Was Wäre Wenn - Positive Psychologie und Coaching - Michael Tomoff - Radikale Vergebung

Die Macht der radikalen Vergebung

In diesem Artikel lernen Sie, wie radikale Vergebung zu höherem körperlichen Wohlbefinden führt und was Sie ganz konkret dafür tun können.

Dieser geschätzte Gastbeitrag ist von Jonas Zeppenfeld!

Wir ärgern uns ständig über viele kleine und unbedeutende Dinge. Dabei sind wir uns der immensen Nachwirkungen dessen meist nicht bewusst. Sobald wir den Argwohn vergessen und er unser Bewusstsein verlässt, hat er uns jedoch noch lange nicht vollumfänglich verlassen. Unterbewusst lastet er weiterhin auf unseren Schultern und wirkt sich negativ auf unser Befinden aus.

Wir empfinden uns selbst in der Opferrolle und unser Vertrauen gegenüber einer Person oder dem Leben verlässt uns. Radikale Vergebung hilft uns dabei, Sorgen loszulassen. Sie löst eingefahrene Muster auf und schafft ganz neue Betrachtungsweisen.

Was ist radikale Vergebung?

Radikale Vergebung beschreibt den Prozess, in dem wir uns selbst und anderen auf radikale Art und Weise vergeben. Radikal meint abrupt und zweifellos. Radikale Vergebung dient dazu, sämtliches auf uns lastendes Unbehagen abzulegen und daraus neue Kraft zu schöpfen.

Warum sollten wir radikal vergeben?

Wollen wir ein von Liebe, Glück und Erfolg geprägtes Leben leben, dann kommen wir an der Vergebung nicht vorbei. Vergebung wirkt sich wissenschaftlich nachgewiesen äußerst positiv auf unsere Gesundheit aus. Sie kann beispielsweise zur Linderung von Rückenschmerzen und Herzproblemen führen. Darüber hinaus kann sie sogar sportliche Leistungen verbessern und Glücksgefühle in uns auslösen.

Eine Studie unter der Leitung von Xue Zheng von der Rotterdam School of Management Erasmus University, in der man eine kleine Gruppe mit chronischen Rückenschmerzen untersuchte, belegt die Wirkung der Vergebung.

Ein Teil der Gruppe wurde regelmäßiger Pflege durch Fachpersonal unterzogen. Der restliche Teil meditierte regelmäßig, um die Wut über den Schmerz im Rahmen der Meditation abzulegen. In der Meditation nahm man die gegebene Situation so an, wie sie war. Man wurde sich gewahr darüber, dass man nicht selbst den Schmerz verursachte. Gleichzeitig machten sich die Teilnehmer*innen die Wirkung der Visualisierung zu Nutze und stellten sich vor, welche Lebensfreude sie ohne den ständig widerkehrenden Schmerz empfinden könnten.

Die Resultate der letzteren Gruppe waren im Nachhinein signifikant besser, als die der Gruppe, welche regelmäßige Pflege erhielt.

Überdies fand man heraus, das Vergebung den Blutdruck senkt und die Herzbelastung verringert.

Warum ist Vergebung so schwierig?

Wir glauben an Ungerechtigkeit. Und dieser Glaube macht es uns schwer, aktiv zu vergeben. Wir fühlen uns selbst als Opfer der unmittelbaren Umstände und halten daran fest, dass uns etwas Schlimmes geschehen ist. Wir stellen uns immer wieder die Frage, warum genau uns dies passieren musste, oder warum eine bestimmte Person uns das antun musste.

Im amerikanischen South Carolina raste ein Teenager mit seinem Motorrad am 21. Juli 1979 gegen einen Baum. Der Fahrer überlebte. Sein damals 16-Jähriger Beifahrer erlag jedoch den schweren Verletzungen.

Für die Familie des Opfers brach eine Welt zusammen. Sie trugen den Hass über Jahre hinweg in sich. Er wog so schwer in der Familie, dass sie nach vielen Jahre begriffen, welch immense Anstrengung er mit sich brachte. So entschied man sich, dem Mörder ihres Kindes zu vergeben.

Die Vergebung fiel zweifellos schwer, doch mit der Umarmung des inzwischen erwachsenen Mannes, fielen ihnen selbst sämtliche Lasten von den Schultern. Sie erkannten wieder einen Sinn im Leben und konnten das Schicksal ihres Sohnes und Bruders besser verkraften.

Uns selbst vergeben

Das Wichtigste ist die Selbstvergebung. Wir können niemandem vergeben, wenn wir uns selbst nicht so annehmen wie wir sind.  Zur Selbstvergebung gehört die Vergebung all unserer Blickwinkel auf die Dinge, für die wir uns selbst schuldig sprechen. Auch unseren Anschauungen und Wertungen anderer und all den Rollen, die wir uns selbst zuweisen, sollte vergeben werden.

Die Tipping Methode

Die Tipping Methode besteht aus von dem Therapeuten Colin Tipping entwickelten Prozessen, mithilfe derer negative Energien zu positiven umgewandelt werden können. Die Methode verfolgt sowohl spirituelle als auch psychologische Ansätze. Sie trägt zur Entwicklung völlig neuer Wahrnehmungen bei.

Nach der Methode geht man davon aus, dass nichts ohne Grund geschieht und jedes Ereignis darauf ausgerichtet ist, unsere Weiterentwicklung zu fördern. Öffnen wir uns für diese Sichtweise, so erkennen wir in jedem Schicksal eine Chance und ziehen unsere Lehren daraus.

Radikale Vergebung nach der Tipping Methode lehrt uns nicht, zu verzeihen und zu vergessen. Sie lehrt uns, die Opferrolle ganz bewusst abzulegen und aus schmerzlichen Erfahrungen neue Kraft und Zuversicht zu schöpfen.

Schritte der radikalen Vergebung mit der Tipping-Methode

Mithilfe der folgenden sechs Schritte gelingt die radikale Vergebung.

1. Situationsbeschreibung

In dem ersten Schritt gilt es, die aktuelle Situation so genau wie möglich zu beschreiben. Wir fragen uns nach dem Was, Wie und Wo:

  • Was ist konkret geschehen?
  • Wie fühle ich mich gerade?
  • Wo sehe ich mich in der Rolle des Opfers?

2. Gefühlswahrnehmung

In zweiten Schritt nehmen wir unsere vorherrschenden Gefühle wahr. Wir formulieren konkret diejenigen Gefühle, die wir im jetzigen Moment verspüren. Wir akzeptieren, übernehmen Verantwortung für sie und führen uns vor Augen, aus dieser Situation etwas lernen zu können.

3. Analyse unserer Geschichte

Im nächsten Schritt der radikalen Vergebung unterziehen wir unsere Geschichte einer tieferen Analyse.

Wir fragen uns nach den tatsächlichen Vorkommnissen und rufen uns unsere Interpretationen und Urteile dazu ins Bewusstsein.

Zudem wagen wir einen Blick in unsere Vergangenheit und suchen nach ähnlichen Situationen, in denen wir dieselben Erfahrungen machen mussten. Aus den gesammelten Informationen lassen sich Glaubenssätze formen, die unsere Selbstwahrnehmung dominieren.

Wir lassen uns bewusst werden, dass sich unsere Gedanken über uns selbst bewahrheiten und wir diese ändern können, indem wir unsere Glaubenssätze ändern.

4. Umwandlung der Geschichte

Im vierten Schritt wandeln wir unsere Geschichte um. Wir lassen uns bewusst werden, dass nichts Falsches geschehen ist und wir aus den Ereignissen unsere Lehren ziehen können. Wir öffnen uns für neue Sichtweisen und betrachten die Geschehnisse aus anderen Blickrichtungen.

Welche Motivation lies unser Gegenüber so handeln?
Welcher innere Schmerz, welcher vielleicht nicht in direktem Zusammenhang mit uns steht, könnte die Person zu ihrer Tat bewegt haben?

Nachdem wir die Beweggründe der Person verstehen, können wir über unsere Lehren aus der Situation nachdenken.

Wie hätten wir stattdessen reagieren können?
Wie hätten wir der anderen Person helfen können, ihren inneren Schmerz abzulegen?

Die neue Betrachtungsweise stellt nicht uns, sondern den Übeltäter in die Opferrolle und wir beginnen, Mitgefühl für ihn zu empfinden, sofern wir dies zulassen. So sind wir dazu bereit, den von uns Angeklagten zu verzeihen.

5. Konditionieren der neuen Geschichte

Im letzten Schritt konditionieren wir die neue Geschichte. Damit sich unsere neuen Blickwinkel und neuen Glaubenssätze manifestieren, müssen wir die abgewandelte Geschichte immer wieder aufs neue durchleben.

In unserem Gehirn haben sich neuronale Bahnen gebildet, die in uns bei dem Gedanken an eine bestimmte Situation immer wieder negative Empfindungen hervorrufen. Um diese Bahnen zu durchbrechen und neue Verknüpfungen herzustellen, bedarf es der Konditionierung und Verfestigung der neuen Geschichte.

Wie im vierten Schritt erläutert, besinnen wir uns beim Gedanken an die Situation immer wieder auf das Leid und die daraus resultierenden Beweggründe des Übeltäters. Wir untermauern so seine Position in der Opferrolle. Überdies können wir die Geschichte mit einigen Effekten untermalen, jene in uns positive Gefühle auslösen.

So kann man die Geschichte vor unserem geistigen Auge beispielsweise mit heiterer Musik hinterlegen und dass Aussehen der beteiligten Person verunstalten. Dumbo-Ohren oder eine Pinocchio-Nase sind probate Mittel. Je verrückter, desto effektiver und desto schneller ist die neue Geschichte in uns verankert.

Zusammenfassung

Radikale Vergebung wandelt negative in positive Energie um. Sie hilft uns dabei, aus den negativen Erfahrungen neue und unvorhergesehene Chancen zu erkennen. Radikale Vergebung weist uns den Weg in ein gegenwärtiges und von Glück und Zufriedenheit geprägteres Leben.

Literatur

Zheng, X., Fehr, R., Tai, K., Narayanan, J., & Gelfand, M. J. (2015). The Unburdening Effects of Forgiveness: Effects on Slant Perception and Jumping Height. Social Psychological and Personality Science, 6(4), 431–438.

Foto von congerdesign auf Pixabay

 

Jonas Zeppenfeld - Was Wäre Wenn - Positive Psychologie - VergebungJonas Zeppenfeld ist 20 Jahre alt und Co-Founder der Blogger-Plattform Dype (www.dype.me).
Darüber hinaus trainiert er Auszubildende und duale Studenten in ihrer persönlichen Entwicklung mit dem eigens entwickelten Programm, welches er „MastermindZ“ (www.mastermindz.de) nennt.

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