Kinder zu kriegen ist für manche Menschen das Größte der Welt, während andere nur müde den Kopf schütteln und sich fragen, warum man sich freiwillig so etwas antun sollte. In Anbetracht dessen, dass sich auch unser Leben bald mit einem neuen bereichern wird, habe ich mir die Frage gestellt, was die Wissenschaft über das Eltern-Sein berichtet, wir daraus lernen und eventuell ableiten können. Und ich bin zu spannenden Ergebnissen gekommen!

Schneller als die Wissenschaft sind die eigenen Eltern, Freunde und bisweilen die zahlreichen Ratgeber der Fachliteratur. Und da in den meisten Ratschlägen das „jede Geburt“ oder „jedes Kind ist anders“ mitschwingt, freue ich mich bereits auf die Aufgabe, die hilfreichen von den weniger hilfreichen Tipps zu sondieren…

Sonntagsfahrer – es haben schon so viele vor uns geschafft!

Ich nehme – zu meiner eigenen Beruhigung – gerne eine (stark vereinfachte) Metapher zur Hand, die aus der Zeit meiner Fahrschule stammt. Ich hatte damals einen Riesenbammel vor der Prüfung, wusste aber, dass längst viele vor mir diese Aufgabe bewältigt hatten (ob gerechtfertigt oder nicht, sei vorerst dahin gestellt).

Autofahren ist eine Sache, die man nicht nach der Fahrprüfung als Meister abgeschlossen hat, sondern mit viel Erfahrung weiter lernt und ausbaut. Und zwischendurch schütteln andere Autofahrer natürlich immer mal wieder den Kopf über den eigenen Fahrstil… Wussten Sie, dass der Großteil der Autofahrer denken, dass sie besser fahren als der Durchschnitt…? (Goszczyńska & Rosłan, 1989) Was hat die Wissenschaft zu berichten über den härtesten Job der Welt, das Eltern-Sein? Hier sind 5 Studien, die jedes Elternpaar interessieren könnten.

1. Eltern sind glücklicher als kinderlose Paare?

Darüber haben sich in der Vergangenheit viele Studien gestritten und die Tendenz ging leicht in die andere Richtung (das Glücksgefühl über die eigenen Kinder wird übertrumpft von den damit verbundenen Anstrengungen und negativen Eindrücken). Nelson, Lyubomirsky und Kollegen (Nelson et al., 2013) fanden allerdings heraus, dass Eltern…

  1. …ihr Leben insgesamt positiver bewerten als Nicht-Eltern,
  2. …sich auf täglicher Basis auch relativ zu den Nicht-Eltern wohler fühlen und
  3. …mehr positive Gefühle aus den Aufgaben zur Pflege ihrer Kinder ziehen als Nicht-Eltern.

Besonders die Väter dürfen sich glücklich schätzen – und tun das laut Wissenschaft auch, was mit einem hohen Maß positiver Emotionen belohnt wird.

2. Die Kinder auf Nummer 1 zu setzen, lohnt sich

Kennen Sie die Art von Eltern, die keinen Satz mit Ihnen zu Ende sprechen, weil nebenan der fordernde Zwerg („Papa…Papa…Papa….Papaaaaa….!“) längst die nächste Frage hat und das natürlich Vorrang hat? Dad with kidsSo schade das für die Konversation sein mag, die Wissenschaft zeigt, dass eine kinderzentrierte Einstellung förderlich für das eigene Glücksgefühl ist.

Und zwar stellt die Positive Psychologie wiederholt heraus, dass die sozialen Beziehungen zu anderen einen hohen Anteil des Wohlbefindens erklären, das Menschen mit intensiven und positiven Beziehungen verspüren Auch Ashton-James et al. (2013) fanden heraus, dass jene Eltern mit dem größten Fokus auf ihre Nachkommen ebenfalls die waren, deren Glücksgefühl das höchste Level hatte und die stärker als andere durch ihre Kinder einen tieferen Sinn in ihrem Leben sahen. Negative Gefühle kamen bei diesen Eltern seltener auf.

Diese Befunde legen nahe, dass die erhöhte Pflege und Aufmerksamkeit für andere, anderen zu geben, erhöhtes eigenes Wohlbefinden und das Gefühl eines tieferen Lebenssinns nach sich zieht. Hier wäre eine Langzeitstudie interessant, die die Konsequenzen dieser stark auf die Kinder zentrierten Erziehungsweise nachverfolgt… Einen Hinweis für mögliche negative Folgen gibt die nächste Studie.

3. Überfürsorge kann depressiv machen

Egal, ob Sie ein Elternteil sind, der oft denkt, dass sich dieser oder jene ja mal mehr um ihre Kleinen kümmern könnte oder eher öfter das Wort „Glucke“ im Sinn haben, wenn Sie andere Mütter sehen – klar ist, dass viel Aufmerksamkeit für die Kleinen vorhanden ist, wenn nichts anderes im Leben der Eltern zählt, als das einfordernde Kind an der Seite. Aber: Die Dosis macht das Gift, wie ehemals Paracelsus wusste.

Wird die Aufmerksamkeit und Sorge übertrieben, kann das besonders für die nun erwachsenen Kinder erdrückend sein. Schiffrin et al. (2013) befragten 297 Studenten über das Verhalten ihrer Eltern und wie sie über dieses dachten. Die Studie fand eine Verbindung zwischen der „Elternparanoia“ und einem erhöhten Depressionsniveau unter den Studenten. Das permanente Schweben über den eigenen Kindern (deshalb „Helicopter-Parenting“ genannt), die stetige Überwachung vor möglichen Gefahren hatte den Jugendlichen also nicht gut getan.

Zusätzlich zu einem überdurchschnittlichen Depressionsniveau hatten die Studenten ein niedrigeres Empfinden von Autonomie, Verbundenheit und zudem ein vermindertes Kompetenzgefühl. Keine besonders guten Voraussetzungen für ein erfülltes Leben.

Eine Lehre aus dieser Studie könnte also sein, den eigenen Erziehungsstil anzupassen, falls es den Sprösslingen zu nah wird. Kommunikation ist also das A und O. Wöchentliche Familientreffen an einem fixen Tag oder gerne Einzeltreffen mit den Kindern (z.B. ein Vater-Sohn-Tag) versprechen hier gute Möglichkeiten zur frühzeitigen Erkenntnis, wann etwas „zu viel“ ist oder nicht.

4. Harte verbale Disziplin ist abträglich

In seinem Buch „Flourish“ stellt Martin Seligman ein wichtiges Werkzeug vor, um Wohlbefinden über Kommunikation zu verbessern: „Aktiv konstruktiv“ nennt Seligman die optimale Reaktion auf positive Nachrichten vom Gegenüber (siehe Punkt 7 bei Mehr Zufriedenheit am Arbeitsplatz mit Positiver Psychologie). Nicht nur Interesse, sondern verstärkt Wertschätzung und Anerkennung werden über diese Art der Kommunikation schneller verbreitet als über womöglich destruktiv passive Kommunikation.

Auch Ming-Te Wang von der University of Pittsburgh schreibt von einer ähnlichen Erkenntnis: gut 90% der Amerikaner geben zu, vorangehend mindestens einmal Gebrauch von harten Worten in der Erziehung gemacht zu haben. Und das ging über das Nennen des vollständigen Vornamens heraus, der ja vielen von uns zu Hause als Vorwarnung galt, etwas ausgefressen zu haben und dabei von den Eltern erwischt worden zu sein.

Laut Wang unterstützte harte, verbale Disziplinierung die Jugendlichen nicht, sondern verschärfte die zugrunde liegenden Probleme nur weiter. Und auch eine enge Bindung der Kinder zu ihren Eltern änderte daran nichts. In seiner Studie mit fast 1.000 amerikanischen Familien konnte er mit seinen Kollegen zeigen, dass diese Art der Kurskorrektur der Eltern bei 13-jährigen im darauffolgenden Jahr sogar noch schlimmeres Verhalten voraussagte (Wang et al., 2013).

5. Regelmäßige Bettzeiten

Ein heißes Thema bei Bekannten und Freunden sind zwei Alternativen der Erziehung:

  1. Man richtet sich nach den Bedürfnissen der Kleinen und tut, was gerade angebracht ist (füttern, frische Luft, Windeln wechseln, …) oder
  2. man gibt feste Zeiten, feste Regeln, feste Grenzen – also auf Psychologisch: man konditioniert seinen Nachwuchs auf den eigenen Rhythmus.

Zu diesen Riten gehört natürlich außerdem das ins-Bett-Bringen der Zwerge. Regelmäßige Bettzeiten haben einen starken Einfluss für die Entwicklung des Gehirns von Kindern (Strauch, 2010). (Zitat tweeten)

Kelly und Kollegen fanden bei einer Langzeitstudie mit 11.000 Kindern heraus, dass diese bei unregelmäßigen Bettzeiten im Alter von 3 Jahren sowohl bei Jungen als Mädchen mit schlechteren Werten im Lesen, Rechnen und räumlichem Denken verbunden waren, wenn sie ihr 7. Lebensjahr erreichten (Kelly et al., 2013).

Regelmäßige Bettzeiten scheinen also nicht nur im 3. Lebensjahr wichtig für spätere kognitive Prozesse zu sein. Je eher diese Routinen in den Alltag des jeweiligen Kindes eingebracht werden können, desto besser für die kognitive Entwicklung Ihrer Schützlinge.

Im zweiten Teil der Serie, die zu großen Teilen von dem PsyBlog-Autor Jeremy Dean inspiriert ist, wird unter anderem die Frage beantwortet werden, ob es nützlich ist, Geschwister zu haben oder was es wirklich mit dem Fernsehen und dem Glücksgefühl auf sich hat…

Fotos: Julie Harris

Literatur

Ashton-James, C. E., Kushlev, K., & Dunn, E. W. (2013). Parents Reap What They Sow Child-Centrism and Parental Well-Being. Social Psychological and Personality Science.

Goszczyńska, M., & Rosłan, A. (1989). Self-evaluation of drivers’ skill: A cross-cultural comparison. Accident Analysis & Prevention, 21(3), 217–224.

Kelly, Y., Kelly, J., & Sacker, A. (2013). Time for bed: associations with cognitive performance in 7-year-old children: a longitudinal population-based study. Journal of Epidemiology and Community Health, 67(11), 926–31.

Nelson, S. K., Kushlev, K., English, T., Dunn, E. W., & Lyubomirsky, S. (2013). In defense of parenthood: children are associated with more joy than misery. Psychological Science, 24(1), 3–10.

Schiffrin, H. H., Liss, M., Miles-McLean, H., Geary, K. A., Erchull, M. J., & Tashner, T. (2013). Helping or Hovering? The Effects of Helicopter Parenting on College Students’ Well-Being. Journal of Child and Family Studies, 1-10.

Seligman, M. E. P. (2011). Flourish: A New Understanding of Happiness and Well-Being – and How To Achieve Them. Nicholas Brealey Publishing.

Strauch, I. (2010). Schlafgewohnheiten und Schlafqualität: von der späten Kindheit bis ins Erwachsenenalter. Stuttgart: Schattauer.

Wang, M.-T., & Kenny, S. (2013). Longitudinal Links Between Fathers’ and Mothers’ Harsh Verbal Discipline and Adolescents’ Conduct Problems and Depressive Symptoms. Child Development.

Positive Psychologie für Eltern: glücklicher oder nicht? Teil 1

von Michael Tomoff Lesezeit: 6 min
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