Es gibt Situationen, in denen du gerne spontan wärst, statt in einer unangenehmen Versteinerung festzustecken? Doch es fällt dir nichts ein, du bist kopflos, leer, dröge. Und wahrscheinlich erst wieder in 10 Minuten spontan, wenn die Situation vorbei ist…
Versteinerung im Büro
Stell dir vor, dein Kollege kommt am Montagmorgen nach seinem verlängerten Wochenende wieder zurück ins Büro. Anstatt „Guten Morgen“ zu sagen, wirft er dir vor, dass du doch genau wüsstest, dass er an freien Tagen sein Handy ausschaltet und nicht gestört werden will. Auch nicht von dir. Und besonders nicht mit dummen Fragen.
Er schließt mit einer spitzen Bemerkung und setzt sich auf seinen Stuhl.
Und du? Du schaust währenddessen auf einen Punkt deines Schreibtischs, oder aus dem Fenster, oder auf deine Hand.
Irgendwohin, nur nicht in die Augen deines Kollegen, der seinen vorbereiteten negativen Wochenstart gerade bei dir ablässt.
Du denkst bei einigen seiner Punkte, dass er Recht hat. Bei anderen weißt du, dass er Blödsinn von sich gibt. Und so entsteht in deinem Bauch ein schöner Cocktail aus Wut über dich selbst, einen Fehler und deine fehlende Erwiderung auf die Ungerechtigkeiten des Kollegen.
Ein toller Start in den Tag, oder?
Dort am Schreibtisch in völliger Versteinerung zu sitzen und keine Antwort parat zu haben oder zumindest deinen Kollegen zu unterbrechen, kann schlimm sein. Solch eine Aktion – und du kennst wahrscheinlich mindestens eine ähnliche – kann ein zwischenmenschliches Verhältnis nachhaltig negativ beeinflussen.
Egal ob es der Kollege auf der anderen Seite des Tisches ist oder die Kassiererin mit dem mürrischen Ton – schlagfertig und dennoch höflich zu sein, hat sich wahrscheinlich schon jeder von uns einmal gewünscht.
Das Gespräch, das dein Kollege so harsch begonnen hat, kann viele Enden nehmen.
Ich zeige dir heute eine Möglichkeit, dieses Szenario in eine gute Richtung zu lenken – mit etwas Humor.
Scrubs und die Stimme aus dem Off
Ich hoffe, du kennst die Comedy-Serie Scrubs. Dort geht der Hauptcharakter „JD“ durch die Flure seiner Arztkarriere und erlebt – sowohl auf fachlicher als auch persönlicher Seite – eine Vielzahl von Herausforderungen und unüberwindbar scheinenden Hindernissen.
Begleitet wird er von seinen Gedanken – der „Stimme aus dem Off“. Diese Stimme ist teils provokant und scheint wie ein Spiegel, eine zusätzliche Person neben dem Hauptcharakter, die ausspricht, was nicht laut gesagt wird. Und das oft auf eine selbstkritische und -ironische Art. Allerdings selten ruhig, also fest steckend in Versteinerung!
In Situationen, in denen wir nicht wissen, was wir sagen wollen, uns überrumpelt fühlen und verärgert sind aufgrund der Ungerechtigkeit und fehlender Fairness, wäre es häufig hilfreich, wenn wir Abstand von der Situation hätten oder selbst eine Stimme aus dem Off wären.
Was wäre, wenn du die Rolle der Stimme übernehmen würdest?
Abstand und Bewegungsspielraum gewinnen
Du bist erstarrt wie in einem Traum, in dem dein Mund verklebt ist und du kein Wort über die Lippen bekommst, noch fliehen kannst. Du stehst in völliger Versteinerung fest auf dem Boden und kommst keinen Zentimeter voran.
Am liebsten würdest du einfach nur aufwachen.
Kannst du.
es gibt Menschen
neben denen kannst du wachsen
und es gibt Menschen
neben denen wirst du immer kleiner
—Anke Maggauer-Kirsche
Lass deiner inneren Stimme, deinem Neben-sich-Stehen Freiraum und wähl das Wachstum. Experimentier mit der Stimme-aus-dem-Off. Mit ihr behältst du jederzeit den Überblick und kannst die Situationen von oben betrachten. Du kannst gewissermaßen aus deiner Haut. Auch aus der Haut der Versteinerung, die dich so invalide aussehen lässt.
Und so funktioniert’s:
1. Einstimmen. Versetz dich in die Lage, in der du in solch einer stressvollen Situation wärst. Versteinerung, Überrumpelung, im Boden versinken. Du willst etwas erwidern, kannst aber nicht und bist zwischen den Stühlen. Eingeschüchtert, ärgerlich, ängstlich, wütend.
2. Die Pause-Taste. Überleg dir ein Wort, das die Situation verbal unterbricht und für dich nicht schwer zu sagen ist. Es ist die Pause-Taste der Situation, die durch ein Wort ausgelöst wird. Das kann „Stop“ oder „Werbepause“ sein oder auch „Kamerawechsel“.
Es ist völlig egal, ob dein Gegenüber das seltsam oder albern findet. Wichtig ist, dass du eine Unterbrechung hervorrufst und aus der Starre aufwachst bzw. gar nicht erst hineinfällst in die Versteinerung.
3. Weg vom Fleck. Nach dem Wort stehst du auf oder gehst bewusst einen Schritt zur Seite. Du nimmst damit eine andere Perspektive ein und übernimmst damit „die Stimme aus dem Off“, den Kommentator deines Lebens, den Betrachter der momentanen Situation. Und zwar in der dritten Person.
4. Und dann plapperst du drauf los. Sag – immer von außen über den dort imaginär noch neben dir Sitzenden oder Stehenden – was dir in den Kopf kommt.
Mein Favorit in solchen Situationen ist der Humor. Vielleicht, weil ich mir ihn über Jahre hinweg als kleine Abwehrstrategie angeeignet habe, die anderen Menschen – wenn respektvoll angewandt – nicht so auf die Füße tritt wie harsche Direktheit. Aber nicht jeder hat diese Strategie, darum folgend auch zwei andere Beispiele.
Parieren – z.B. mit Kreativität und Humor
„Und da sitzt Julius, steif und überrumpelt, würde gerne etwas erwidern, weiß aber nicht, was, denn er ist wütend und denkt ‚Was zur Hölle will Berthold [der Kollege] eigentlich von mir und warum sagt er nicht mal guten Morgen, bevor er seine schlechte Laune an mir auslässt?!‘. Julius [in diesem Fall die Hauptperson] sitzt da, schaut sich auf die Finger und fühlt sich ungerecht behandelt und Berthold lädt einfach mal ab. Schöner Wochenanfang!“
Oder auch noch konkreter und mit konstruktiver Gegenkritik.
„Tja, jetzt sitzt du da und du würdest deinem lieben Kollegen gerne die Meinung sagen. Dass ihr euch auch gerne sachlich und wie Erwachsene unterhalten könntet. Oder konstruktiv. Oder respektvoll. Gut, du könntest dich natürlich auch erstmal für den Anruf in seinem Urlaub entschuldigen, da hat er wohl Recht. Naja, bleib einfach noch eine Runde sitzen und guck dir auf die Finger, während du versuchst, spontan zu sein…!“
Oder etwas kesser und verbündend:
„Holla die Waldfee, da hat aber eine schlechte Laune, was Julius? So kennen wir unseren Kollegen gar nicht! Sonst kommt er immer rein und sagt mindestens Guten Morgen, bevor er uns die angestaute Kritik eines ganzen Wochenendes über den Kopf zieht und uns den Marsch bläst. Mal sehen, wie es weitergeht!“
Und dann begibst du dich wieder an deinen Ausgangspunkt (sitzend auf dem Stuhl z.B.).
Was denkst du, was dein Kollege dann machen würde?
Es ist völlig egal. Denn: Du bist raus!
Denn was jetzt passiert, ist Folgendes: Du hast den Ansturm abgewehrt, deinem Kollegen den Wind aus den Segeln genommen und ihn mit Unerwartetem überrascht. Und wenn der Kollege sich nicht beeindruckt zeigt, bist wenigstens du selbst aus der Starre heraus und hast reagiert.
Selbst, wenn du das jedes Mal tust, wenn er dir eine Standpauke gibt, wird er irgendwann bemerken, was dich stört.
Und du hast die Möglichkeit, etwas über deinen Gefühlszustand zu sagen, deinem Gegenüber mitzuteilen, dass du gerade unter Strom stehst, wütend oder enttäuscht bist.
Die 3. Person – Perspektive und Backup
Es ist einfacher, etwas aus der dritten Person zu sagen als in der Ich-Perspektive. Und du machst das automatisch. Zum Beispiel, wenn du Dinge sagst wie „Da muss man dann durch“, wenn du meintest, dass du da durch musst. Oder du sagst „Das hätte man in der Tat besser machen können.“, wenn du eigentlich dich oder jemand anderen meintest.
Die „man“-Form rutscht meistens von allein heraus.
- Um sich aus der Verantwortung zu ziehen und abzugeben („Könnte ja mal einer initiieren…“).
- Um etwas abzumildern („Kann man ja nicht wissen!“).
- Um etwas nicht an sich heranzulassen („Kann ich mir vorstellen, dass man da wütend wird.“).
Und genau das kannst du mit der Stimme aus dem Off ebenfalls nutzen. Und es hat noch einen Vorteil: die „3. Person“ ist 100% auf deiner Seite und kann dich genauso unterstützen wie eine reale dritte Person.
Ein beruhigender Gedanke.
Den Ortswechsel vom Sitzen zum Stehen oder von hier einen Schritt zur Seite vorzunehmen, ist übrigens für viele einfacher, als spontan und schlagfertig zu antworten. Aber es ist bereits die erste Aktion aus der Starre. Und zwar eine physische (die Körperbewegung), die dir über die psychische (die Sprechblockade) hinweghilft.
Deine Gefühle jemandem mitzuteilen, der dich gerade runtermacht und kritisiert, ist selbst in Partnerschaften schwer und braucht Übung. Das Aufstehen oder zur-Seite-Gehen ist jedoch eine Chance auf einen frischen Start. Du kannst das – unabhängig von der Situation – im Vorfeld sogar bereits üben.
Was kann passieren?
Nach der Stimme aus dem Off passiert meiner Meinung nach eines von drei Dingen – natürlich nicht wortwörtlich so, sondern leicht abgewandelt:
- Dein Kollege ist perplex und denkt, du wärst jetzt völlig durchgedreht, wie du mit dir oder einer imaginären Person vor dir redest. Er versteht nicht, was du meinst und worauf du hinaus willst.
- Er versteht, was du ihm sagen willst, bleibt in seiner Laune, lässt dich aber in Ruhe und setzt sich kopfschüttelnd hin. (dann hast du in der Hand, wie es weitergeht)
- Er sieht ein, dir gegenüber unfair gehandelt zu haben, entschuldigt sich, sagt guten Morgen und fängt noch einmal in netterem Ton an, über die Kritik zu sprechen oder lässt dir den Raum, „aus deiner Person“ heraus zu reagieren.
Eines ist sicher: Du verschaffst dir Zeit, entkommst deiner Starre und hast eine Möglichkeit mehr, auf unangenehme Situationen zu reagieren, ohne aus der Situation fliehen zu müssen und den Konflikt damit zu vermeiden.
Wo kannst du „die Stimme aus dem Off“ ausprobieren? Wer bringt dich ab und an in solch unangenehme Situationen?
Wenn du gerade 10 Minuten hast: Fang mit den Trockenübungen an. Dann bist du das nächste Mal vorbereitet.
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