Das Wichtigste in Kürze
Prokrastination überwinden gelingt über den Zuschnitt einer Aufgabe. Zwei Dinge sagen am besten vorher, ob du etwas vor dir herschiebst: wie unangenehm die Sache wirkt und ob du dir zutraust, sie gut zu machen.
Beim Zeitbedarf verschätzen sich Menschen dabei systematisch in dieselbe Richtung. Der am besten belegte Gegenhebel besteht aus drei Angaben: wann, wo, und woran du merkst, dass es losgeht.
Am Samstag um vier hatte ich vor, über das Aufschieben zu schreiben, und um Viertel nach vier stand ich am Fenster und sah zu, wie zwei Männer in orangefarbenen Westen eine Bierzeltgarnitur die Straße hinuntertrugen, und weil die eine Bank schief hing und der vordere Mann kleiner war als der hintere, sah es aus, als trügen sie etwas Verletztes.
Das Poppelsdorfer Straßenfest fing immer am Samstagmittag an. Es roch nach Bratwurstfett und feuchtem Holz, und aus dem Lautsprecher am Eck kam eine Musik, die niemand ausgesucht hatte.
Auf meinem Bildschirm lagen 7 PDFs nebeneinander, jedes so weit an den Rand geschoben, dass von den meisten nur ein Streifen übrig war. Auf einem dieser Streifen standen zwei Zahlen.
Die Zahlen waren von Studierenden, die 1994 gefragt worden waren, wann sie mit ihrer Abschlussarbeit fertig wären. Sie hatten 33,9 Tage gesagt. Gebraucht hatten sie 55,5. Dieselben Studierenden hatten außerdem gesagt, wann sie allerspätestens fertig wären, wenn wirklich alles schiefginge, und auch das war zu früh gewesen. Bei dem Termin, den sie selbst für unmöglich zu reißen hielten, schafften es 45 Prozent.

Ich las das dreimal. Beim dritten Mal war es 16:45 Uhr.
Frau Sassenberg wohnte unter mir und ging an Straßenfesttagen nicht vor die Tür, weil ihr der Lärm auf die Ohren schlug, wie sie sagte, und weil sie die Nachbarn nicht mochte, was sie nicht sagte. Sie klingelte an dem Samstag um kurz nach fünf und fragte, ob ich eine Batterie hätte, Typ Knopf, für die Küchenuhr.
Ich zog die Schublade auf, in der bei mir alles liegt, was keinen Ort hat. Batterien lagen darin, Filzkreise für meine Stühle, ein Bußgeldbescheid von 2019, der Ersatzknopf eines Rocks, den es nicht mehr gibt, zwei Kabel ohne Gerät und die Gebrauchsanweisung für ein Fieberthermometer, das ich vor Jahren jemandem geliehen habe.
„Sie arbeiten“, sagte Frau Sassenberg und sah an mir vorbei auf den Bildschirm.
„Ich wollte.“
„Das ist nicht dasselbe.“
Sie nahm die Batterie und blieb stehen.
Bei Frau Sassenberg lag unter dem Telefon ein Zettel mit einer Telefonnummer darauf, in ihrer eigenen Schrift, mit einem Kugelschreiber geschrieben, der beim Schreiben ausgegangen und dann wieder angegangen war, sodass die Ziffern in der Mitte heller waren als am Rand. Es war die Nummer ihrer Schwester. Frau Sassenberg kannte diese Nummer auswendig. Sie hatte sie trotzdem aufgeschrieben, in dem Jahr, in dem die Mutter beerdigt wurde und bei dem Essen danach etwas gesagt worden war, das man so nicht mehr zurücknehmen konnte, und seitdem lag der Zettel dort, und die Uhr in der Küche ging, und irgendwann ging sie nicht mehr.
Vier Jahre ist eine Zahl, die in keiner meiner 14 Dateien vorkam.
Prokrastination überwinden: Was am besten vorhersagt, ob du etwas aufschiebst
Ein Mann namens Piers Steel hat zusammengetragen, was jemals darüber gemessen wurde, warum Menschen Dinge vor sich herschieben. 691 Zusammenhänge kamen dabei zusammen, und es stellte sich heraus, dass ganz oben nicht steht, was alle vermuten.
Wie unangenehm die Aufgabe wirkt.
Ob du dir zutraust, sie gut zu machen.
Piers Steel (2007), Metaanalyse über 691 Korrelationen
Faulheit kam in der Liste nicht vor. Charakter auch nicht.
Ich hätte Frau Sassenberg das erzählen können. Ich habe es nicht getan, weil ich Menschen keine Metaanalysen mehr an die Tür bringe.
„Die Uhr geht seit Dienstag nicht“, sagte sie. „Ich dachte erst, es liegt an mir.“
Dann ging sie.
Draußen hatten sie inzwischen die Verstärker aufgebaut, und eine Frauenstimme sagte etwas über Freibier und über die Feuerwehr, und ein Kind schrie auf eine Art, bei der ich kurz hinhörte und dann weiterhörte, weil es das gute Schreien war.
Ich habe an dem Nachmittag nichts geschrieben. Ich habe zwei Mails beantwortet, die keine Antwort brauchten, und eine Rechnung bezahlt, deren Frist noch 12 Tage weg war, und das ist offenbar so verbreitet, dass es einen Namen hat.
Drei Forscher haben Menschen vor die Wahl zwischen einer eiligen kleinen Sache und einer wichtigen großen gestellt, und die Menschen nahmen die eilige, auch als man ihnen vorher ausgerechnet hatte, dass sich das nicht lohnt. Das Eilige macht Lärm. Das Wichtige liegt nur da.
Gegen acht wurde die Musik lauter und die Gespräche darunter auch, und ich schaltete das Licht aus, damit es von außen so aussah, als wäre ich beim Fest.
Der Satz, der besser wirkt als fast alles andere
Am Sonntag um 12 saß ich im Campervan, und es regnete.
Es war der Regen, der auf ein Blechdach fällt und dabei ein Geräusch macht, das größer ist als er selbst, und man sitzt darunter und hält sich für gut aufgehoben, obwohl man nur ein Dach über sich hat und sonst nichts.
Ich schrieb den Text, und er dauerte länger, als ich gedacht hatte, weil zu jeder Studie eine zweite gehörte und zu der zweiten eine dritte, und weil das Thema an jeder Stelle, an der ich es anfasste, noch etwas hergab und faszinierender wurde. Dass es so kommen würde, hätte ich vorher wissen können (ich bin einfach auch neu- und wissbegierig). In meine Schätzung habe ich es nicht eingerechnet.
Es gibt einen Satz, der besser wirkt als fast alles, was man sonst gegen das Aufschieben empfiehlt.
Wann. Wo. Woran du merkst, dass es losgeht.
Drei Angaben, ein Satz, vorher gesprochen.
94 Studien, über 8.000 Menschen, Effektstärke d = 0,65.
Sonntag, 12 Uhr, Campervan, wenn der Regen anfängt. Mehr ist es nicht.
Was ich mir am längsten angesehen habe
Es gibt eine Forscherin, die untersucht hat, was passiert, wenn Menschen sich nach dem Aufschieben selbst fertigmachen. Gemeint ist dabei nicht „die Kinder vor der Schule fertigmachen“ – Vesper, Zähne, Ranzen, Schuhe, raus. Gemeint ist das andere.
Das Ergebnis ist eine Zahl mit einem Minuszeichen davor. Sie sagt, dass die Härte gegen sich selbst das nächste Aufschieben wahrscheinlicher macht.
Wer sich schont, schiebt weniger.
Sirois, Selbstmitgefühl und Prokrastination, r = -0,31
Das steht so in keinem Kalender und auf keiner Kaffeetasse.
Am Sonntagnachmittag, ich war gerade zurück, klopfte es, und Frau Sassenberg stand da und sagte, die Uhr gehe wieder, und dass es doch die Batterie gewesen sei.
Sie blieb in der Tür stehen, so wie am Tag davor, nur kürzer.
„Ich hab telefoniert“, sagte sie.
Ich habe nicht gefragt, mit wem.
Sie ging die Treppe hinunter, und auf der vierten Stufe blieb sie stehen und stellte den Fuß nochmal richtig hin, wie Leute das tun, wenn sie überlegen, ob sie umkehren, und dann ging sie weiter.
Unten fiel die Tür ins Schloss.
Ich habe später an dem Abend den Zettel nicht gesehen, weil ich nie in ihrer Wohnung war, und ich weiß nicht, ob er noch unter dem Telefon liegt. Manche Dinge erledigt man an einem Sonntag, und manche liegen vier Jahre, und dazwischen liegt kein Charakter, sondern nur die Frage, wie sehr einem vor etwas graut und ob man glaubt, dass es gut ausgeht.
Meine Schätzung für diesen Text lag bei 90 Minuten.
Ich habe die Zahl aufgeschrieben, die wirklich dabei herauskam, und bin dann in die Sauna gefahren.
Namen und Inhalte sind abgeändert.
Was daraus folgt, in fünf Regeln
Aus den Befunden oben werden fünf Sätze. Sie helfen dem Zettel unter dem Telefon mehr als jeder Vorsatz, weil sie am Zuschnitt der Aufgabe ansetzen und nicht an deinem Charakter.
Unklarheit ist das eigentliche Problem. Eine Aufgabe ohne beobachtbares Fertig-Kriterium bleibt liegen, egal wie wichtig sie ist. Schreib dazu, woran du merkst, dass sie erledigt ist.
Der erste Schritt gehört unter zwei Minuten. Und er enthält keine Entscheidung. Er öffnet die Aufgabe, erledigt wird sie später. Ordner aufklappen, Datei anlegen, Nummer raussuchen.
Jede Schätzung mal 1,5. Bei Neuland mal 2. Wer die Teilschritte einzeln schätzt und addiert, liegt näher dran als bei einer Schätzung am Stück.
Termin statt Vorsatz. Auslöser, Zeit und Ort machen aus einer Absicht eine Handlung. Sonntag, 12 Uhr, am Küchentisch, sobald der Kaffee steht.
Bei Widerwillen die Zeit ins Ziel schreiben. „15 Minuten Steuerordner“ ist erfüllbar. „Steuerordner fertig“ hängt davon ab, wie tief der Ordner ist.

Die Befunde in diesem Text
| Im Text | Befund | Quelle |
|---|---|---|
| 33,9 gegen 55,5 Tage, Worst Case bei 45 Prozent | Planungsfehler: Menschen unterschätzen den Zeitbedarf systematisch, auch bei ausdrücklicher Worst-Case-Angabe | Buehler, Griffin & Ross (1994) |
| 691 Zusammenhänge, Platz 1 und Platz 2 | Aufgabenaversion und niedrige Erfolgserwartung sind die stärksten Einzelprädiktoren | Steel (2007) |
| Die eilige kleine gegen die wichtige große Sache | Mere-Urgency-Effekt: Dringlichkeit gewinnt, auch wenn der Nutzen offen auf dem Tisch liegt | Zhu, Yang & Hsee (2018) |
| 94 Studien, über 8.000 Menschen | Wenn-Dann-Plan als am besten belegter Einzelhebel, d = 0,65 | Gollwitzer & Sheeran (2006) |
| Die Zahl mit dem Minuszeichen | Selbstmitgefühl senkt Prokrastination, r = -0,31 | Sirois (2014) |
| 90 Minuten geschätzt, die Zahl aufgeschrieben | Referenzklasse statt Bauchgefühl: die eigene Ist-Zeit ist die einzige belastbare Grundlage künftiger Schätzungen | Buehler et al., Anwendung in der Praxis |
Was sonst noch belegt ist
Sechs Befunde, die es nicht in die Geschichte geschafft haben und trotzdem erklären, warum manche Aufgaben laufen und andere liegen.
| Befund | Zahl | Quelle |
|---|---|---|
| Sichtbarer Fortschritt bei sinnvoller Arbeit ist der stärkste Treiber für die Stimmung eines Arbeitstages, stärker als Anerkennung oder Belohnung. | rund 12.000 Tagebuch-Einträge | Amabile & Kramer (2011) |
| Eine Stempelkarte mit zwei geschenkten Stempeln (10 von 12) wird häufiger zu Ende gebracht als eine leere Karte mit demselben Restaufwand (8 von 8). | 34 gegen 19 Prozent | Nunes & Drèze (2006) |
| Je näher das Ziel, desto schneller das Tempo. Die Schlussstrecke beschleunigt von selbst. | rund 20 Prozent | Kivetz, Urminsky & Zheng (2006) |
| Eine erwartete Belohnung für etwas, das man ohnehin gern tut, senkt die Motivation messbar. Eine klare Rückmeldung zur Sache hebt sie. | d = -0,36 gegen d = +0,43 | Deci, Koestner & Ryan (1999) |
| Neuanfänge hängen an Datumsmarken. Vorsätze werden am Monatsanfang, am Montag oder nach dem Urlaub häufiger begonnen. | Montag +14 bis +63 Prozent, Neujahr +145 Prozent | Dai, Milkman & Riis (2014) |
| Verhaltenstherapeutische Behandlungen wirken gegen Prokrastination deutlich, akzeptanzbasierte praktisch gar nicht. | KVT g = 0,55, ACT g = 0,05 | Rozental et al. (2018) |
Ein Ratschlag steht außerdem in fast jedem Ratgeber und hat kaum Belege: Body Doubling. Gemeint ist, dass du dich mit jemandem an denselben Tisch setzt oder per Video verbindest, und dann arbeitet jede:r still an der eigenen Sache. Viele berichten, dass sie so leichter anfangen. Untersucht hat es bisher kaum jemand.
Häufige Fragen zum Aufschieben
Warum schieben wir Aufgaben auf?
Am stärksten sagt vorher, wie unangenehm eine Aufgabe wirkt, dicht gefolgt von der Erwartung, sie nicht gut hinzubekommen. Das zeigt die Metaanalyse von Piers Steel (2007) über 691 Korrelationen. Fehlender Wille und mangelnde Disziplin stehen dort nicht an der Spitze.
Wie stark verschätzen sich Menschen beim Zeitbedarf?
Studierende schätzten ihre Abschlussarbeit 1994 auf 33,9 Tage und brauchten 55,5, also 64 Prozent länger. Selbst den Termin, den sie für praktisch unmöglich zu reißen hielten, schafften nur 45 Prozent (Buehler, Griffin & Ross, 1994).
Was hilft wirklich gegen Prokrastination?
Der am besten belegte Einzelhebel ist ein Wenn-Dann-Plan aus drei Angaben: Auslöser, Zeit und Ort. Über 94 Studien mit mehr als 8.000 Personen liegt die Effektstärke bei d = 0,65 (Gollwitzer & Sheeran, 2006). Psychologische Behandlungen insgesamt kommen auf g = 0,34, verhaltenstherapeutische Ansätze auf g = 0,55.
Hilft es, sich nach dem Aufschieben zu ermahnen?
Nein. Wer sich nach dem Aufschieben hart kritisiert, schiebt beim nächsten Mal mehr. Selbstmitgefühl hängt negativ mit Prokrastination zusammen (r = -0,31, Sirois). Der wirksamere Umgang besteht darin, die tatsächlich gebrauchte Zeit zu notieren und weiterzumachen.
Bringt die Pomodoro-Technik etwas?
Für das 25-Minuten-Intervall selbst gibt es keinen eigenen Wirknachweis. Belegt ist der Nutzen von Pausen allgemein. Die Länge eines Arbeitsblocks sollte sich danach richten, wie groß der Widerwille gegen die Aufgabe ist.
Literatur
- Amabile, T., & Kramer, S. (2011). The progress principle: Using small wins to ignite joy, engagement, and creativity. Harvard Business Review Press.
- Buehler, R., Griffin, D., & Ross, M. (1994). Exploring the „planning fallacy“: Why people underestimate their task completion times. Journal of Personality and Social Psychology, 67(3), 366-381.
- Dai, H., Milkman, K. L., & Riis, J. (2014). The fresh start effect: Temporal landmarks motivate aspirational behavior. Management Science, 60(10), 2563-2582.
- Deci, E. L., Koestner, R., & Ryan, R. M. (1999). A meta-analytic review of experiments examining the effects of extrinsic rewards on intrinsic motivation. Psychological Bulletin, 125(6), 627-668.
- Gollwitzer, P. M., & Sheeran, P. (2006). Implementation intentions and goal achievement: A meta-analysis of effects and processes. Advances in Experimental Social Psychology, 38, 69-119.
- Kivetz, R., Urminsky, O., & Zheng, Y. (2006). The goal-gradient hypothesis resurrected: Purchase acceleration, illusionary goal progress, and customer retention. Journal of Marketing Research, 43(1), 39-58.
- Nunes, J. C., & Drèze, X. (2006). The endowed progress effect: How artificial advancement increases effort. Journal of Consumer Research, 32(4), 504-512.
- Rozental, A., et al. (2018). Targeting procrastination using psychological treatments: A systematic review and meta-analysis. Frontiers in Psychology, 9, 1588.
- Sirois, F. M. (2014). Procrastination and stress: Exploring the role of self-compassion. Self and Identity, 13(2), 128-145.
- Steel, P. (2007). The nature of procrastination: A meta-analytic and theoretical review of quintessential self-regulatory failure. Psychological Bulletin, 133(1), 65-94.
- Zhu, M., Yang, Y., & Hsee, C. K. (2018). The mere urgency effect. Journal of Consumer Research, 45(3), 673-690.

