Die Angst, nicht gut genug zu sein, kennen fast alle. Kaum jemand spricht darüber. Dieser Text versucht es trotzdem – ohne Ratschläge, ohne Auflösung, aber mit Ehrlichkeit.

Die Schublade, die jeder kennt

Meine Großmutter hatte eine Schublade, in der sie Dinge aufbewahrte, die sie nicht wegwerfen konnte und nicht gebrauchen wollte.
Einen Knopf ohne Mantel.
Einen Zettel mit einer Telefonnummer, deren Besitzer sie vergessen hatte.
Einen angefangenen Brief an jemanden, dem sie nie geantwortet hatte.

Sie nannte diese Schublade „die Schublade der unerledigten Dinge“, und manchmal, wenn sie glaubte, niemand schaue hin, öffnete sie sie und sah hinein, ohne etwas herauszunehmen. Nicht um etwas zu suchen. Nur um zu wissen, dass es noch da war.

Ich glaube, die meisten Menschen haben so eine Schublade. Nur dass sie nicht aus Holz ist.

Sie sitzt irgendwo zwischen dem Brustbein und dem Magen, und was darin liegt, ist immer dasselbe: die leise, beharrliche Überzeugung, dass man nicht gut genug ist.
Nicht gut genug für den Job, den man hat.
Nicht gut genug für den Menschen, der einen liebt.
Nicht gut genug für das Leben, das man führt – oder für das, das man eigentlich führen wollte, damals, als man noch dachte, man könnte es einfach so entscheiden, wie man entscheidet, was man zum Frühstück isst.

Die Schublade ist selten leer. Und man öffnet sie meistens nachts.

Der alte Bekannte, dem man einen Platz freigehalten hat

Es gibt einen Begriff dafür, den die Psychologen erfunden haben, weil sie für alles Begriffe erfinden müssen: Impostor-Syndrom. Das klingt nach einer Krankheit aus einem schlechten Science-Fiction-Film, und vielleicht ist es das auch. Das Gefühl, eine Hochstaplerin zu sein. Dass man jeden Moment entlarvt werden könnte. Dass alle anderen wissen, was sie tun, und man selbst nur so tut als ob. Und dass es bisher nur noch niemandem aufgefallen ist, aus Gründen, die man sich nicht erklären kann.

Was die Psychologinnen dabei nicht sagen – weil es sich nicht gut in Studien messen lässt – ist, dass dieses Gefühl sich manchmal anfühlt wie ein alter Bekannter. Einer, den man nicht mag, aber der trotzdem immer wieder auftaucht, sich auf den Stuhl gegenüber setzt und fragt:

“Na? Und heute so? Wieder nicht gut genug?”

Man kennt den Bekannten. Man hat ihm sogar, ohne es zu merken, einen Platz freigehalten – den besten Platz, direkt gegenüber, mit Blick auf einen selbst.

Studien schätzen, dass bis zu 70 Prozent aller Menschen die Angst, nicht gut genug zu sein, irgendwann in ihrem Leben kennen (Clance & Imes, 1978). Siebzig Prozent. Das ist keine Randerscheinung. Das ist Mehrheitserfahrung. Und trotzdem sitzt jeder damit allein, als wäre er der Einzige auf der Welt, dem das passiert – als hätten alle anderen diesen Stuhl längst weggestellt.

Um halb sechs aufstehen, obwohl man nicht muss

Ich kenne eine Frau, die jeden Morgen um halb sechs aufsteht, obwohl sie nicht muss. Sie steht auf, weil sie das Gefühl nicht aushält, dass andere schon arbeiten, während sie noch schlafen. Sie weiß, dass das nicht stimmt. Sie weiß, dass die meisten Menschen um halb sechs schlafen, dass die Welt um halb sechs noch dunkel und still ist und dass niemand eine Tabelle öffnet, bevor der Kaffee oder Tee fertig ist. Aber das Wissen hilft nicht gegen das Gefühl, und das Gefühl ist lauter als das Wissen, und so steht sie auf und macht das Licht an und setzt sich an den Schreibtisch, während draußen noch nichts passiert.

Sie ist sehr erfolgreich. Sie hat Preise gewonnen. Ihr Name steht in Zeitungen, in Zusammenhängen, in denen man stolz sein dürfte. Und trotzdem – oder vielleicht deshalb – hat sie das Gefühl, dass sie jeden Tag von vorne beweisen muss, dass sie das alles verdient hat. Dass sie es sich nicht erschlichen hat. Dass sie wirklich so ist, wie alle denken, dass sie ist, und nicht nur sehr gut darin, so auszusehen. Die Angst, nicht gut genug zu sein, wächst manchmal proportional zum Erfolg (Sakulku & Alexander, 2011). Sie gibt der Frau mehr zu verlieren.

Und je mehr man zu verlieren hat, desto früher steht man auf.

Eine Gesellschaft, die Authentizität predigt und Angst züchtet

Unsere Gesellschaft hat ein merkwürdiges Verhältnis zu dieser Angst. Sie verabscheut sie offiziell und kultiviert sie heimlich, mit großer Sorgfalt, seit Jahrzehnten, mit einer Konsequenz, die man fast bewundern müsste, wenn sie nicht so viel kostete (Vogel et al., 2014).

Wir haben Schulsysteme gebaut, die Kinder in Noten einteilen, bevor sie wissen, wer sie sind. Wir haben Arbeitsmärkte gebaut, in denen man sich alle paar Jahre neu erfinden muss, weil das, was man gestern konnte, heute schon veraltet ist und morgen vielleicht von einer Software erledigt wird, die keine Angst kennt und auch keinen Kaffee braucht. Wir haben soziale Netzwerke gebaut, die uns rund um die Uhr zeigen, wie das Leben der anderen aussieht – das beste, sorgfältig ausgewählte, mit Licht von links fotografierte Leben der anderen – und uns dann fragen lassen, warum unseres sich so gewöhnlich anfühlt, so unfertig, so wenig nach etwas.

Und dann sagen wir: Sei authentisch. Sei du selbst. Du bist gut genug.

Wir sagen das auf Postkarten und in Podcasts und auf Motivationspostern in Großraumbüros, direkt neben dem Drucker, der nie funktioniert. Und vielleicht meinen wir es sogar so. Aber wir haben eine Welt gebaut, die das Gegenteil beweist – jeden Tag, mit großer Konsequenz, ohne Pause, ohne Wochenende.

Die unbequeme Wahrheit: Diese Angst funktioniert

Hier ist das Seltsame, das man nicht gerne sagt, weil es sich anfühlt, als würde man etwas Falsches verteidigen: Diese Angst funktioniert (Stoeber & Otto, 2006).

Das ist das Unheimliche an ihr. Sie ist nicht nur destruktiv – sie ist produktiv, manchmal erschreckend produktiv. Sie treibt an.
Sie lässt Menschen um vier Uhr morgens aufwachen und Businesspläne schreiben, die am nächsten Tag vielleicht sogar gut sind.
Sie lässt Wissenschaftlerinnen ein Experiment zum dritten Mal wiederholen, weil das Ergebnis noch nicht stimmt, noch nicht ganz, noch nicht so, dass man sie wirklich vertreten könnte.
Sie lässt Handwerker eine Fuge so lange glätten, bis sie perfekt ist, auch wenn niemand außer ihnen den Unterschied sehen würde – und vielleicht nicht einmal sie selbst, wenn sie ehrlich wären.

Die Angst, nicht gut genug zu sein, hat Kathedralen gebaut. Hat Impfstoffe entwickelt. Hat Bücher geschrieben, die Menschen noch Jahrhunderte später lesen, weil jemand nicht aufgehört hat, sie zu überarbeiten, weil der vorletzte Satz noch nicht stimmte und der Absatz davor auch nicht ganz. Das ist die Ironie, die man nicht auflösen kann: Die Angst, die uns zerstört, ist dieselbe, die uns voranbringt. Man kann sie nicht einfach abschalten, ohne auch das abzuschalten, was sie antreibt. Wer das versucht, merkt meistens, dass sie nur die Form wechselt. Sie zieht sich nicht zurück. Sie wartet.

Der Mann, der seine eigenen Möbel nicht mochte

Ich kannte einmal einen Mann, der Möbel baute. Schöne, schwere Möbel aus altem Holz, die so aussahen, als hätten sie schon immer existiert und würden noch lange existieren, wenn alle anderen Dinge längst verschwunden wären – die Häuser, die Menschen, die Erinnerungen daran. Er war gut darin. Sehr gut. Aber er konnte kein einziges Stück verkaufen, ohne vorher drei Nächte nicht zu schlafen, weil er überzeugt war, dass irgendetwas daran nicht stimmte. Eine Verbindung, die nicht ganz saß. Eine Oberfläche, die nicht ganz glatt war. Etwas, das er nicht benennen konnte, aber spürte, irgendwo in den Händen, die das Holz kannten wie eine Sprache, die man nie gelernt hat und trotzdem spricht.

Seine Kunden liebten die Möbel. Sie schrieben ihm Briefe, manchmal, Jahre später, um ihm zu sagen, dass das Regal noch immer steht, dass der Tisch noch immer hält, dass sie froh sind, dass sie es gekauft haben. Er las die Briefe und legte sie in eine Schublade. Er selbst sah immer nur das, was er hätte besser machen können.

Ich weiß nicht, ob er glücklich war.
Ich glaube, er war sehr lebendig.

Nicht gut genug – gemessen woran eigentlich?

Es lohnt sich, diese Frage einmal wirklich zu stellen, ohne sie sofort wieder wegzuschieben: Nicht gut genug – gemessen woran? Gemessen an wem? An einer Version von sich selbst, die man sich irgendwann ausgedacht hat, in einem Moment, in dem man nicht ganz klar war, was man sich da eigentlich ausdenkt?

Meistens gibt es keine klare Antwort. Der Maßstab ist diffus, beweglich, immer einen Schritt weiter als man selbst, so konstruiert, dass man ihn nie ganz erreichen kann, egal wie früh man aufsteht. Man erreicht etwas, und der Maßstab wandert (Bandura, 1997). Man bekommt Lob, und man denkt: Die wissen nicht, wie es wirklich ist. Man scheitert, und man denkt: Ich hab’s gewusst. Der Maßstab gewinnt immer, weil er von innen kommt – und weil er sich selbst am Leben erhält, unabhängig von dem, was außen passiert, unabhängig von Preisen und Briefen und Namen in Zeitungen.

Die Angst, nicht gut genug zu sein, ist kein Befund. Sie ist ein Signal. Sie taucht fast immer dort auf, wo uns etwas wirklich wichtig ist, wo wir nicht gleichgültig sind, wo wir noch glauben, dass es einen Unterschied macht, wie wir die Dinge tun.

Niemand hat Angst, im Schachspiel nicht gut genug zu sein, wenn ihm Schach gleichgültig ist. Die Angst markiert das, was zählt. Das ist kein Trost. Aber es ist eine Verschiebung – von der Anklage zur Frage.

Was bleibt, wenn man aufhört zu kämpfen

Die Angst, nicht gut genug zu sein, macht uns nicht glücklich. Aber sie macht und hält uns lebendig. Sie ist das Zeichen dafür, dass uns etwas wichtig ist, dass wir nicht aufgehört haben zu glauben, dass Dinge gelingen können – besser, genauer, wahrhaftiger als bisher.

Das ist keine Entschuldigung für Selbstkritik ohne Ende. Und es ist kein Aufruf, die Angst zu feiern oder ihr noch mehr Raum zu geben, als sie ohnehin schon beansprucht.

Es ist der Versuch, ehrlich hinzuschauen.

Manche Dinge brauchen wir nicht erledigen.
Vielleicht einfach nur nicht wegwerfen.

Die Schublade der unerledigten Dinge darf bleiben – mit dem Knopf ohne Mantel, dem Zettel, dem angefangenen Brief. Sie müssen nicht ausgeräumt werden.
Vielleicht nur aufhören, sie nachts heimlich zu öffnen und das, was darin liegt, für ein Urteil zu halten.

Die Angst, nicht gut genug zu sein, ist kein Urteil. Sie ist eine Frage. Und wie alle guten Fragen verdient sie eine Antwort, die man sich Zeit nimmt zu finden – nicht um drei Uhr morgens, nicht allein, nicht mit dem Gefühl, dass die Zeit abläuft. Sondern in Ruhe. Bei Tageslicht. Mit Kaffee oder Tee oder auch Kakao, der fertig ist.

Das ist keine Lösung. Aber es ist ehrlicher als eine Postkarte.

 

Literatur

Bandura, A. (1997). Self-efficacy: The exercise of control. W. H. Freeman.

Clance, P. R., & Imes, S. A. (1978). The imposter phenomenon in high achieving women: Dynamics and therapeutic intervention. Psychotherapy: Theory, Research & Practice, 15(3), 241–247. 

Sakulku, J., & Alexander, J. (2011). The impostor phenomenon. International Journal of Behavioral Science, 6(1), 73–92.

Stoeber, J., & Otto, K. (2006). Positive conceptions of perfectionism: Approaches, evidence, challenges. Personality and Social Psychology Review, 10(4), 295–319.

Vogel, E. A., Rose, J. P., Roberts, L. R., & Eckles, K. (2014). Social comparison, social media, and self-esteem. Psychology of Popular Media Culture, 3(4), 206–222. https://doi.org/10.1037/ppm0000047

 

* Die Figuren in diesem Text – die Großmutter mit ihrer Schublade, die Frau, die um halb sechs aufsteht, der Mann mit den Möbeln – sind erfunden. Aber erfunden auf die Art, wie Dinge erfunden sind, die man sich nicht vollständig ausgedacht hat. Wer sich in ihnen erkennt, liegt wahrscheinlich nicht falsch. 

Michael Tomoff
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