Du drehst dich nicht zur Sonne. Du drehst dich zum Besseren. Nicht mehr und nicht weniger ist Meliotropismus.
Eine neue Idee aus der Positiven Psychologie
Auf meiner Fensterbank steht eine Sonnenblume, die ich vor zwei Wochen kaufte, weil Gelb in diesem Büro fehlte, die ich dann, wie es mit guten Vorsätzen und Schnittblumen nun einmal ist, in eine Vase stellte und seither ungefähr so zuverlässig gieße wie meine Steuererklärung mache. Ihre Blätter sind inzwischen weich wie altes Papier, der Kopf hängt, das Gelb ist ins Bräunliche gerutscht. Trotzdem hat sie sich in den letzten Tagen noch drei Mal um neunzig Grad gedreht, der Sonne hinterher, gehorsam, gründlich, ohne jeden erkennbaren Nutzen.
Das nennt man Heliotropismus, ein griechisches Wort, helios für Sonne, tropos für Drehung.
Pflanzen fragen nicht, ob sich eine Drehung noch lohnt.
Sie drehen sich.
Menschen können das auch, und genau das ist das Problem. Wir folgen oft dem hellsten Reiz im Raum, dem Gefühl, etwas zu verpassen, das uns zum Handy zieht, der Nachricht, die Angst macht, dem nächsten Termin, der wichtiger klingt als der letzte, und wir drehen uns, zuverlässig, stundenlang, wie die Sonnenblume, nur dass bei uns selten jemand von außen sieht, dass das Wasser fehlt. Zum Besseren drehen wir uns ungerne. Und irgendwann merken wir, dass wir bei jedem Sonnenaufgang mitdrehten, ohne je gefragt zu haben, wohin das eigentlich führt.
Ich kenne dieses Mitdrehen aus eigener Erfahrung. Es sieht bei mir glücklicherweise nicht nach Doomscrolling oder Serien-Bingen aus. Es ist kleiner, unauffälliger, fast bieder: Sprachnachrichten.
Abends, wenn eigentlich Schluss sein sollte, das Licht im Flur schon aus, die Zähne schon geputzt, liege ich im Bett und nehme noch eine auf, höre mir die Antwort einer Freundin zweimal an, bevor ich reagiere, tippe eine Textantwort, lösche sie wieder, weil sie zu glatt klingt, nehme doch lieber noch eine Sprachnachricht auf.
Aus zwanzig Minuten werden vierzig, dann sechzig, das Handy wird warm in meiner Hand, wie es das immer tut, wenn ich es zu lange in der Hand halte. Nicht, weil mir das Gespräch schadet. Es ist für mich Kontakt mit meinem Lieblingsmenschenkreis. Aber es in diesem Moment auch das Hellste im Raum. Heller als der Schlaf, den ich eigentlich bräuchte.
Vor ein paar Monaten ging eine Klientin neben mir auf meiner Coaching-Runde, und beschrieb eine eigene Version davon. Erfolgreich, ausgebrannt, drei Wellbeing-Apps auf dem Handy, ein Gratitude Journal, das sie seit Wochen nicht mehr aufgeschlagen hatte, weil es sich wie eine weitere Aufgabe anfühlte. „Ich mache alles richtig“, sagte sie, „und trotzdem fühlt es sich falsch an.“
Das war der Moment, in dem mir ein Begriff wieder einfiel, den ich Wochen zuvor in einer aktuellen Studie gelesen hatte, ein Begriff so neu, dass ihn die meisten meiner Kolleg:innen noch nie gehört haben. Meliotropismus.
Die Geschichte von Meliotropismus
Der Name kommt aus dem Lateinischen und dem Griechischen. Melior heißt besser, tropos heißt immer noch Drehung.
Meliotropismus beschreibt die Tendenz, Gedanken, Verhalten, Haltungen und Lebensentscheidungen aktiv auf das auszurichten, was das Leben lebenswert macht, auch dann, wenn gerade nichts leicht ist (Dunne, Byrne, Burke & Duggan, 2025). Der Begriff stammt aus der Forschung zu Positiver Psychologie und Positive Health von Padraic Dunne und seinem Team am Royal College of Surgeons in Ireland, ganz in der Tradition der Frage, was ein Leben eigentlich sinnreich macht. Und er wurde 2025 in einer zweiten Studie noch einmal geschärft: Die Wissenschaftler:innen interviewten 22 Alumni positiver-psychologischer Masterprogramme – Menschen, die das Fach nicht nur studiert, sondern jahrelang gelebt hatten.
Die Frage war einfach: Was bleibt eigentlich übrig, wenn man aufhört, Übungen zu machen?
Die Forscher:innen führten ausführliche, offene Interviews, ließen die Alumni frei erzählen, wie ihr Alltag heute aussieht, und werteten die Antworten in einem sauberen qualitativen Verfahren aus. Kein Fragebogen mit Ankreuzskala. Echte Sätze, echte Widersprüche, echte Zögerlichkeit. Genau das macht die Ergebnisse so glaubwürdig.
Zwei Aha-Momente aus der Studie
Die Antwort war “keine Disziplin mehr”. Die Antwort war “weniger Technik”. Die Alumni, die ihr Wellbeing am nachhaltigsten gestalteten, hatten aufgehört, klassische Positive-Psychology-Interventionen (PPIs) wie Dankbarkeitstagebücher oder Stärkenübungen strukturiert durchzuführen (Burke, Giraldez-Hayes & Dunne, 2025). Stattdessen hatten sie sich verändert. Ihre Grundhaltung hatte sich verschoben von „ich mache etwas für mein Wohlbefinden“ zu „ich bin so ausgerichtet, dass Wohlbefinden mitentsteht“.
Genau das ist Meliotropismus.
Keine Übung.
Eine Ausrichtung.
Zweiter Aha-Moment, und der hat mich beim Lesen der Studie kurz innehalten lassen: Die Veränderung passierte bei den meisten Teilnehmenden erst, nachdem die Ausbildung längst vorbei war. Nicht während der Theorie-Wochen, in denen alle Übungen frisch im Kopf waren. Später. Im echten Leben, unter echtem Druck, ohne Dozentin, die zusieht.
Das ist selten, wie Lernen sonst funktioniert, und genau das macht Meliotropismus zu mehr als einem weiteren Konzept aus dem Positive-Psychology-Baukasten.
Meliotropismus vs. Heliotropismus: Was ist der Unterschied?
Und damit sind wir bei der Abgrenzung, die mindestens so wichtig ist wie die Definition selbst. Denn was nach einem weiteren Wellness-Buzzword klingt, unterscheidet sich in fünf entscheidenden Punkten von dem, wofür man es leicht halten könnte.
1. kein Rebranding von Heliotropismus
Erstens: Es ist kein Rebranding des Heliotropismus, den die Organisationsforschung seit über zwanzig Jahren kennt. Kim Cameron und Kolleg:innen beschrieben schon 2003, dass soziale Systeme sich zu den positivsten Bildern hin entwickeln, die sie von sich selbst haben (Cameron, Dutton & Quinn, 2003). Das ist eine Bewegung zum Licht, zum Positiven, zum Bild von sich selbst, das gut aussieht. Meliotropismus bewegt sich zum Besseren. Zum Hellsten bewegt er sich ausdrücklich nicht. Der Unterschied ist keine Wortklauberei. Licht kann blenden. Besser kann auch bedeuten, eine unbequeme Wahrheit auszusprechen, ein Angebot abzulehnen, einen Job zu kündigen, der glänzt, aber nicht trägt.
Der Aktion-Mensch-Moment: Meliotropismus in Echtzeit
Ich habe das selbst erlebt, in einem meiner ersten Workshops als Selbstständiger, bei der Aktion Mensch in Bonn, einer Bühne, auf die ich mir mehr eingebildet hatte, als mir guttat, in einem Konferenzraum mit diesem speziellen Teppichboden-Grau, das offenbar jede deutsche Firma im selben Großhandel bestellt, mit Filterkaffee in Thermoskannen und Namensschildchen, die schon nach der ersten Kaffeepause windschief in ihren Plastikständern hingen.
Ich hatte mich vorbereitet, gründlich sogar – dachte ich – zwei Trainingstage zu Kreativität und Innovation fein säuberlich im Kopf sortiert, Flipchart-Folie für Flipchart-Folie, bis eine Teilnehmerin in der ersten Reihe, die bis dahin freundlich genickt hatte, nach 15 Minuten die Hand hob, so beiläufig, wie man nach der Uhrzeit fragt, und sagte: „Ich weiß nicht genau, ob ich falsch informiert bin, aber wenn ich mich für einen Workshop nicht angemeldet habe, dann für Kreativität und Innovation.“
Stille. Die von der Sorte, die man körperlich hören kann.
Dann nickten drei, fünf, zehn andere, und irgendwo in der zweiten Reihe saß, Arme verschränkt, mit dem Gesichtsausdruck eines Mannes, der seine Anwesenheit gleich in der Buchhaltung wird rechtfertigen müssen, ein Mann aus dem Top-Management, der ganz sicher nicht wegen der Kekse hier war.
Mein Hals zog sich zu, so schnell und so zuverlässig, wie sich ein Reißverschluss schließt. Die Hitze schoss mir in den Körper wie heißes Wasser in ein kaltes Glas, dieses feine, hohe Klirren, kurz bevor das Glas springt.
Zwei Wege lagen vor mir, deutlich getrennt wie Gleise vor einer Weiche. Der eine glänzte: Souveränität markieren, weiterreden, als sei alles geplant gewesen, irgendwann beiläufig „wir kommen gleich noch dazu“ murmeln, und mit etwas Glück würde es niemand merken.
Der andere war matter, unbequemer, ehrlicher. Ich wusste in diesem einen, langen Sekundenbruchteil, dass ich sie verlieren würde, jede/n Einzelne/n von ihnen, wenn ich den ersten Weg nähme. Also nahm ich den zweiten.
„Das ist mir in meiner ganzen Laufbahn noch nicht passiert“, sagte ich, und es stimmte. „Ich habe mich falsch vorbereitet. Bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als mit euch neu zu erschaffen, worum es euch eigentlich ging.“
Ein Lächeln ging durch den Raum, unsicher zuerst, wie ein Licht, das noch nicht weiß, ob es angehen soll, dann lockerer. Ich schwitzte weiterhin wie ein Grundschüler beim Diktat. Aber wir redeten, sammelten Themen, die mir, Gott sei Dank, doch bekannt vorkamen, und in der ersten Kaffeepause strickte ich, mit zitternden Fingern und drei Filzstiften gleichzeitig, ein neues Konzept, maßgeschneidert, punktgenau.
Eineinhalb Tage später, in der Abschlussrunde, auf demselben grauen Teppichboden, sagte der Manager, er habe nach der ersten halben Stunde gedacht, das gehe komplett in die Hose, und jetzt ziehe er den Hut. Ich habe mir diesen Satz seitdem oft selbst zitiert, nachts, wenn in meiner Fantasie mal wieder ein Workshop schiefzugehen droht. Das war Meliotropismus, lange bevor ich ein Wort dafür hatte.
Nicht der glänzende Auftritt.
Die ehrlichere Richtung.
Was Meliotropismus nicht ist: 4 weitere Abgrenzungen
2. Keine toxische Positivität
Die Teilnehmenden der Studie haben ihre Schattenseiten gefühlt und stehen lassen, statt sie zu verdrängen. Warum uns das so schwerfällt, ist ein eigenes Thema, aber genau diese Fähigkeit trug ihr Wellbeing. Wut, Trauer, Erschöpfung, alles durfte da sein, ernst genommen, unübertüncht. Interessant war, dass keine einzige der 22 Personen das Streben nach Glück als Ziel nannte. Das passt zu älterer Forschung, die zeigt, dass die aktive Jagd nach Glück eher unglücklich macht (Gruber, Mauss & Tamir, 2011).
Meliotropismus jagt nichts. Er richtet aus.
3. Keine weitere Positive-Psychologie-Intervention (PPI)
Im Gegenteil, die Studie stellt die ganze Logik der klassischen PPI-Forschung infrage. Menschen, die wissen, wie Wellbeing-Übungen funktionieren, praktizieren sie oft nicht mehr, sobald sie in ihrem Alltag angekommen sind. Das ist keine Disziplinlosigkeit. Das ist Integration. Die Übung verschwindet, die Haltung bleibt.
4. Mehr als nur Resilienz
Resilienz beschreibt, wie gut du zurückkommst, nachdem dich etwas umgehauen hat. Meliotropismus beschreibt, wohin du dich drehst, bevor, während und nachdem dich etwas umgehauen hat. Das eine reagiert. Das andere orientiert. Du kannst hoch resilient sein und trotzdem ziellos funktionieren, einfach weiterlaufen, ohne zu wissen, wohin.
5. Mehr als nur das Wissen
Fast jeder weiß, dass Bewegung gut tut, und trotzdem bleiben die Laufschuhe im Schrank (Sheeran, Klein & Rothman, 2016). Wissen verändert selten das Verhalten. Die Studie zeigt, dass Meliotropismus tiefer sitzt als Wissen, in der Identität nämlich, in der Frage, wer man sein will (Ryan & Deci, 2000). Das erklärt, warum die Veränderung bei den Teilnehmenden erst nach der Ausbildung entstand. Während der Theorie-Stunden passierte auffällig wenig.
So zeigt sich Meliotropismus im Alltag: 5 Studienbefunde
Die 5 Themen aus der Studie
Fünf Themen kristallisierten sich in der Studie heraus, die zusammen sichtbar machen, wie sich Meliotropismus im Alltag zeigt.
- Intentionales Leben, also eine erhöhte Aufmerksamkeit dafür, ob das eigene Handeln zu den eigenen Werten passt, ganz ohne Tracking-App.
- Wellbeing-Hygiene, kleine wiederkehrende Handlungen wie achtsames Kochen, ein Hobby, ein fester Kontakt zu Menschen, die ähnlich ticken. Aber nicht, weil es auf der Tagesagenda steht, sondern weil es gut tut und zum eigenen Leben passt.
- Selbstannahme, die eigene Schattenseite anzuerkennen, ohne sie zu bekämpfen.
- Embodiment, Körper und Geist als eine Einheit zu erleben statt als getrennte Systeme (dazu weiter unten mehr).
- Und Umweltbewusstsein, also bewusst zu entscheiden, mit wem und wo man Zeit verbringt. Das bedeutet auch, toxische Umgebungen zu verlassen, ein Akt der Selbstfürsorge anstatt einfach nur Vermeidung von Schmerz.
Fünf Themen, ein roter Faden. Kein Thema davon ist eine Technik, die du an einem Wochenende lernst und danach abhakst. Alle fünf beschreiben eine Haltung, die sich über Monate eingrooved, manchmal über Jahre, meistens ohne dass die Person selbst genau sagen könnte, wann die Verschiebung begann.
Vom Wissen zur gelebten Entscheidung
Meiner Klientin mit den drei Apps hatte genau das gefehlt, Technik ohne Ausrichtung, ein Werkzeugkasten ohne Bauplan. Als wir aufhörten, über Tools zu reden, und anfingen, über die Frage zu reden, wohin sie sich eigentlich drehen will, wenn niemand zuschaut, veränderte sich etwas. Nicht dramatisch. Aber spürbar. Sie löschte zwei der drei Apps. Sie behielt die Erkenntnis.
Ein paar Wochen später schrieb sie mir eine Nachricht. Kein Update zu Streaks oder Punktzahlen. Ein Satz: „Ich habe heute Nein zu etwas gesagt, das früher geglänzt hätte.“ Das war der Moment, in dem ich wusste, dass die Idee bei ihr angekommen war. Und zwar nicht in Form eines neuen Wissensbrockens, sondern als gelebte Entscheidung.
Auf meiner Fensterbank steht die Sonnenblume immer noch, inzwischen so braun wie ein vergessener Herbstlaubhaufen, die Blütenblätter eingerollt wie kleine Fäuste. Sie ist nicht verwelkt, weil sie sich zur Sonne gedreht hat. Sie ist verwelkt, weil ich vergessen habe, ihr Wasser zu geben, ganz profan, meine Schuld, nicht ihre. Und trotzdem hat sie sich weitergedreht, bis es keinen Sinn mehr ergab. Drehung ist bei ihr kein Wollen. Nur Reflex.
Genau das kannst du ihr voraushaben. Du merkst, wenn eine Richtung dir nicht mehr dient, und kannst dich neu ausrichten. Die Blume kann nur eins, der stärksten Reizquelle folgen, komme was wolle.
Das ist die stille Kraft des Meliotropismus.
Er verspricht kein Strahlen.
Er verspricht eine Richtung.
5 Alltagstipps: So lebst du Meliotropismus im Alltag
- Die Drei-Sekunden-Frage. Bevor du auf die nächste Nachricht, den nächsten Termin oder das nächste To-do reagierst, halte drei Sekunden inne und frage dich: Bringt mich das näher zu dem, was mir wichtig ist, oder folge ich gerade nur dem, was am hellsten leuchtet?
- Ein Ritual, kein Programm. Wähle eine einzige kleine, wiederkehrende Handlung, achtsames Kochen, ein Spaziergang ohne Handy, fünf Minuten Zeichnen – und mach sie zur festen Gewohnheit statt zu einer weiteren Anwendung auf deinem Startbildschirm.
- Schattenseiten einladen statt wegdrücken. Wenn Wut, Neid oder Erschöpfung auftauchen, benenne sie konkret, statt sie mit Positivität zu überschreiben. „Ich bin gerade erschöpft“ ist ein vollständiger Satz, kein Versagen. Mehr dazu beim Beautiful Mess Effect, der zeigt, wie gezeigte Schwäche Nähe statt Kosten schafft.
- Der Morgen-Check-in von Körper und Kopf. Nimm dir jeden Morgen zehn Sekunden, um zu spüren, was dein Körper dir sagt, bevor der Kopf mit Planen anfängt. Verspannter Nacken, flacher Atem – das sind Informationen, keine Störgeräusche.
- Der Umgebungs-Audit. Frag dich einmal im Monat, welche Orte und welche Menschen dir Energie geben und welche dich leerziehen, und triff danach eine bewusste Entscheidung, wem du weniger Zeit gibst. Nein sagen ist hier kein Rückzug, sondern aktive Fürsorge, ganz im Sinne von JOMO statt FOMO.
Meliotropismus wissenschaftlich erklärt: 5 Deep-Dives
Herkunft und Definition
Der Begriff Meliotropismus wurde 2025 von Padraic Dunne und Kolleg:innen eingeführt, um eine Tendenz zu beschreiben, die sich von der reinen Jagd nach positiven Emotionen unterscheidet, die aktive Ausrichtung von Denken, Verhalten und Lebensentscheidungen auf das, was Leben lebenswert macht (Dunne, Byrne, Burke & Duggan, 2025, zunächst als Preprint erschienen, mittlerweile in Health Promotion International). Eine Folgestudie derselben Forschungsgruppe untersuchte, wie sich diese Ausrichtung bei erfahrenen Positive-Psychology-Praktiker:innen konkret zeigt (Burke, Giraldez-Hayes & Dunne, 2025). Beide Arbeiten stammen aus 2025 und sind damit hochaktuell, was bedeutet: Replikationsstudien mit größeren, diverseren Stichproben stehen noch aus.
Abgrenzung zum Heliotropismus
Die Positive Organizational Scholarship beschreibt seit über zwei Jahrzehnten, wie soziale Systeme sich zu den positivsten Selbstbildern hin entwickeln, ein Phänomen, das Cameron, Dutton und Quinn (2003) als heliotropen Effekt bezeichnen. Meliotropismus setzt bewusst einen anderen Bezugspunkt. Es geht um das bessere Bild, nicht um das hellste, und das bessere Bild darf auch Unbequemes aushalten. Diese begriffliche Präzision ist mehr als Semantik, sie verhindert, dass ein psychologisches Konstrukt zur bloßen Wohlfühl-Metapher verkommt.
Selbstannahme statt Verdrängung
Die Teilnehmenden der Burke-Studie integrierten explizit ihre „Schattenseite“ (Casement, 2003) in ihr Selbstbild, statt sie auszublenden, ähnlich wie es auch ein Brief an sich selbst voller Selbstmitgefühl einübt. Das deckt sich mit Kritik an einer frühen Positiven Psychologie, die als reine „Happyology“ beschrieben wurde und negative Erfahrungen zu wenig würdigte (van Zyl et al., 2024). Meliotropismus gehört damit zur sogenannten zweiten Welle der Positiven Psychologie, die positive und negative Erfahrungen bewusst zusammendenkt (Lomas & Ivtzan, 2016).
Embodiment als eigener Faktor
Ein bislang wenig beachteter Befund der Studie: Die Teilnehmenden erlebten Körper und Geist zunehmend als eine Einheit statt als getrennte Systeme. Fachlich heißt das ein monistisches statt cartesianisch-dualistisches Verständnis, und dahinter steckt ein einfacher Unterschied. Der französische Philosoph René Descartes prägte die Vorstellung, Körper und Geist seien zwei getrennte Bereiche, der Kopf denkt, der Körper führt nur aus. Monismus widerspricht dem: Körper und Geist sind ein einziges System, ein Gefühl im Bauch ist genauso Erkenntnis wie ein Gedanke im Kopf, und beide beeinflussen sich ständig gegenseitig. Genau das erlebten die Teilnehmenden der Studie: Ihr Körpergefühl wurde zur Informationsquelle, nicht zum Beiwerk.
Frühere Forschung verknüpft dieses monistische Denken bereits mit besseren Gesundheitsverhalten (Burgmer & Forstmann, 2018), was nahelegt, dass körperliche Praktiken kein Add-on zur mentalen Arbeit sind, sondern ein eigenständiger Wirkfaktor.
Warum Wissen nicht reicht
Wir haben meist kein Wissensproblem. Wir haben ein Umsetzungsproblem. Die Studie von Sheeran, Klein & Rothman, 2016 zeigt, dass sich Meliotropismus erst entfaltet, wenn Wellbeing-Wissen in eine intrinsisch motivierte, identitätsnahe Ausrichtung übergeht (Ryan & Deci, 2000), was erklärt, warum die untersuchte Verhaltensänderung häufig erst nach Abschluss der formalen Ausbildung auftrat, nicht während des Lernens selbst.
FAQ: Meliotropismus in 3 Antworten
Ist Meliotropismus dasselbe wie Optimismus oder positives Denken?
Nein. Meliotropismus schließt negative Gefühle und Erfahrungen ausdrücklich ein, statt sie zu übertünchen. Es geht um Ausrichtung, nicht um Stimmung.
Woher kommt der Begriff Meliotropismus überhaupt?
Aus zwei aktuellen Studien von Padraic Dunne, Jolanta Burke und Kolleg:innen (2025), veröffentlicht in Health Promotion International und Frontiers in Psychology, beide im Umfeld der Positiven Psychologie.
Kann ich Meliotropismus trainieren wie eine Fähigkeit?
Direkt trainieren nicht, laut Studie eher nicht durch klassische Übungen. Er entsteht über Zeit, durch eine veränderte Grundhaltung, die sich in kleinen, wiederkehrenden Entscheidungen zeigt, siehe die 5 Alltagstipps oben.
Literaturverzeichnis
Burgmer, P., & Forstmann, M. (2018). Mind-body dualism and health revisited: How belief in dualism shapes health behavior. Social Psychology, 49(4), 219–230. https://doi.org/10.1027/1864-9335/a000344
Burke, J., Giraldez-Hayes, A., & Dunne, P. J. (2025). Meliotropic wellbeing mindset: A catalyst for sustaining long-term wellbeing. Frontiers in Psychology, 16, 1637864. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2025.1637864
Burke, J., Dunne, P. J., & Byrne, E. (forthcoming). Meliotropic positive health: Origins and current thinking. (Im Erscheinen, noch kein öffentlicher Link verfügbar.)
Cameron, K. S., Dutton, J. E., & Quinn, R. E. (Eds.). (2003). Positive organizational scholarship: Foundations of a new discipline. Berrett-Koehler. Einführungskapitel frei zugänglich
Casement, A. (2003). Encountering the shadow in rites of passage: A study in activations. Journal of Analytical Psychology, 48(1), 29–46. https://doi.org/10.1111/1465-5922.t01-2-00002
Dunne, P. J., Byrne, E., Burke, J., & Duggan, A. (2025). Meliotropism: A new concept in positive health sciences and human flourishing. Health Promotion International, 11, 11–18. Preprint: https://doi.org/10.31234/osf.io/agphy_v1
Gruber, J., Mauss, I. B., & Tamir, M. (2011). A dark side of happiness? How, when, and why happiness is not always good. Perspectives on Psychological Science, 6(3), 222–233. https://doi.org/10.1177/1745691611406927
Lomas, T., & Ivtzan, I. (2016). Second wave positive psychology: Exploring the positive-negative dialectics of wellbeing. Journal of Happiness Studies, 17(4), 1753–1768. https://doi.org/10.1007/s10902-015-9668-y
Ryan, R. M., & Deci, E. L. (2000). Self-determination theory and the facilitation of intrinsic motivation, social development, and well-being. American Psychologist, 55(1), 68–78. https://doi.org/10.1037/0003-066X.55.1.68
Sheeran, P., Klein, W. M. P., & Rothman, A. J. (2016). Health behavior change: Moving from observation to intervention. Annual Review of Psychology, 68, 573–600. https://doi.org/10.1146/annurev-psych-010416-044007
van Zyl, L. E., Gaffaney, J., van der Vaart, L., Dik, B. J., & Donaldson, S. I. (2024). The critiques and criticisms of positive psychology: A systematic review. The Journal of Positive Psychology, 19(1), 1–24. https://doi.org/10.1080/17439760.2023.2178956
