Michael Tomoff - Was Wäre Wenn - Was ist Positive Psychologie

Was ist Positive Psychologie? 10 Fragen, starke 10 Antworten

Positive Psychologie ist nicht, wenn dir beim Meditieren ein Regenbogen aus der Nase wächst. Auch nicht, wenn du morgens um 5 aufstehst, drei Liter Zitronenwasser trinkst und deinem Spiegelbild sagst, dass du heute ein leuchtendes Einhorn bist. Sorry. Sie ist klüger. Und vor allem ehrlicher. Sie fragt nicht: “Wie werde ich endlich immer happy?” Sondern eher: “Wie kann ich selbst inmitten von Chaos, To-do-Listen und montagmorgendlichen Existenzzweifeln ein bisschen mehr Verbundenheit, Sinn und inneren Auftrieb finden?” In diesem Artikel klären wir 10 häufige Fragen – und ein paar Missverständnisse. Zum Beispiel: Warum Positive Psychologie nichts mit rosaroter Realitätsverweigerung zu tun hat. Und warum sie gerade für Menschen mit Tiefgang, Selbstzweifeln und einem gut trainierten inneren Kritiker verdammt viel bereithält.

Wenn jemand sagt, die Grenzen der Wissenschaft wurden erreicht, dann kann ich ihm heute nicht das Gegenteil beweisen. Aber morgen! Stefan Radulian

1) Was zur Hölle ist Positive Psychologie?

Zusammengefasst kümmert sich die Positive Psychologie auf praktische und wissenschaftliche Art und Weise um die Symptome von (Charakter)Stärken, Strategien zu ihrer Kultivierung und ihrem Ausbau zu vollem Potential. Sie folgt also den Antworten auf die Frage „Was ist das gute Leben?“ und fokussiert auf das, was das Leben lebenswert macht.

2) Wissenschaft, ok. Aber ist das nicht alter Wein in neuen Schläuchen?

Die Suche nach dem Glück ist eine der ältesten und intensivsten Suchen. Sie fing natürlich nicht erst in den letzten 15 Jahren an, sondern war immer schon in Literatur und (später auch) Forschung vertreten. Sie gliedert einzelne Forschungserkenntnisse und gibt Ihnen ein Dach über den Kopf. So sind in diesem Bereich der Psychologie Themen wie Resilienz, Motivation oder z.B. die optimalen Bedingungen für Leistungssteigerung keine Weltneuheiten. Was im letzten Jahrzehnt jedoch in diesem Wissenschaftszweig und so vielen anderen Forschungsdisziplinen an weiterführenden Erkenntnissen und vor allem praktischen Anwendungen zur Vereinfachung dieser Suche gefunden wurde, ist einzigartig und hat eine großartig inspirierende Dynamik erlangt. Und diese Inspiration kann man förmlich einatmen!

3) Warum kann ich nicht einfach glücklich werden, indem ich meine Probleme loswerde?

Einfach gesagt führt die Abwesenheit von Problemen nicht zwangsläufig zur Anwesenheit guter Dinge. Beide können gleichzeitig vorhanden sein oder auch nicht. Da z.B. unsere Stärken einzigartige Eigenschaften sind, verdienen sie es, eigenhändig studiert und beforscht zu werden. Und während wir unser Leben lang mit dem Lösen von Problemen beschäftigt sein könnten und dadurch nicht glücklicher werden, ist es sinnvoll, auch eine dankbare Haltung für die guten Dinge in unserem Leben zu entwickeln und darauf aufzubauen. Die Positive Psychologie fördert den Fokus auf das, was funktioniert – die Stärken, die Freuden und die kleinen Siege – eröffnet uns einen neuen Weg, das Leben zu betrachten und zu erleben. Es geht nicht darum, die Augen vor den Herausforderungen zu verschließen, sondern darum, die Fähigkeit zu kultivieren, das Gute zu erkennen, zu schätzen und zu mehren. Diese Haltung ermöglicht es uns, eine tiefere Zufriedenheit und ein Gefühl des Wohlseins zu erlangen, das nicht nur von der Abwesenheit von Problemen abhängt, sondern von der aktiven Wertschätzung und dem Aufbau dessen, was positiv ist.

4) Ist es nicht schädlich, negative Emotionen einfach zu verdrängen?

Die Themen der Positiven Psychologie fokussieren bei aller Liebe nicht darauf, negative Emotionen oder Erfahrungen zu unterdrücken. Im Gegenteil gibt es viele Erkenntnisse aus der Trauma-Forschung die besagen, dass gerade das Wachstum aus schwierigen, eben traumatischen Ereignissen ein sehr intensiver und nachhaltiger Schritt ist (posttraumatisches Wachstum). Da wir aber bereits wissen, dass positiv geneigte Emotionen uns in vielerlei Hinsicht zu erhöhter Lebensqualität (und damit auch zu besseren Leistungen) führen, konzentriert sich diese ganz besondere Art der Psychologie auf das, was diese Emotionen entstehen lassen kann, fördert und kultiviert. Auch unter der Voraussetzung, negative Emotionen als das zu akzeptieren, was sie sind: ein wichtiger Teil von uns, der nicht verdrängt werden sollte, sonderrn uns essentielle Erkenntnisse über unsere Gesundheit liefern kann.

5) Was ist der Unterschied zwischen Positiver Psychologie und dem Selbsthilfe-Positivem-Denken-Zeug?

Super Frage! Vom Thema her gibt es oft nur wenige Unterschiede. Von der Methode her sind es Welten zwischen dem, was der Otto-Normal-Verbraucher unter einer positiven Einstellung versteht, und was das Konzept der Positiven Psychologie als harte Disziplin wirklich ist und was ihre Themen darstellen. Selbsthilfe-Bücher bestehen oft aus Meinungen und Erfahrungen von Autoren wie Norman Vincent Peale, Stephen Covey und Bekannten wie Donald Trump. Die Positive Psychologie ist eine Unterdisziplin der psychologischen Lehren und somit auf einem wissenschaftlich geprüften Fundament zu Hause. Weiterhin – und das mag ich besonders – ist Positive Psychologie keine Insel, sondern eine lebendige Metropole mit miteinander verbundenen Brücken. Sie breitet ihre einladenden Arme über die weiten wissenschaftlichen Disziplinen aus und schafft Wege der Verbindung. Da sind zum Beispiel…
  • Neurowissenschaften: Sie untersucht die Auswirkungen positiver Emotionen auf Struktur und Funktion des Gehirns und offenbart die physische Grundlage des Glücks.
  • Soziologie: Sie erforscht, wie soziale Verbindungen und kulturelle Kontexte das Wohlbefinden beeinflussen und betont die Bedeutung des Zugehörigkeitsgefühls, das auch die Positive Psychologie stark beschäftigt und beforscht wird.
  • Philosophie: Sie verbindet sich mit alten und modernen Fragen nach dem Sinn des Lebens und leitet uns in der Suche nach einem erfüllenden Dasein.
  • Bildungswesen: Es fördert eine Wachstumsmentalität, Charakterstärken und Resilienz, mit dem Ziel, nicht nur den Intellekt, sondern auch das emotionale Wohlbefinden zu nähren. Und das schon vom Kindesalter in Kindergärten, bishin zu Schulen, Universitäten und den Bildungsstätten der Erwachsenen.
  • Umweltwissenschaft: Die Positive Psychologie untersucht mit dieser Brücke, wie unsere Umgebung unsere Stimmung und psychische Gesundheit beeinflusst und fordert eine Harmonie zwischen unseren Lebensräumen und unserem inneren Leben.
  • Wirtschaftswissenschaft: Sie definiert Reichtum in Bezug auf Wohlbefinden neu und konzentriert sich auf Erfahrungen, Beziehungen und persönliches Wachstum als die wahren Schätze.
So steht das „positiv“ auch nicht nur für eine Geisteshaltung („es ist gut, positiv zu sein“), sondern beschreibt ein Forschungsthema, ein Forschungsnetz. Forschung besteht auch bei der Positiven Psychologie aus wissenschaftlichen Methoden wie Hypothesenbildungen, gesicherten Experimenten mit randomisierten Kontrollgruppen, Studien über Korrelationen und so weiter. Die Psychologen und Psychologinnen aus diesem Feld sind sehr fähige Wissenschaftler:innen, stellen sich gegenseitig in Frage und diskutieren ihre Experimente mit den Kolleg:innen. Selbsthilfe-Bücher werden deshalb so oft mit Positiver Psychologie verwechselt, weil die Größten aus dem zweiten Gebiet oft in die Situation gebracht werden, ihr Wissen verständlich und unterhaltsam in kurze Bücher zu pressen. Die breite Masse an Interessierten saugt diese Bücher auf. Unter anderem, weil viele dieser Bücher gute Hilfestellungen bieten. Andere allerdings auch wieder nicht…

6) Welche Bücher empfehlen Sie? Auch über Positive Psychologie in der Arbeitswelt?

Die Positive Psychologie ist die wissenschaftliche Untersuchung viele Phänomene und hat daher auch viele spannende Bücher hervorgebracht. Hier sind einige, die zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Blogartikels schon relevant und quasi Standardwerke waren:

7) Was sind 3 der wichtigsten Erkenntnisse und Ziele der Positiven Psychologie?

  1. Andere Menschen sind von Bedeutung (org.: „other people matter“) – die berühmte Kurzzusammenfassung des verstorbenen Chris Peterson (University of Michigan). Aber das sind nicht nur die wichtigen Menschen, die Ihnen ohnehin ans Herz gewachsen sind. Es sind auch die Menschen, die Sie voran bringen, Potential in Ihnen sehen oder Sie auf neue, inspirierende Gedanken bringen.
  2. Glückliche Menschen nutzen ihre Stärken jeden Tag. Deshalb ist ein Ziel der Positiven Psychologie natürlich, Stärken zu finden, zu kultivieren und damit das eigene Lebensgefühl zu steigern.
  3. Glück und Wohlbefinden hängen mehr davon ab, wie wir bestimmte Umstände interpretieren als das diese Umstände selbst das Glück eines Einzelnen beeinflussen.
Noch weitere gefällig?
  • Die Kraft der Dankbarkeit transformiert: Neuere Studien enthüllen, dass die Praxis der Dankbarkeit – das bewusste Wertschätzen und Danken für die guten Dinge und Menschen in unserem Leben – nachweislich unser psychisches Wohlbefinden steigert. Dankbarkeit stärkt unsere Beziehungen, fördert die Resilienz gegenüber Widrigkeiten und erhöht unsere allgemeine Lebenszufriedenheit.
  • Momente der Bewunderung als Wegweiser zum Glück: Ein weiterer spannender Befund ist die Rolle der Bewunderung – jene tiefen Gefühle der Ehrfurcht und des Staunens, die wir erleben, wenn wir mit der Schönheit der Natur, Kunst oder menschlicher Leistungen konfrontiert sind. Diese Momente der Bewunderung erinnern uns an die Großartigkeit des Lebens und unsere eigene Verbundenheit mit der Welt. Manchmal auch ein wenig daran, wie klein und unbedeutend wir im großen Gefüge des Universums eigentlich sind. Momente der Bewunderung erweitern unseren Blickwinkel, lösen Stress und inspirieren uns zu Kreativität und Großzügigkeit.
  • Die Verbindung zwischen Bewegung und Glück: Eigentlich ein Klassiker, aber jüngste Erkenntnisse unterstreichen erneut die unzertrennliche Verbindung zwischen körperlicher Aktivität und psychischem Wohlbefinden. Regelmäßige Bewegung, selbst in moderatem Umfang (in meinem Buch gibt es ein Kapitel über „faulen Sport“), kann die Stimmung heben, Angstzustände verringern und das Selbstwertgefühl steigern. Es ist, als würde jeder Schritt, den wir tun, nicht nur unsere Muskeln, sondern auch unsere Seele stärken.
Diese Erkenntnisse werden natürlich auch in Kontexten wie (positive) Psychotherapie oder Coaching genutzt und erschaffen völlig neue Interventionen.

8) Wer sind Ihrer Meinung nach die 3 Top-Wissenschaftler?

Stand 2025 — das Feld der Positiven Psychologie ist lebendiger denn je. Meine aktuelle, persönliche Einschätzung:

Wenn ich eine Shortlist machen muss, nenne ich drei Namen, die das Feld nicht nur geprägt, sondern in unterschiedlichen Epochen neu definiert haben:
  • Martin Seligman ist und bleibt der Leuchtturm. Als ehemaliger APA-Präsident rief er Ende der 1990er Jahre die Ära der Positiven Psychologie offiziell aus — ein bewusster Gegenentwurf zur pathologiefixierten Psychologie seiner Zeit. Sein PERMA-Modell (Positive Emotions, Engagement, Relationships, Meaning, Accomplishment) ist bis heute das meistzitierte Framework des Feldes. Zusammen mit Chris Peterson schuf er das VIA Character Strengths-System — ein Instrument, das Millionen genutzt haben. Was Seligman auszeichnet: Er hat nicht nur geforscht, sondern ein ganzes Paradigma gebaut, institutionalisiert und weltweit gelehrt. Das ist eine Lebensleistung.
  • Barbara Fredrickson ist für mich die wichtigste aktive Forscherin der Positiven Psychologie heute. Ihre Broaden-and-Build-Theorie erklärt, warum positive Emotionen weit mehr sind als angenehme Erlebnisse: Sie erweitern unsere Denk- und Handlungsspielräume in dem Moment, in dem wir sie erleben — und bauen dabei langfristige Ressourcen auf: Resilienz, soziale Verbindungen, kognitive Flexibilität. Ihr Buch Positivity und ihre Forschung zu Liebes- und Verbundenheitsmomenten (Love 2.0) sind empirisch tief verankert und für die Praxis unmittelbar nutzbar. Fredrickson forscht an der University of North Carolina, publiziert regelmäßig und bleibt methodisch streng — eine Kombination, die in der Popularpsychologie leider selten ist.
  • Scott Barry Kaufman ist der spannendste Denker der Positiven Psychologie im 21. Jahrhundert. Mit seinem 2020 erschienenen Buch Transcend: The New Science of Self-Actualization hat er Maslows Bedürfnishierarchie neu gedacht und humanistische und positive Psychologie produktiv verschmolzen — weg von der Hierarchie, hin zu einem Segelboot-Modell menschlichen Wachstums. Sein Psychology Podcast ist einer der besten Wissenschaftspodcasts überhaupt und macht komplexe Forschung einem breiten Publikum zugänglich. Was Kaufman von vielen unterscheidet: Er denkt quer zu Disziplingrenzen, verbindet Kreativität, Intelligenz, Neurodiversität und Sinn — und tut das mit einer intellektuellen Ehrlichkeit und Wärme, die in der akademischen Welt selten ist.

Während diese drei das Feld in besonderer Weise geprägt haben, gibt es viele weitere Namen, ohne die eine vollständige Antwort unehrlich wäre:

  • Mihaly Csikszentmihalyi — leider im Oktober 2021 verstorben — hat mit dem Konzept des Flow einen der einprägsamsten Begriffe der Psychologie überhaupt geschaffen. Der Zustand völliger Absorption in eine Aufgabe, wenn Fähigkeiten und Anforderungen sich perfekt treffen, ist messbar, replizierbar und hat Eingang in Pädagogik, Sport, Wirtschaft und Therapie gefunden. Sein Erbe ist ungebrochen.
  • Angela Duckworth hat mit ihrer Forschung zu Grit — der Kombination aus Leidenschaft und Beharrlichkeit — gezeigt, dass Ausdauer Talent oft schlägt. Das klingt nach Binsenweisheit, ist aber empirisch belegt und mit praktischen Instrumenten hinterlegt. Ihr Character Lab arbeitet aktiv daran, Erkenntnisse der Positiven Psychologie in Schulen und Organisationen zu verankern.
  • Sonja Lyubomirsky forscht an der University of California darüber, was Menschen dauerhaft glücklicher macht — und warum Glück so oft verschwindet, wenn man es erzwingen will. Ihre Theorie der hedonischen Anpassung und das Konzept der Intentional Activities sind für mich praktisch höchst relevante Beiträge. Sie schreibt außerdem Bücher, die ich jedem empfehlen kann (z.B. The How of Happiness).
  • Adam Grant ist streng genommen Organisationspsychologe — aber er baut eine der wichtigsten Brücken zwischen Positiver Psychologie und dem Berufsalltag. Seine Forschung zu Gebern, Nehmern und Tauschenden (Give and Take) zeigt, wie Großzügigkeit und Zusammenarbeit nicht nur moralisch richtig, sondern auch strategisch klug sind. Und sein Buch Think Again ist eine der kraftvollsten Plädoyers für intellektuelle Bescheidenheit, die ich kenne.

10) Wenn Sie nur eine Sache vorschlagen könnten, die mir helfen würde, glücklicher zu werden, was wäre das? Außer Coaching! 😇

Der wissenschaftliche Fokus auf das Positive bietet viele Möglichkeiten für die Förderung Ihres Wohlbefindens. Aber mein Ratschlag wäre: Machen Sie einen der Stärken-Tests online. Der VIA ist dabei der bisher einzige freie psychometrisch gültige Stärken-Test. Nachdem Sie Ihre Kernstärken herausgefunden haben, binden Sie sie in Ihr Leben ein wann immer Sie können. Dafür gibt es nämlich mindestens 15 gute Gründe! Was Sie dabei schon schnell bemerken werden, ist die Zunahme an Zufriedenheit. Denn was auch immer Sie gerne tun, gibt Ihnen einen Energie-Boost anstelle Ihnen Energie zu rauben. Es steigert Ihre Zufriedenheit und mit großer Wahrscheinlichkeit auch die derer, die um Sie herum sind und vielleicht sogar von Ihrem Wohlbefinden angesteckt werden. Ideen, wie Sie Ihre Stärken noch nutzen und ausbauen können, gibt es viele. Gründe für die Stärkenbrille ebenso. Ich hoffe, diese zehn Antworten machen es Ihnen leichter, den Begriff Positive Psychologie besser greifen und vor allem auch anderen zugänglicher zu machen. Denn so eingängig und bekannt viele der Erkenntnisse aus diesem Bereich der Psychologie bereits sind, so zögerlich nimmt die (Berufs-)Welt sie an und findet Möglichkeiten für ihre Anwendung. Und das ist doch sehr schade oder…? FotoTintin44 via flickr

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