Michael Tomoff Logo Was Wäre Wenn - Positive Psychologie und Coaching - Interview Podcast

Positive Psychologie und kann man Mut lernen?

Neujahr. Das neue Jahr weckt Fantasien — die Dinge mit etwas Mut mal anders zu machen. In eine andere Stadt ziehen. Den Job wechseln. Endlich das Gespräch führen, das schon viel zu lange aufgeschoben wurde. All das braucht etwas: Mut.

Aber was ist Mut eigentlich? Ist es eine Charaktereigenschaft, die man hat — oder nicht hat? Oder ist es etwas, das man sich aneignen kann?

In einem HR1-Neujahrsinterview habe ich genau diese Fragen beantwortet. Die Antwort: Ja, Mut ist lernbar. Aber es lohnt sich, genauer hinzuschauen — denn es ist nicht das, was die meisten denken.

Was braucht es, um mutig zu handeln?

Die erste Voraussetzung für mutiges Handeln ist nicht Unerschrockenheit — sondern die Erwartung, dass es sich lohnt.

„Die Erwartung positiver Konsequenzen ist, glaube ich, eine große Voraussetzung. Eine Handlung muss sich für uns lohnen.“

Das klingt zunächst nüchtern — fast so, als ginge es hier nur um eine Kosten-Nutzen-Kalkulation. Aber es steckt mehr dahinter: Das Lohnen kann innerlich sein. Wer bei einer Auseinandersetzung auf der Straße eingreift, weil es ihm wichtig ist, Unrecht nicht schweigend zu erdulden, wird durch das Handeln selbst belohnt — durch das Gefühl, den eigenen Werten treu geblieben zu sein.

Mut entsteht also nicht aus einem Impuls heraus. Er entsteht aus Überzeugung: Diese Handlung steht für etwas, das mir wirklich wichtig ist.

Ist Mut angeboren oder erlernbar?

Diese Frage höre ich häufig im Coaching. Die ehrliche Antwort: beides spielt eine Rolle — aber der Kontext ist entscheidender als die Gene.

„Möglicherweise gibt es genetische Anlagen. Aber ich bin kein Biologe, sondern Psychologe — und sehe häufig eher kontextabhängige Unterschiede.“

In Unternehmen zum Beispiel überträgt sich mutiges Verhalten. Wenn Führungskräfte schwierige Entscheidungen sichtbar und offen treffen, entsteht eine Kultur, in der andere ebenfalls mutiger werden. Das Gegenteil ist genauso wahr: In Organisationen, in denen Duckmäuserverhalten belohnt wird, verlieren Menschen das Training für Mut.

Gleiches gilt für die Familie: Wer aufgewachsen ist, ohne eigene Entscheidungen treffen zu dürfen, dem fehlt schlicht die Erfahrung. Mut ist wie ein Muskel. Wer ihn nicht benutzt, verliert ihn nicht vollständig. Aber er verkümmert.

Mut bedeutet nicht: keine Angst haben

Das ist der wichtigste Punkt — und gleichzeitig der am häufigsten missverstandene:

„Mutig sein heißt nicht, keine Angst mehr zu haben. Sondern: die Angst wahrzunehmen, möglicherweise auch zu akzeptieren — und trotzdem nicht einzufrieren.“

Mutige Menschen verspüren oft extreme Angst. Was sie von anderen unterscheidet, ist nicht das Fehlen der Angst — sondern der Moment, in dem sie sich den Ruck geben, trotzdem zu handeln.

Die Angst selbst hat dabei immer einen Grund. Meistens ist es ein Bedürfnis dahinter: Sicherheit. Soziale Akzeptanz. Die Angst, sich lächerlich zu machen oder falsch zu liegen. Diese Bedürfnisse sind vollkommen legitim. Sie anzuerkennen — ohne sich von ihnen lähmen zu lassen — ist Mut in seiner reinsten Form.

Wer wartet, bis die Angst weg ist, wartet oft sehr lange. Der entscheidende Moment ist der, in dem man sich bewusst entscheidet, trotzdem einen Schritt zu machen.

Kann es als Erwachsener noch gelernt werden?

Die klare Antwort: Ja. Unbedingt.

„Wäre das nicht so, dass man mutiges Handeln lernen könnte, dann würden gefühlt ein Drittel aller Coachings, die ich durchführe, nicht mehr stattfinden.“

Ein erheblicher Teil der Menschen, die im Coaching landen — privat wie beruflich — kommt genau wegen dieser Frage. Sie wollen Entscheidungen treffen, die sie lange aufgeschoben haben. Sie wollen aus der Komfortzone heraus — nicht mit einem großen Sprung, sondern Schritt für Schritt.

Und: Es klappt. Nicht weil Mut vom Himmel fällt, sondern weil er trainiert werden kann.

Drei Wege, mutiger zu werden

Auch ein Entenküken braucht manchmal Mut, um seinen Weg zu gehen - genau wie wir Menschen


1. Klein anfangen

„Beim Thema Sprung: Wenn Sie Höhenangst haben, wäre ein Fallschirmsprung wahrscheinlich der falsche erste Schritt. Dann vielleicht mal vom Dreimeterbrett oder vom Einmeterbrett springen.“

Die Logik dahinter: Jede kleine Mutprobe, die gelingt, stärkt das Vertrauen in die eigene Handlungsfähigkeit. In der Psychologie nennen wir das Selbstwirksamkeit — das Erleben, dass das eigene Handeln einen Unterschied macht.

2. Mutige Menschen aufsuchen

Wer mutige Entscheidungen treffen will, sollte sich mit Menschen umgeben, die das bereits getan haben. Nicht um alles sofort nachzumachen — sondern um zu verstehen: Wie sind die dahin gekommen? Welche Schritte haben sie gemacht?

Mutige Vorbilder machen das Unvorstellbare vorstellbar. Und das ist oft der erste und wichtigste Schritt: zu sehen, dass jemand diesen Weg bereits gegangen ist.

3. Die eigene Mutbiografie schreiben

Das ist eine Übung, die ich im Coaching oft empfehle: Nimm ein Blatt Papier — DIN A4 oder A3 — und notiere, wann du in deinem Leben mutige Entscheidungen getroffen hast. Wann hast du etwas getan, das Überwindung gekostet hat?

„Überlegen Sie, wann Sie in Ihrer Vergangenheit mutige Entscheidungen getroffen haben.“

Dabei werden Muster sichtbar: Mit welchen Menschen warst du zusammen? Welche Umstände haben mutiges Handeln begünstigt? Und — oft die wichtigste Erkenntnis — wie schwer war es wirklich?

Wo fängt Übermut an?

Eine wichtige Abgrenzung: Nicht alles, was sich mutig anfühlt, ist auch klug.

„Ich glaube, wenn mutiges Verhalten körperlichen oder mentalen Schaden nach sich ziehen könnte“ — dann ist die Grenze zum Übermut überschritten.

Das Ziel mutiger Entscheidungen sollte Wachstum sein, nicht Selbstgefährdung. Mutig zu sein bedeutet, in Unsicherheit handlungsfähig zu bleiben — und dabei das eigene Wohlbefinden und die eigene Entwicklung im Blick zu behalten.

Mut und Positive Psychologie

In der Positiven Psychologie ist Mut eine der Kernstärken des VIA-Charakterstärken-Modells. Er wird definiert als die Fähigkeit, angesichts von Herausforderungen, Risiken oder Widerständen das Richtige zu tun — auch wenn es unbequem ist.

Was die Forschung zeigt: Wer Mut als eine seiner Kernstärken erkennt und aktiv einsetzt, berichtet von höherem Wohlbefinden, mehr Lebensenergie und einem klareren Sinn für den eigenen Weg.

Das macht Sinn. Denn Mut ist eng verbunden mit Authentizität: Wer nach dem handelt, was ihm wirklich wichtig ist — auch wenn es unbequem ist — lebt im Einklang mit sich selbst. Und das ist eine der verlässlichsten Quellen für dauerhafte Zufriedenheit.

Häufig gestellte Fragen

Ist Mut angeboren oder erlernbar? Beides spielt eine Rolle, aber der Kontext ist entscheidender als genetische Anlagen. Wer in einem Umfeld aufwächst oder arbeitet, das mutiges Handeln fördert und als Vorbild lebt, entwickelt mehr Mut — weil er die Möglichkeit hat, ihn zu üben. Mut ist wie ein Muskel: trainierbar, aber auch rückbildungsfähig, wenn er nicht genutzt wird.

Was ist der Unterschied zwischen Mut und Übermut? Mut schließt die Abwägung von Risiken ein — Übermut ignoriert sie. Ein gutes Kriterium: Wenn eine Handlung körperlichen oder mentalen Schaden verursachen kann, ohne dass echtes Wachstum möglich ist, ist die Grenze überschritten.

Wie kann ich beginnen, mutiger zu werden? Fang klein an. Nimm eine Situation, die dir Überwindung kostet — aber kein existenzielles Risiko birgt — und gehe sie an. Schreib danach auf, wie es war. Meistens war es leichter als erwartet. Und genau dieser Befund ist wertvoll: Er korrigiert die Überzeugung, dass mutiges Handeln zwingend überwältigend sein muss.

Was hat Mut mit Angst zu tun? Alles. Mut bedeutet nicht, keine Angst zu haben — sondern trotz Angst zu handeln. Mutige Menschen verspüren oft intensive Angst. Was sie unterscheidet: Sie frieren nicht ein. Wer wartet, bis die Angst weg ist, wartet meist vergeblich.

Der Was-wäre-wenn-Newsletter

Gefällt dir, was du gerade gelesen hast?

Neue Artikel, Positive Psychologie und Coaching-Impulse — direkt von Michael Tomoff, wenn es etwas zu sagen gibt. Nicht öfter.

Kein Spam. Keine Weitergabe. Abmeldung jederzeit. Datenschutz