache. Die Seite sendet diese Eingaben an keine Stelle ab. Der Code enthält ausschließlich die 36 Antworten aus Abschnitt 02, keinen Namen und keinen Freitext. Er ist keine Verschlüsselung: Wer ihn sieht, kann die Antworten auslesen, deshalb gehört er ohne Namen auf einen Zettel. Die eingetippten Codes bleiben auf dem Gerät der Moderation, bis Liste leeren sie löscht. Frage 4 ist freiwillig, erscheint in keiner Verteilung und wird nur exportiert, wenn die Moderation es anschaltet.
Zusammengestellt von Michael Tomoff. Wer das Werkzeug in einem eigenen Workshop einsetzen will, nimmt es gern mit.
