Dies ist ein Artikel aus der Serie Zum Glück – kugelsichere Übungen zur Steigerung des Wohlbefindens.

Wenn große und erfolgreiche Unternehmen wie IBM, Boeing, die Citigroup, Estee Lauder, Bristol-Myers Squibb, UPS, Novartis und General Motors bezüglich einer positiven Sache auf einer gemeinsamen Liste stehen, werde ich hellhörig.

Es gibt eine – zum Zeitpunkt dieses Artikels – noch vergleichsweise unbekannte, kaum eingesetzte und doch mächtige Übung, die alle diese Unternehmen bereits mit Erfolg ausprobiert haben und die ich für wertvoll und verbreitenswert halte: Den „Reciprocity Ring“ (engl. reciprocity = Gegenseitigkeit im sozialen Austausch; Reciprocity Ring = Kreis der Gegenseitigkeit).

Entwickelt haben ihn der Soziologe Wayne Baker (University of Michigan) und seine Frau Cheryl bei Humax Networks.

Worum geht es beim Reziprozitäts-Ring?

Es gibt nicht nur viele Menschen, die nicht Nein sagen können, sondern eine voraussichtlich ebenso große Anzahl, die anderen gerne helfen möchten. Das ist oftmals nicht einfach, wenn man nicht weiß, was andere Menschen brauchen.

Auf der anderen Seite gibt es eine Menge Menschen, die Wünsche, Bitten oder ein ihnen wichtiges Anliegen haben und gerne loswürden, aber nicht wissen, an wen sie sich damit wenden sollen.

Der Reciprocity Ring ist eine Lösung für beide Probleme.

Im Kern des Reciprocity Rings ist ein erstaunlicher wissenschaftlicher Fakt: Wir tendieren dazu, die Anzahl der Gebenden zu unterschätzen (Grant, 2013). (tweet)

Insbesondere in Ländern wie Deutschland oder auch Nordamerika, dem Ursprungsland der Übung, dürften die Mehrzahl von uns eine Kultur von Nehmern erwarten. Adam Grant teilt die Welt in seinem innovativen und einflussreichen Buch Give and Take: A Revolutionary Approach to Successand (Geben und Nehmen: Erfolgreich sein zum Vorteil aller) in drei Kategorien von Menschen ein: taker, giver und matcher.

Der Term Nehmer („taker“) beschreibt Menschen, die eigennützig sind, Ressourcen und Ideen nicht teilen und insgesamt zurückhaltend sind, was ihre kooperative Motivation angeht. In einer Kultur solcher Nehmer (wir alle kennen höchstwahrscheinlich Individuen dieser Sparte) kann man annehmen, dass Zusammenarbeit eher ein Fremdwort ist oder zumindest nur unter dem Aspekt betrachtet wird, dass der jeweils eigene Nutzen immer die Kosten überwiegt.

Ganz anders die Geber („giver“). Sie sind gewöhnlich zurückhaltend und unauffällig mit ihren Geberqualitäten und wollen nicht auffallen. Es sind Menschen, denen es Spaß macht, anderen zu helfen – ohne Haken. Sie geben ihr Wissen weiter, machen Menschen miteinander bekannt, die von ihrem gegenseitigen Wissen profitieren könnten, sind Mentoren, bieten Hilfe an und sind freiwillig mit dabei, wenn es um Aufgaben geht, die wichtig aber unsichtbar sind.

Tauscher („matcher“) als zusammenführende und die nach Grant größte Gruppe beschreibt Menschen, die eine Balance zwischen dem täglichen Geben und Nehmen in Freizeit und Beruf halten möchten. Sie helfen vorwiegend jenen, bei denen sie annehmen, sie würden sich revanchieren und fühlen sich denen verpflichtet, die ihnen mit einem Gefallen schon einmal ausgeholfen haben.

Was ist der Reciprocity Ring?

Wenn sich eine Gruppe mit dem Ziel zu geben bildet, verschwinden die Einschränkungen der üblichen Wahrnehmung und werden ersetzt durch eine wohltätige Stimmung.

Grant fand heraus, dass 90% allen Gebens bei der Arbeit eine direkte Antwort auf die Bitte um Hilfe war. Die Kultur, die der Reciprocity Ring herstellt, lädt zum Geben ein und verringert damit die Hemmung dazu, die aufgrund des oben beschriebenen Problems („Wem kann ich helfen?“) häufig vorhanden ist. Teilnehmern ist es nicht mehr unangenehm, zu helfen.

Aber diese Großgruppentechnik setzt noch weitere Vorteile frei. Insbesondere

  1. die Aktivierung von Altruismus,
  2. das Lernen durch Vorbilder und
  3. Hoffnung

sind die leistungsfähigen Mechanismen unter der Haube des Reciprocity Rings.

Als Irvin Yaloms Forschung in den 1970er Jahren über diese drei therapeutischen Faktoren deren Vorhandensein nachwies, war die Gruppe eine tragfähige Form für das Entstehen von Wohlbefinden.

Altruismus basiert auf darauf, dass Menschen spontan helfen, ohne dafür eine Gegenleistung zu erwarten. In der Regel ist die Hilfe unaufgefordert und das Ergebnis des selbstlosen Wunsches, von Nutzen zu sein. Im Reciprocity Ring wird dieses spontane Geben durch die Hilfe anderer belohnt.

Die Atmosphäre, die entsteht, ist das Ergebnis des Zusammenflusses der drei genannten Faktoren: von spontanem, altruistischem Verhalten, Zeuge dieses Verhaltens bei anderen zu sein (lernen durch Vorbilder) und dem Ergebnis der Hoffnung, dass Ihr Angebot, anderen zu helfen, erfolgreich ist und gleichzeitig Ihre Anfrage erfüllt wird (Yalom & Leszcz, 2005).

So einfach ist mein Leben: Geben, geben, immer nur geben, geben, geben.
–alter Brunnenspruch

Wie funktioniert der Reziprozitäts-Ring?

Eine Gruppe, so klein wie acht oder so groß wie 30 Menschen, kommt zusammen. Jeder wird gebeten, eine für ihn oder sie bedeutungsvolle Bitte zu formulieren. Sie kann privater oder beruflicher Natur sein. Idealerweise ist es eine Bitte, die die Person sich selbst trotz deren Wichtigkeit nicht erfüllen kann. Jedes andere Gruppenmitglied steht nun der spannenden Herausforderung gegenüber, sein Wissen und Netzwerk zu nutzen, um herauszufinden, ob die Bitte erfüllt werden kann.

Materialien: Stifte, Papier (idealerweise eine Metaplan-Wand samt Reißzwecken), optional mehrfarbige Post-Its.

Dauer: 2 – 2,5 Stunden.

Durchführung:

  1. Der Durchführende malt einen großen Kreis aus Punkten auf das Papier (für jeden Teilnehmer einen Punkt). Legen Sie die Stifte bereit.
  2. Jeder bekommt ein Post-It und schreibt drei Dinge auf, zu denen er Hilfe gebrauchen könnte.
  3. Nach ein paar Minuten kommen alle Teilnehmer an dem großen Ring zusammen und jeder sagt nacheinander ein paar Worte zu seinen drei Bitten. Jede Person schreibt daraufhin ihren Namen neben einen der Punkte und klebt ihren Zettel daneben.
  4. Diejenigen, die bei bestimmten Anfragen helfen können, schreiben ihre Antwort und ihren Namen auf ein (andersfarbiges) Post-It und kleben es neben den Anfragen-Zettel. Danach ziehen sie mit dem Stift eine Linie von ihrem Punkt zu dem Namen, für den sie eine Antwort oder Hilfe parat haben. Die Verbindung wird sichtbar!
  5. Nachdem jeder seine Verbindung aufgeschrieben, aufgeklebt und sichtbar gemacht hat, wird die Gruppe geöffnet und die Lösungskommunikation kann beginnen!

Wie Sie sich vorstellen können, können die Ergebnisse außerordentlich mächtig sein…

Adam Grant schreibt, dass er über die Jahre hinweg in Firmen oder bei seinen Vorlesungen viele verschiedene Anfragen gesehen hat. „Normale“ Anfragen, wie die Lieblingsberühmtheit zu treffen, ein Event zu besuchen oder einen neuen Job zu finden. Aber auch andere Anfragen, wie „Ich möchte einen Bengalischen Tiger in der Wildnis sehen“, „Ich habe einen Freund, der keine passenden Kleider findet, weil er aufgrund einer Krankheit nicht mehr gewachsen ist. Kann mir jemand helfen, einen geeigneten Kontakt in der Bekleidungsindustrie zu finden, um mit ihm zusammenzuarbeiten?“.

Es war für Adam Grant immer wieder erstaunlich zu sehen, wie viele Teilnehmer die Möglichkeiten eines solchen Netzwerks unterschätzten, durch das laut seiner Forschung ca. 80% aller Anfragen zumindest einen wertvollen nächsten Schritt nach vorne kamen, der ohne diese fremde Hilfe nicht in die Wege geleitet worden wäre. Weiterhin sieht Grant zwei große Möglichkeiten in dieser Übung:

  1. Herauszufinden, wie man bei all den Anfragen und Bedürfnissen als Geber agieren und überlegen kann, wie man seine eigenen Fähigkeiten, Stärken oder sein Wissen zum Helfen anwenden kann und
  2. zu realisieren, dass geben effizienter sein kann als tauschen. (tweet)

Als „Tauscher“ können Sie üblicherweise nur Hilfe von denen anfordern, mit denen Sie in der Vergangenheit bereits etwas ausgetauscht haben. In einer Struktur wie der des Reciprocity Rings jedoch, in der jeder willens ist, jedem anderen zu helfen, können Sie zu der Person gehen, die am besten zu Ihrer Anfrage passt anstatt nur zu der Person, zu der sie eine starke Beziehung haben.

Klappt das auch im Business?

Eine schöne Geschichte hat Jim Mallozzi, CEO von der Prudential Real Estate and Relocation Company in einem Interview zu erzählen (Cameron & Plews, 2012).

Nach seine neue Firma eine andere große Division übernommen hatte, standen er und sein Team vor der schwierigen Aufgabe der Vereinigung von zwei sehr starken, leidenschaftlichen und mächtigen Kulturen. Mallozzi hatte zuvor von Kim Cameron über das Konzept des Positive Organizational Scholarship (POS) gehört (siehe Tomoff, 2015), das mit Hilfe von Cameron und seinem Team auch erfolgreich die zwei Kulturen eingebracht werden konnte, so dass in den folgenden Monaten Rekordergebnisse erzielt werden konnten.

Im Sommer 2009, nach dem Zusammenbruch der Finanzmärkte, hatte Mallozzi die Aufgabe, Kosten zu senken und die zerstörte Moral seiner Organisation wieder aufzubauen. Er erinnerte sich an sein Wissen über POS, schaute, welche guten Dinge bereits vorhanden waren anstatt auf das, was fehlte. Sie nutzten die Effekte der Positiven Psychologie und unternahmen verschiedene Übungen, die über das Herausfinden von Stärken und positiven Attributen der Firma auch eine neue positive Energie schufen.

Aber positive Gefühle sind eine Sache. Ein Unternehmen aus der Krise zu führen, eine andere.
Wie schaffte es Mallozzi, positive Emotionen in positive Aktionen zu transferieren?

Cameron und Mallozzi machten sich die Effekte des Reciprocity Rings zunutze. Auch Mallozzi nahm an der Übung teil und schrieb – zu einer Zeit, in dem es ihm an Verantwortlichen für die Personalabteilung, Marketing oder den Vertrieb fehlte – seine Anfrage auf einen Notizzettel: „Ich brauche einige neue seniore Führungskräfte für unser Unternehmen, um wichtige fehlende Stellen zu besetzen.“ Unter dem Motto „Hier ist das momentane Business-Problem, dass ich versuche, zu lösen“, wurden die 29 anderen Personen des strategischen 30er-Kreises der Firma aufgefordert, ebenfalls ihre Nöte beizutragen.

Die Effekte waren erstaunlich und die Lösungsideen brachten nicht nur die Mitarbeiter und damit das Unternehmen weiter, sondern sparte obendrein eine große Summe Dollar ein. „Der Punkt ist“, sagt Mallozzi, „wenn wir andere auf positive Weise zum Helfen einladen, können wir niemals vorhersagen, woher die fabelhaften Ideen kommen.“ Aber sie kamen. Und auch kritische Stimmen zum Reciprocity Ring wandelten sich zu begeisterten.

Erreichte der Effekt des Reciprocity Rings den Rest der Organisation?

Vier Monate später, so Mallozzi weiter im Interview, fand die Jahrestagung der Firma statt. 2500 Immobilienmakler aus dem gesamten Land wurden eingeladen. Mallozzi hatte vor, bei seiner Ansprache jeden Einzelnen zu bitten, Ideen zu generieren, wie das Unternehmen verbessert werden könne. Die professionellen Schreiber von Mallozzis Reden warnten unnachgiebig vor diesem gefährlichen Manöver und löschten diesen Teil seiner Rede dreimal aus dem Skript. Er solle die energetische Show nicht durch solch eine Aktion durcheinander bringen. Die Mitarbeiter seien da, um zuzuhören. Er sei da, um zu reden.

Mallozzi unternahm den Schritt trotz aller Warnungen.

Mitten in seiner Rede bat er darum, die Scheinwerfer der gesamten Halle wieder einzuschalten.
Er bat alle Teilnehmer darum, ihre Smartphones herauszunehmen und sie ein- anstatt auszuschalten.
Er bat jeden, eine großartige Idee zu texten oder zu mailen, wie man einen neuen Klienten bekommt, einen Vertrag abschließt oder einen Kunden lebenslang behält.

„Nehmen Sie Ihre beste Idee, Ihre absolut beste Idee, und teilen Sie sie. Lasst uns sofort anfangen!“ Auch Mallozzi ließ sich seinen Blackberry bringen und nahm teil. Mithilfe des Unternehmensverzeichnisses gingen die Ideen quer durch die Halle. Die Übung dauert fünf Minuten und Mallozzi bat seine Mitarbeiter, die nächsten 36 Stunden bis zum Ende der Veranstaltung weiter zu machen.

„Wissen Sie, wie viele Ideen generiert wurden?“, fragt er grinsend. „Mit über 2200. Wir sortierten alle Duplikate heraus und löschten einige, die schlichtweg Nonsens waren. Am Ende hatten wir 900 einzigartige Ideen. Eine Person verschickte 197. Wir nutzen diese Ideen seit 15 Monaten. Ein Office schickt eine Idee pro Tag an seine Vertriebler und sagt, dass sie drei Jahre mit Ideen versorgt waren.“ In 36 Stunden wurden tägliche Ideen für drei Jahre generiert.

„Es ging nicht um mich. Es ging um das Kreieren eines positiven Netzwerks.“, sagt Mallozzi.

Laut Statistik gibt es einige weitere wirtschaftliche Benefits:

  • der monetäre Wert eines Reciprocity Rings übersteigt typischerweise $150.000
  • die dadurch gesparte Zeit für die Teilnehmer übersteigt üblicherweise 400 Stunden
  • der Reciprocity Ring bildet Gemeinschaft und stärkt das Beziehungsgeflecht und Netzwerk ihrer Teilnehmer
  • der Reciprocity Ring ist umgestaltend und informativ. Sie werden nicht nur Lösungen für Ihre Themen kennenlernen, sondern ebenfalls mehr über Ihre Mitarbeiter und Kollegen erfahren.

Meiner Meinung nach ist der Reciprocity Ring nicht nur eine Übung für Konzerne oder große Unternehmen.
Was wäre, wenn Sie einen Reciprocity Ring in Ihrer Nachbarschaft organisierten?
Oder in der Schule Ihres Kindes?

Welche Möglichkeiten dabei entstünden…

Literatur

Cameron, K., & Plews, E. (2012). Positive leadership in action: Applications of POS. Organizational Dynamics, 41(2), 99-105.

Grant, A. (2013). Give and Take: A Revolutionary Approach to Success. New York: Viking Adult

Yalom, I., & Leszcz, M. (2005). The Theory and Practice of Group Psychotherapy Fifth Edition. New York: Perseus Books.

Wie kann ich helfen? Der geniale Reziprozitäts-Ring!

von Michael Tomoff Lesezeit: 8 min
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