In einigen Situationen ist es hilfreich, Abstand zu gewinnen. Von der Situation selbst, von sich und seinen Gedanken, von dem Gegenüber, der einen möglicherweise unter Stress setzt. In Raus aus der Versteinerung: Die Stimme aus dem Off habe ich unlängst eine Methode beschrieben, die nicht nur JD von Scrubs beisteht, Dinge aus der Ferne zu betrachten.

Heute stelle ich Ihnen wissenschaftlich erforschte Effekte dieses Tricks vor und möchte Sie ermuntern, ab und zu „aus Ihrer Haut zu fahren“ und die Metaperspektive einzunehmen. Und zwar nicht nur, wenn Sie einer Ihrer Kollegen dumm von der Seite anmacht.

Was kann Ihnen psychologische Distanz bieten?

1. Herausfordernde Aufgaben einfacher erscheinen lassen

Es gibt stetig Aufgaben, die extrem schwierig scheinen. Eine Aufgabe erscheint einfacher, wenn Sie die psychologische Distanz zu ihr erhöhen.

Thomas und Tsai fanden heraus in ihrer Studie zwei Dinge heraus:

a) das Aktivieren einer abstrakten Denkweise reduziert das Gefühl der Schwierigkeit einer Aufgabe.

b) Teilnehmer ihrer Studie fanden die Aufgabe ebenso leichter, wenn sie sich körperlich von der Aufgabe entfernten, indem sie sich in ihrem Stuhl zurück lehnten (Thomas & Tsai, 2011).

Der Effekt entsteht sowohl bei psychischer Distanz als auch bei physischer.

2. Überzeugungskraft gewinnen

Wenn Menschen über eine Anschaffung nachdenken, lassen sie sich leichter überzeugen, wenn der Rahmen psychologisch entfernter dargestellt wird.

Nenkov konnte in zwei Studien zeigen, dass Verbraucher sich eher bei einer noch nicht abgeschlossenen Entscheidung von Gründen oder Argumenten überzeugen ließen, die eine psychisch ferne Orientierung hatten, also die Zukunft betonten oder einen entfernten Anderen einbezogen (Nenkov, 2012).

3. Mehr emotionale Selbstkontrolle erlangen

Wenn Sie das belastende Gefühl haben, emotional häufig mitgerissen zu werden, kann Ihnen psychologische Distanz zu mehr emotionaler Distanz verhelfen.

Joshua Davis und seine Kollegen fanden heraus, dass Probanden negative Szenen tendenziell weniger negativ empfanden und weniger emotional erregt waren, wenn sie sich vorstellten, weiter entfernt zu sein. Entgegen dessen war die emotionale Belastung stärker, wenn sie sich gedanklich zum Beobachter bewegten. (Davis et al., 2011)

Eine Studie von Wang und seinen Kollegen zeigte ergänzend, dass das Zusammenspiel von Gefühlen und Gedanken vorteilhaft genutzt werden kann. Menschen, die z.B. die Tendenz haben, sich emotional von ihren Erfahrungen zu distanzieren, ziehen einen Gewinn aus dem psychologischen Eintauchen in eine Situation (Wang et al., 2012).

Dahingegen können Personen mit einer hohen ängstlichen Anlage, die gewohnheitsmäßig stark emotional in ihre Erfahrungen „eintauchen“ (z.B. in Filme, die sie sich anschauen), von einer psychischen Distanzierung profitieren (im Sinne von „das ist doch nur ein Film“).

4. Sich selbst treu zu bleiben

Ich kann nur für mich sprechen, aber verfalle regelmäßig dem Glauben, einer der wenigen zu sein, die nicht außerordentlich beeinflussbar sind. Ich denke weiterhin, meine Entscheidungen fußen auf relativ stabilen Einstellungen, die aus mir selbst kommen.

Nicht aus anderen Menschen.
Und schon gar nicht aus der Werbung.

Ich wollte ja nichts als das zu leben versuchen, was von selber aus mir heraus wollte. Warum war das so sehr schwer?
–-Hermann Hesse, Demian

Blicke ich zurück, erkenne ich einerseits, dass es viele Situationen gab, in denen ich mich aufgrund meiner Kernwerte entschieden hatte. Oft genug war das jedoch nicht der Fall. Mich hatte vielmehr der jeweilige Kontext zu einer anderen Entscheidung verführt. Meine eigene Einstellung hatte sich nicht durchgesetzt.

Sie kennen das Phänomen möglicherweise auch, sich ohne großes Nachdenken über die eigenen Werte der Meinung einer Mehrheit anzuschließen. Solche Entscheidungen haben keinen Anspruch auf Güte oder Richtigkeit. Wir gehen oft intuitiv davon aus, dass „so viele Menschen schon nicht daneben liegen können“.

Psychologische Distanz kann uns weniger anfällig für sozialen Einfluss machen.

Obwohl Menschen sich häufig zur Kooperation oder zur Aufrechterhaltung einer gemeinsamen Meinung hingezogen fühlen, ist der Blick auf die möglicherweise in der aktuellen Situation eigenen fernen Werte und Ziele ein essentieller (Ledgerwood et al., 2010), um eine anstehende Entscheidung anderer als hilfreich oder nicht hilfreich einzustufen und sich dann gleich geartet oder konträr zu entscheiden.

5. Ihre Kreativität anheizen

Eine häufig genannte Methode für mehr Kreativität ist das Einlegen einer Pause, um von einer Aufgabe Abstand zu gewinnen. Auch hier kann psychische Distanz hilfreich sein, wie Jia und seine Kollegen herausfanden:

65 Studenten der Indiana University sollten sich in einem Experiment den Ursprung der Aufgabe als entweder von der eigenen Universität entwickelt (nah) beziehungsweise aus Griechenland stammend (weit entfernt) vorstellen.

Die Studenten aus der Griechenland-Gruppe lösten doppelt so viele Probleme wie die erste Gruppe (Jia et al., 2009).

Das einzig Gefährliche am Fliegen ist die Erde.
–Wilbur Wright

Sind Sie möglicherweise gerade bei der Arbeit, wenn Sie diesen Text lesen? Für den Fall, dass Sie sich mal wieder über etwas ärgern – zoomen Sie heraus und nehmen Sie die Flugzeugperspektive ein. Wie wichtig ist es jetzt noch?

Manchmal hilft es, aus seinem Kontext wortwörtlich „hinauszugehen“, um sich wieder einen Überblick zu verschaffen über die eigenen Werte, die eigene Situation, seine Ziele oder die daran geknüpften Aufgaben.

In welchen Situationen hilft Ihnen der Effekt der psychologischen Distanz?

 

Foto: Stock.Exchng

Literatur

Davis, J. I., Gross, J. J., & Ochsner, K. N. (2011). Psychological distance and emotional experience: what you see is what you get. Emotion (Washington, D.C.), 11(2), 438–44.

Jia, L., Hirt, E. R., & Karpen, S. C. (2009). Lessons from a Faraway land: The effect of spatial distance on creative cognition. Journal of Experimental Social Psychology, 45(5), 1127–1131.

Ledgerwood, A., Trope, Y., & Chaiken, S. (2010). Flexibility now, consistency later: psychological distance and construal shape evaluative responding. Journal of personality and social psychology, 99(1), 32–51.

Nenkov, G. (2012). It’s all in the mindset: Effects of varying psychological distance in persuasive messages. Marketing Letters, 23(3), 615–628.

Thomas, M., & Tsai, C. I. (2012). Psychological Distance and Subjective Experience: How Distancing Reduces the Feeling of Difficulty. Journal of Consumer Research, 39(2), 324–340.

Psychologische Distanz: 5 positive Effekte des simplen Tricks

von Michael Tomoff Lesezeit: 4 min
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