Michael Tomoff - Was Wäre Wenn

Geruch: Google Nose als Ressource für schlechte Zeiten

Jedes Jahr schafft es google, mit einem neuen Aprilscherz zum Träumen anzuregen. Und genauso wie Googles Mitarbeiter viel Herzblut in die Kreation neuer Hilfsmittel und Werkzeuge legen, so innig ist ihnen scheinbar auch ihre Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten der Zukunft.

Und oft genug entstehen aus den Spinnereien der Zukunft die realen Dinge der Gegenwart.

Auch dieses Jahr schärft google die Sinne – mit dem vermeintlich neuen Feature Google Nose:

So witzig und unwirklich diese neue Nachricht auch sein mag, eine wichtige Lektion ist auch in diesem Scherz enthalten:

Wie Geruch zu Geschmack, so verhält sich Erinnerung zur Gegenwart.
–Jean Paul

Gerüche sind eines der stärksten Mittel, um Erinnerungen und lang nicht mehr verspürte Emotionen zu triggern.

Den Geruch von Omas Wohnzimmer, in dem man früher seine Schokolade bekommen hat.
Den Geruch der Lieblingsspeise, die Muttern einmal im Monat kochte.
Den des Parfums der ersten Freundin, der an ihrem Halstuch hing.

Und ähnlich, wie negative Erinnerungen losgetreten werden können (Kriegserinnerungen im Luftschutzbunker durch den Geruch eines feuchten Kellers), so kann diese unglaublich effektive Art der Wiederbelebung ebenso für das Heraufbeschwören positiver Erinnerungen genutzt werden.

Wie Proust seine Kindheit wieder bekam

In seinem Roman „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ schildert der Autor Marcel Proust eine Situation, in der er den Schlüssel seiner Kindheitserinnerung sieht: ein in Lindenblütentee getunktes Gebäckstück namens „Petite Madeleine“.

Der Begriff für eine solche Situation, in der durch einen Duft konkrete Situationen sehr bildhaft und realistisch wieder in Erinnerung gerufen werden, ist seither das Proust’sche Erlebnis.

Experten denken, dass die Intensität und Kraft dieses Phänomens abhängt von der Nähe zwischen unserem Riechkolben, der uns bei der Verarbeitung von Gerüchen unterstützt, und den Amygdala- und Hippocampus-Hirnregionen, die unsere Emotionen und Gedächtnisvorgänge kontrollieren.

Was wäre, wenn…?

Nehmen Sie sich Prousts kleine Episode als Vorlage für Ihre eigene Geschichte, kann eine große Ressource darin liegen, die Gerüche zu identifizieren, die Sie der eigenen fröhlichen Kindheit zuschreiben, die Ihnen positive Erinnerungen vor Augen führen, die Ihnen Ruhe und Geborgenheit verschaffen oder in Ihnen ein großes Glücksgefühl entstehen lassen.

Stellen Sie sich vor, Google würde wirklich sein neues Feature veröffentlichen: Welche Gerüche würden Sie als Ressource nutzen und sie immer wieder generieren? Und wo kämen Laptop, Handy oder Tablet zum Einsatz, um Ihnen das Leben zu versüßen, zu erleichtern, freudiger zu machen…?

Und noch viel wichtiger: wie geht das auch wunderbar ohne Google Nose?

 

Foto: Everystockphoto

One thought on “Geruch: Google Nose als Ressource für schlechte Zeiten

  1. Ich habe diesen Beitrag genossen. Ich erinnere mich eines üblen Geruchs auf dem Bahnhof in Pasewalk, wo wir, meine Eltern und ich , auf den Anschlusszug warteten. Ich bezeichnete diesen Geruch als "merkelilg"n ein Wort, das es nicht gibt, für mich aber gemeinsam zu dem Geruchserlebnis, zu etwas Unvergersslichem wurde. Ob es meine Wahlentscheidungen be
    einflussgt weiß ich nicht.

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.