Michael Tomoff - Was Wäre Wenn - Nachruf

Ein Nachruf unter Lebenden – das Wissen vor dem Tod

Fürchtest du dich vor dem Tod? Dann vielleicht auch vor dem Gedanken, wie dein Nachruf ausfallen könnte. Oder auch nicht, denn was interessiert es dich dann am Ende, was andere über dich sagen?

Dies ist ein Artikel aus der Serie Zum Glück – kugelsichere Übungen zur Steigerung des Wohlbefindens.

In einem Artikel über Positive Psychologie vom Tod zu schreiben, wirkt erst einmal schief. Es hat einen Grund. Einen positiven.

Wenn ich an den Tod denke, bekomme ich ein mulmiges Gefühl in der Magengegend. Ich kann nicht begreifen, wie das sein wird und beneide all jene, die diesen Gedanken, dieses Gefühl nicht (mehr) haben.

Ein mir lieber Arbeitskollege fragte mich einmal, ob ich mich an die Zeit vor meiner Geburt erinnern könne. „Nicht? Genau so wird es sein, wenn du tot bist“, sagte er. Er wuchs bei seinen Großeltern auf, die bereits ein gesundes Verhältnis zum Sterben aufgebaut zu haben schienen und ihm in jungen Jahren wertvolle Weisheiten mitgeben konnten.

Ob Menschen Angst vor dem Tod haben, weil sie das Leben lieben oder aus der Unsicherheit heraus, wie oder ob es weiter geht, ist ein anderes Thema.

Zwei positive Fragen entstehen unabhängig davon aus der Vorstellung an den eigenen Tod:

  1. Wie möchte ich meinen Freunden, Bekannten und meiner Familie in Erinnerung bleiben?
  2. Was möchte ich nicht bereuen, wenn ich auf meinem Sterbebett liege?

Nicht jeder, der stirbt, hat auch wirklich gelebt

Im Tod beginnt das Leben.
–Sigrun Hopfensperger

Der Gedanke an das Endliche, die begrenzte Zeit, ist Teil jedes guten Zeitmanagementbuches. Zeit lässt sich aber nicht managen, und wann deine Stunde schlägt, bestimmst du auch nicht. Eines kannst du: die Zeit, die da ist, bestmöglich nutzen.

  • Doch wofür? Was heißt bestmöglich?
  • Was oder wer willst du werden?
  • Wie, womit und vor allem: mit wem möchtest du deine Zeit nutzen?
  • Und wie möchtest du denen, die Lebensabschnitte mit dir verbracht haben, in Erinnerung bleiben, wenn alles vorbei ist?

Eine Übung trägt bei diesen Fragen am weitesten: der Nachruf.

Als ich als Kind das erste Mal mit dem Wort in Berührung kam, stellte ich mir einen alten Mann mit schwingendem Gehstock vor, der einem anderen wüste Worte nachruft, bis dieser außer Reichweite ist und der Alte schwer atmend an einer Laterne Halt findet.
Und Ruhe gibt.

Ich meine einen anderen Nachruf.
Auch, wenn die Vorstellung des zur Ruhe kommenden Alten eine Parallele mit dem Tod aufweist.

Nachrufe sind oft besser als das, was einem nachgesagt wird

Michael Tomoff - Was Wäre Wenn - Nachruf

Das Zitat von Erhard Blanck beschreibt, wie viele Nachrufe aussehen: sanft, vergebend und wohlwollender, als Bekannte noch vor der Todesnachricht über die Person nachgedacht hatten.

Was wäre jedoch, wenn du auf dem Sterbebett lägst, Stift und Papier zur Hand, deinen Nachruf schreibend, und jedes der geschriebenen Worte nur Wahrheiten enthielte? Was, wenn alle, die diesen Nachruf vorgelesen bekämen, nur noch zustimmend nicken könnten?

Es gibt drei Varianten dieser Übung. Such dir die aus, die du dir zutraust.

1. Das Jubiläum

Such dir für die nächste Übung einen ruhigen, ungestörten Platz. Richte deine ganze Aufmerksamkeit auf die folgenden Worte und lass deiner Phantasie freien Lauf. Wenn dir Tod, Ableben und Nachrufe generell zuwider sind (was ich gut verstehen kann), fang mit der Variante „Jubiläum“ an, die etwas „milder“ gestaltet ist.

Materialien: Stift und Papier oder Computer

Dauer: ca. 30-45 Minuten

Durchführung: Setz dich an einen ruhigen Platz und halte fest, was dir wichtig ist. Was soll aufgeschrieben und in einer solchen Rede gesagt werden? Überleg dir, was du zu deinem runden Geburtstag von Freund:innen, Verwandten oder Bekannten über dich gesagt hören möchtest.

2. Die Grabreden – drei Menschen, die dir wichtig sind

Kraftvoller und mächtiger ist die zweite Variante. Such dir auch hierfür einen ruhigen Platz und nimm dir ungestörte Zeit zum Nachdenken.

Vor deinem inneren Auge siehst du eine Friedhofskapelle. Du und viele andere schwarz gekleidete Menschen gehen auf die Beerdigung eines geliebten Menschen.

Du trittst in das Gebäude ein, vernimmst sanfte Orgelmusik und siehst den Raum mit vielen Blumen und Kerzen geschmückt. Du siehst die Gesichter von dir bekannten Freund:innen und Angehörigen und in allen Augen dieselbe teilnahmsvolle Trauer.

Aber in den Augen ist auch die Freude, diesen Menschen gekannt zu haben.

Du trittst am anderen Ende der Kapelle an den Sarg, der dort aufgebaut und dessen oberes Stück noch aufgeklappt ist. Du beugst dich hinüber, um einen letzten Blick auf die verstorbene Person zu werfen, und siehst… dich selbst dort liegen.

Es ist deine eigene Beerdigung, und die Menschen, die um dich herum versammelt sind, wollen dir die letzte Ehre erweisen und dir Dankbarkeit, Liebe und Respekt aussprechen.

Du setzt dich in eine der Bänke, nimmst das Programm für die Zeremonie in die Hand und siehst, dass drei Redner:innen etwas zur verstorbenen Person – über dich – sagen werden.

Die erste Person ist jemand aus deiner Familie. Dein Partner oder deine Partnerin, eines deiner Kinder, eine Tante, ein Onkel, dein Vater oder deine Mutter, Opa, Oma, vielleicht eines deiner Geschwister.

Die zweite Person ist eine enge Freundin oder ein enger Freund von dir. Jemand, der dich sehr gut kennt.

Der oder die Dritte ist jemand aus deiner Berufswelt, der dich an vielen Tagen länger gesehen hat als die zwei anderen Personen.

Was würdest du gerne von diesen drei Personen hören? Was für einen Menschen beschreiben die drei Redner:innen? Von welchen Eigenschaften und beeindruckenden Erlebnissen berichten sie?

3. Der eigene Nachruf

Wenn es dir leichter fällt, bei dir zu bleiben und nicht aus der Perspektive anderer Personen zu schreiben, überleg dir, welche letzten Worte du zu deinem Testament dazulegen würdest. Vielleicht für einen dir lieben Menschen, der deinen Nachruf vorlesen kann.

Schreib, worauf du stolz bist (auch über Dinge, die dir noch nicht passiert sind, die du noch nicht geschafft hast, die aber zu deinem Ableben Realität sein werden).

Eigene Erfahrungen mit dieser Übung: Für mich war alleine der Anfang der Übung ein Augenöffner. Mir schossen Gedanken durch den Kopf wie „Wer kann überhaupt gute Reden halten?“ und „Von wem möchte ich eigentlich gelobt werden?“, bevor ich auf den Grund des Schreibens kam:

Was möchte ich für ein Vater, Ehemann, für ein Freund oder Sohn sein?
Was für eine Art Kollege?
Welche Eigenschaften sind mir so wichtig, als dass sie in einer Grabrede oder einem Nachruf gesagt werden sollen?
Für welche Geschichten sollen mich die anderen in Erinnerung behalten?
Und nicht zuletzt: was möchte ich getan haben, das den Menschen um mich herum geholfen hat?

Wenn du diese Visualisierungsübung in Verbindung mit dem Aufschreiben ernsthaft durchgeführt hast, hast du wahrscheinlich Zugang zu deinen fundamentalen Werten und Wünschen gefunden, was ein mächtiges und bewegendes Erlebnis sein kann.

Nimm dir dafür einen ruhigen Sonntagmorgen.

Der nächste Artikel in der Reihe Zum Glück – kugelsichere Übungen zur Steigerung des Wohlbefindens wird eine andere Art des Briefes sein. Einer, der Dankbarkeit ausdrückt.

Fotos: DALL-E 2

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