Ich habe Angst vor dem Tod. Das sage ich nicht, um interessant zu wirken.
Ich sage es, weil es wahr ist. Und weil es die meisten von uns betrifft, und weil wir so selten darüber reden, als wäre es eine Schwäche, die man besser im Keller verstaut, neben den Kartons mit den Dingen, die weder wegzuwerfen noch anzusehen sind.
Ostern, Elfriede und eine Taschenlampe zwischen den Zähnen
Ostern fiel in diesem Jahr auf einen Sonntag, wie immer. Eine umtriebige Nachbarin, Elfriede, hatte schon einige Plastikeier in den Buchsbaum gehängt, obwohl es noch Nacht war, als sie es tat, und ich weiß das, weil ich nicht schlafen konnte und aus dem Fenster blickte und sie dort stehen sah, Elfriede, mit einer Taschenlampe zwischen den Zähnen und einem (gerade) grauen Ei in jeder Hand. Ich dachte: Das ist entweder sehr traurig oder sehr mutig. Vielleicht beides. Vielleicht ist das aber auch dasselbe.
Danach lag ich in meinem Bett und dachte an den Tod. Nicht zum ersten Mal. Nicht zum letzten. Die Angst davor ist keine, die sich ankündigt. Sie sitzt einfach schon da, wenn ich aufwache, auf der Bettkante, still und geduldig wie jemand, der weiß, dass er Zeit hat.
Was mich am meisten erschreckt, ist nicht das Ende selbst. Es ist der Gedanke, dass ich nicht gelebt haben könnte, wie ich wollte. Dass ich zu viel gearbeitet haben werde. Zu wenig gesagt. Zu selten die Hand gehalten von jemandem, den ich liebe. Diese Listen kennt man. Sie klingen banal. Sie sind es nicht. Sie sind das Schwerste, was ich kenne – weil sie wahr sind, und weil ich sie kenne, und weil ich trotzdem oft weitermache wie bisher.
Das ist das Eigentliche. Der Tod interessiert mich weniger als das, was ich tue, solange er noch wartet.
1. Was der Tod wirklich fragt und warum ich lange nicht antworten wollte
Es gibt einen Mann, der heißt Herrmann und wohnt drei Straßen weiter, und er hat mir einmal erzählt, dass er jeden Frühling seine Schränke ausräumt. Nicht weil er ordentlich ist. Er will, wie er sagte, „nicht mit dem ganzen alten Kram sterben“. Er stand dabei mit einem Pullover in der Hand, den er seit 1987 nicht mehr getragen hatte, und sah aus wie jemand, der gerade etwas sehr Wichtiges versteht.
Herrmann ist achtzig. Ich bin es nicht. Und trotzdem verstehe ich ihn.
Es gibt Momente, in denen der Tod sich weniger wie eine abstrakte Tatsache anfühlt, denn eher wie ein Gewicht, das ich die ganze Zeit trage, ohne es zu merken – bis ich es plötzlich merke, und dann ist es sehr schwer, und ich frage mich, wie ich das nicht früher gespürt habe. Ich habe in den letzten Jahren viel über den Tod nachgedacht, mehr als mir lieb ist und weniger als es nötig wäre. Ich habe Texte gelesen, Gespräche geführt, Nächte damit verbracht, an die Decke zu starren und die Frage zu wälzen, die sich stellt, wenn ich den Tod nicht verdränge, sondern kurz neben mich sitzen lasse, wie einen ungebetenen Gast, dem ich dann doch Tee anbiete:
Wie möchte ich gelebt haben?
Was will ich erreichen? Was sollen andere über mich denken? Diese Fragen kenne ich gut, ich habe sie oft gestellt, und sie haben mir nie das gegeben, was ich eigentlich wissen wollte. Was ich wissen will, ist das: Wenn es vorbei ist – und es wird vorbei sein -, was soll dann gewesen sein?
Diese Frage macht etwas mit mir. Sie räumt auf. Sie ist ungemütlich und gleichzeitig das Klarste, was ich kenne. Sie lässt sich nicht wegschlafen. Sie wartet. Sie hat die Geduld eines Gletschers und die Präzision eines Skalpells, und irgendwann kommt sie an jeden heran.
Dann kam der Morgen.
Draußen hingen (jetzt) bunte Plastikostereier in einem Buchsbaum, und die Sonne schien auf sie, und sie warfen kleine, graufarbige Schatten auf den Boden – rosa und gelb und ein seltsamer Grünstich, der aussah wie Hoffnung oder wie Irrsinn, je nachdem, wie ich draufschaute. Ich stand am Fenster und hielt eine Tasse in der Hand, und der Kakao mit Honig darin war noch zu heiß zum Trinken, und der Dampf stieg auf, süß und warm und nach etwas, das ich nicht benennen konnte. Nach Kindheit vielleicht, nach Sonntagen, nach dem Gefühl, dass gleich jemand zu Besuch kommt.
Auferstehung, sagten sie früher. Auferstehung, sagen manche noch heute. Ich sage es nicht, weil ich nicht weiß, was danach kommt, und weil ich dem Wort nicht vertraue, solange ich nicht weiß, was es meint. Aber die Idee dahinter – dass etwas aufhört und dann wieder anfängt, dass aus dem Ende etwas Neues entsteht, dass das alte Leben sich ablegen lässt wie ein Mantel, der zu eng geworden ist – diese Idee lässt mich nicht los…
Jeden Morgen, wenn ich aufwache, bin ich ein bisschen anders als gestern. Das ist keine Metapher. Das ist Biologie. Und trotzdem fühlt es sich nach Wahl an.
2. Das stille Aufschieben: Wenn wir warten, statt zu leben
Ich kenne eine Frau, nennen wir sie Sara, die seit zwei Jahren in einem Job sitzt, der ihr so wenig passt wie ein Schuh, der eine Nummer zu klein ist. Sie trägt ihn trotzdem, jeden Tag, und abends zieht sie ihn aus und reibt sich die Füße und denkt: Morgen kündige ich. Morgen. Seit zwei Jahren ist es morgen.
Ich kenne einen Mann, der in einer Ehe lebt wie in einem Zimmer, dessen Tür er schon lange nicht mehr abschließt, aber auch nicht öffnet. Er steht manchmal davor. Er legt die Hand auf den Griff. Dann geht er in die Küche und macht sich Tee.
Ich kenne eine Frau, die verliebt ist – tief, still, mit der ganzen Schwere, die Liebe manchmal hat, wenn sie nirgendwo hin kann. Sie ist verliebt in eine andere Frau, und diese andere Frau sitzt manchmal neben ihr auf dem Sofa, und sie reden über alles Mögliche, und die Verliebte schaut auf ihre eigenen Hände und denkt den Satz, den sie nie sagt, und der Satz liegt zwischen ihnen wie ein Vogel, der nicht fliegt.
Das ist kein Vorwurf. Das bin auch ich.
Ich schiebe auf. Ich warte auf den richtigen Moment, auf die richtige Stimmung, auf eine Woche, in der weniger los ist. Diese Woche kommt nicht. Sie hat noch nie existiert. Und irgendwo weiß ich das… und schiebe trotzdem. Das Aufschieben ist so bequem wie ein altes Sofa, das einen langsam verschluckt.
Die Nähe zum Tod – und dabei weniger die Bedrohung als vielmehr die Tatsache, die ich mittlerweile anerkenne – macht damit Schluss. Sie ist das Gegenmittel gegen das Aufschieben. Sie sagt: Jetzt. Oder vielleicht nie. Und das “vielleicht nie” ist kein rhetorisches Mittel. Es ist eine echte Möglichkeit. Eine, die ich lange nicht ernst genommen habe.
Wenn ich weiß, dass die Zeit begrenzt ist (und ich weiß es, auch wenn ich es vergesse), dann werden die Prioritäten seltsam deutlich. Das Unwichtige ist still geworden. Und in dieser Stille fangen die aufgeschobenen Dinge an zu leuchten.
3. Ostern und Auferstehung als tägliche Entscheidung: Wer will ich heute sein?
Ich habe lange geglaubt, dass ich so bin, wie ich bin. Dass mein Charakter feststeht wie eine Unterschrift, die sich nicht mehr ändern lässt. Das ist falsch. Ich verändere mich die ganze Zeit. Die Frage ist nur, ob ich es bewusst tue oder ob ich es dem Zufall überlasse.
Ostern ist das Bild dafür: etwas stirbt, damit etwas Neues entstehen kann. Das Korn fällt in die Erde. Der Schmetterling war vorher eine Raupe, und die Raupe löst sich im Kokon vollständig auf, bevor sie zu etwas anderem wird. Vollständig. Es bleibt nichts von der alten Form.
Das klingt beängstigend. Es ist auch beängstigend. Aber es ist auch das Aufregendste, was ich mir vorstellen kann: nicht festgelegt zu sein. Heute aufhören zu können, die Person zu sein, die ich gestern noch war. Gestern hatte seine Gründe. Heute hat andere Möglichkeiten, die ich ergreifen kann. Auch eine, die wartet. Ruhig, ohne Ungeduld, wie Elfriede mit ihren zwei Tassen.
Wir warten darauf, dass das Leben uns verändert. Dabei sind wir selbst das Einzige, das sich entscheiden kann.
Alte Gewohnheiten sterben schwer, sagt man. Aber sie sterben. Das ist das Entscheidende.
4. Verbundenheit: Was wir verlieren, wenn wir so tun, als kämen wir allein zurecht
Wenn ich aufhöre, so zu tun, als wäre ich unsterblich, dann höre ich auch auf, so zu tun, als käme ich allein zurecht. Ich brauche andere Menschen. Das ist keine sentimentale Aussage. Das ist eine biologische Tatsache und eine soziale und eine, die ich glücklicherweise in meinem eigenen Leben mit erfüllender Konsequenz umarmt habe.
Ich dachte an Elfriede mit ihren Plastikeiern im Dunkeln. Ich dachte daran, dass sie allein lebt und dass ich nicht wusste, wann ich zuletzt wirklich mit ihr gesprochen hatte. Nicht so, dass es zählt. Nicht so, dass es bleibt. Nicht so, dass einer von uns danach anders nach Hause geht.
Das ist das, was der Tod zeigt, wenn ich ihn lasse: dass ich Zeit verschwende mit Dingen, die keine Rolle spielen, und zu wenig Zeit verbringe mit den Menschen, die mir wichtig sind. Ich mag sie. Manche liebe ich. Und trotzdem lasse ich die Wochen vergehen, weil irgendwo in mir jemand sitzt, der fest daran glaubt, dass Zeit sich schon irgendwie ergibt.
Es ist noch Zeit. Meistens. Aber nicht immer. Und ich weiß nicht, wann das “meistens” aufhört.
5. Der Kakao, die zwei Tassen und das, was bleibt
Elfriede kam gerade aus der Tür. Sie sah mich durch das Fenster und hob die Hand. Ich hob auch die Hand.
Dann ging ich rüber.
Sie hatte Osterkuchen, der seit gestern auf dem Tisch stand, und zwei Tassen, die schon bereitstanden, als wäre sie davon ausgegangen, dass ich komme. Vielleicht war sie das. Und sie hatte Kakao mit Honig – heiß und süß und dampfend, genau so wie meiner am Fenster, den ich vergessen hatte zu trinken, weil ich zu lange auf die Eier im Buchsbaum geschaut und mir den Kopf zerbrochen hatte.
Wir redeten nicht über den Tod. Wir redeten über den frisch geschnittenen Buchsbaum und darüber, dass der Kakao eigentlich noch heißer sein könnte, und über einen Film, den sie neulich gesehen hatte und den sie nicht mochte, aber trotzdem bis zum Ende geschaut hatte, weil sie dachte, es würde vielleicht noch gut werden.
Manchmal wird es noch gut. Das ist auch etwas, das ich wissen sollte. Das ist vielleicht das Wichtigste.
Was Ostern wirklich bedeutet, jenseits von Plastikeiern und Auferstehung
Ostern kommt jedes Jahr. Und jedes Jahr ist es für mich eine Einladung: aufzuhören mit dem, was nicht mehr stimmt, und anzufangen mit dem, was wartet. Nicht weil es sein muss. Weil es sein kann. Weil ich (noch) jeden Morgen aufwache und die Wahl habe, wer ich heute sein will. Weil ich nicht festgelegt bin. Weil das Korn in die Erde fällt und daraus etwas wächst, das vorher nicht denkbar war.
Das ist genug.
Sara kann kündigen. Der Mann kann die Tür öffnen. Die Verliebte kann den Satz sagen, der zwischen ihnen liegt wie ein Vogel, der nicht fliegt. Und ihn fliegen lassen.
Und ich kann rübergehen.
Das ist das Geschenk der Endlichkeit. Das Einzige, das sie gibt, ohne etwas dafür zu verlangen.
Außer Aufmerksamkeit. Die verlangt sie schon.
Und vielleicht, gelegentlich, den Mut, bei jemandem zu klingeln, der schon zwei Tassen hingestellt hat – und das, obwohl es noch Nacht war, als sie es tat, mit einer Taschenlampe zwischen den Zähnen und einem rosa Ei in jeder Hand, weil sie dachte: “Es kommt vielleicht noch jemand. Es wird vielleicht noch gut.”
Sie hatte recht.