Michael Tomoff - Was Wäre Wenn - Positive Psychologie und Coaching Bonn - der iphone-Effekt

iPhone-Effekt – Wie Handys unsere Gespräche beeinflussen

Was ist der iPhone-Effekt?

Du kennst den iPhone-Effekt wahrscheinlich: Du unterhältst dich in einem Café angeregt mit einem guten Freund/einer guten Freundin und plötzlich greift dein Gegenüber zum Handy auf dem Tisch und schaut auf das leuchtende Display. Doch egal, ob es nur ein kurzer Blick auf die Uhrzeit oder das Lesen einer ankommenden Nachricht war – die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass das Gespräch dadurch gestört wird.

Du weißt nicht, ob dein Gegenüber sich langweilt, nicht gut zuhören kann, Zeitdruck hat oder ihn andere Sorgen plagen, die er gerade nicht mit dir teilt.

Wir alle suchen auf eine Art nach Anerkennung und Wertschätzung bei unseren Mitmenschen. Wie schön es doch ist, von anderen für das, was man ist (oder darstellen will), gelobt, geschätzt, gemocht zu werden…!

Wie schmerzlich, wie unangenehm auf der anderen Seite, wenn man durch ein vermeintlich kleines Zeichen diese Anerkennung, den Respekt gegenüber der eigenen Person geschmälert sieht.

Du weißt es nicht. Bis du nachfragst.
Und wer macht das schon gerne…?

Shalini Misra und ihre Kollegen haben nachgefragt (Misra et al., 2014). Und zwar, ob alleine die offensichtliche Präsenz eines Mobilgerätes bei einem realen Gespräch die Qualität beeinflusst.

Dazu untersuchten sie in Cafés und Coffee Shops in Washington ca. 10-minütige Gespräche zwischen 100 Gesprächspaaren, die (randomisiert) entweder über ein lockeres oder sinnhaftes Thema diskutierten. Ein ausgebildeter wissenschaftlicher Mitarbeiter beobachtete die Teilnehmer unauffällig aus der Ferne und stellte fest, ob Teilnehmer entweder ein mobiles Gerät auf dem Tisch platzierten oder in der Hand hielten.

Welchen Effekt hat die Präsenz von Mobiltelefonen auf Gespräche?

Misra und ihre Kollegen stellten fest, dass die Gespräche, in denen keine Mobilfunkgeräte anwesend waren, im Vergleich als (qualitativ) signifikant besser bewertet wurden als die Gespräche, in denen ein mobiles Gerät gegenwärtig war. Das Spannende: Dieser Effekt war unabhängig von Alter, Geschlecht, ethnischer Zugehörigkeit und Stimmung der Versuchsteilnehmer (und ist natürlich nicht nur der iPhone-Effekt, sondern auch der Android-, Blackberry- oder wie-auch-immer-dein-Handy-heißt-Effekt).

Teilnehmer in handyfreien Gesprächen berichteten über eine höhere empathische Teilnahme ihrer Gegenüber (Zitat twittern). Selbst die Teilnehmer mit Gegenwart eines Blackberries, iPhones oder anderen mobilen Gerätes, die ebenfalls eine enge Beziehung zueinander hatten, berichteten über niedrigere Level von Empathie gegenüber Gesprächspaaren, die (ohne Handypräsenz im Gespräch) weniger miteinander verbunden waren.

Doch läuft es nicht immer so glimpflich ab.

Tod durch Überforderung

Am 23. September 2013 stand Nikhom Thephakayson in einem Zug nach San Francisco und fuchtelte wiederholt mit seiner Waffe Kaliber .45 herum. Völlig in ihre Tablets und Telefone vertieft, nahm ihn niemand der mehreren Dutzend anwesenden Passagiere wahr.
Bis er wahllos eine Kugel in den Hinterkopf des Studenten Justin Valdez feuerte.

Wie kann das passieren?

Cyber-based overload nennen Misra und Stokols (2012a) das Gefühl, von großen Mengen an Kommunikation und Information überfordert zu sein, die man Tag für Tag bewältigen und verarbeiten muss und dennoch am Ende vergisst, auf Nachrichten zu antworten. Durch Informations- und Kommunikationstechnologien hervorgerufen, beruht diese Überlastung auf Gesprächstransaktionen über z.B. Smartphones, Laptops und Tablets. Größtenteils, währenddessen man noch etwas anderes macht.

Ein Grund für solch eine tragische Unglücksgeschichte könnte die kognitive Überlastung sein, die durch geteilte Aufmerksamkeit hervorgerufen wird, weil unser Arbeitsgedächtnis schlichtweg nicht genug Kapazität hat und es uns somit erschwert, zwischen wichtigen und unwichtigen Informationen zu unterscheiden (Cain & Mitroff, 201).

Das Leben sollte vibrieren, nicht nur das Handy.
–KarlHeinz Karius
(Zitat twittern)

Eine steigende Anzahl von Studien zeigt den negativen Effekt von Handynutzung (wie z.B. texten, dem Wählen von Nummern und dem Telefonieren) auf die Kapazität der Aufmerksamkeit während einiger Aufgaben. Zum Beispiel zeigten Fahrsimulationen, während derer Individuen ihre Mobilfunkgeräte benutzten, dass diese sogar signifikant schlechtere Ergebnisse aufwiesen als betrunkene Teilnehmer (Strayer et al., 2006)!

Langsamer mit Handy

In einer anderen Studie fanden Hyman und Kollegen (2010) heraus, dass sich Handynutzer (im Gegensatz zu „handylosen“) ebenfalls bei Routineaufgaben wie dem Gehen langsamer bewegten, ihre Richtung häufiger änderten, andere seltener erkannten und eher der „inattentional blindness“ (Unaufmerksamkeitsblindheit) zum Opfer fielen (Simons, 2000).

Wir sind durch vergleichsweise neue Technologien dazu in der Lage, trotz Abwesenheit präsent zu sein, unserer Freiheit schnell nachzukommen, den Personen(kreisen) oder Dingen Aufmerksamkeit zu schenken, die wir für den Moment auswählen. Doch die Vorteile kommen nicht ohne Kosten, wie die Beispiele und Studien zeigen. Und manchmal sind die Kosten nur das „Phantom-Vibrations-Syndrom“ – das wahrgenommene Vibrieren des Handys, das nicht wirklich vibriert (Drouin, Kaiser, & Miller, 2012).

Wenn du noch weitere spannende und zum Teil erschreckende Fakten über die durchschnittliche Handynutzung erfahren möchtest, lege ich dir diese 15 englischen Minuten von Graham Hill nahe, dem Gründer von TreeHugger.

http://www.mindbodygreen.com/0-14612/signs-you-have-an-unhealthy-relationship-with-technology.html

Was kannst – oder willst – du tun?

Falls du nur von Freunden gesegnet bist, die keine Smartphones besitzen oder diese bei Treffen in der Tasche und im Flugzeugmodus belassen – herzlichen Glückwunsch!

Möglicherweise stört es dich desgleichen nicht, wenn du und dein Gesprächspartner nicht die gesamte Zeit Augenkontakt habt (obwohl bereits vier Minuten Augenkontakt am Stück Großartiges bewirken können! Aber dafür brauchst du dein Handy! ;).

Oder du empfindest es nicht als störende Einwirkung auf deine Nähe oder Beziehung zum Gesprächspartner, wie das viele andere wahrnehmen (Przybylski & Weinstein, 2013).

Ich habe dabei allerdings eine klare Meinung:

Es ist eine Sache von Respekt und Anerkennung des Gegenübers,
voll präsent zu sein.
(Zitat twittern)

Es ist eine wenig wertschätzende Aussage, mitten in deinem „echten“ Gespräch (vielleicht sogar noch ohne Entschuldigung) an dein Handy zu gehen und dem Vorrang zu geben, der am anderen Ende ist. Nur um später denjenigen anzurufen, dessen Zeit du nicht 100% nutzen wolltest (denn es ist ja deine Entscheidung).

Daher schlage ich dir vor, das Experiment zu unternehmen, für eine gewisse Zeit (eine Woche, 30 Tage, die gesamte Fastenzeit) zu versuchen, dich vollständig auf deinen Gesprächspartner zu konzentrieren und dies im Gegenzug von ihm oder ihr zu erbitten.

Wenn du am Drücker bist

Hier mehrere Impulse, damit es dir leichter fällt, deine Finger vom Smartphone zu lassen, während du dich unterhältst:

  1. Frag dich zu allererst: Wie wichtig ist mir mein Gegenüber? Falls der Drang nach dem Checken deiner Emails, SMS oder dem Anruf auf deinem Handy wichtiger ist, könnten zukünftige Treffen möglicherweise ausfallen und Telefonate ausreichen.
  2. Geh nach einer bestimmten Uhrzeit (z.B. nach 19 Uhr) oder an bestimmten Orten (Küche, Schlafzimmer, bei Papa) nicht mehr ans Telefon oder aktivier den Nachtmodus. Letzterer lässt bei vielen Handymodellen dringende Anrufe (d.h. mehrfach innerhalb kurzer Zeit angeklingelt) auch durch.
  3. Tauscht am Anfang eines Treffens die Geräte (was mindestens zu ungewohnten Gesprächsthemen führen könnte).
  4. Lass deine Tochter (oder dich selbst 😉 vor einem Treffen dein Display mit schwarzer Tusche bemalen. Sieht stylisch aus, ist einerseits im Café umständlich freizukratzen, andererseits zu Hause leicht abwaschbar. Wenn du jemanden anrufen willst, geht das bestimmt auch mit Siris Hilfe. 😉

Wenn der andere am Drücker ist

Und hier einige (teils nicht ganz ernst gemeinte) Ideen für den Fall, dass dein Gegenüber ans Handy geht oder gehen will:

  1. Bitte deinen Gesprächspartner kurz nach der Begrüßung um handyfreie Zeit. Möglicherweise gelangt ihr zudem schnell auf interessante Themen wie deine Werte und kommt eher zu einem tieferen und kontinuierlichen Gespräch.
  2. Frag, ob er/sie noch auf etwas Wichtiges wartet oder erinnert werden muss, ob du helfen und bei der Lösung des Themas helfen kannst.
  3. Sag deinem Gegenüber während des Textens oder Telefonierens „Grüß‘ schön!„. Gerne auch wiederholt bei jeder sich bietenden Gelegenheit.
  4. Geh zu deinem telefonierenden Gegenüber, stell dich nah an sein/ihr Ohr und red – wie in einer netten 3er-Runde – fleißig mit. Beginne höflich, dich dem dir möglicherweise unbekannten Anrufer vorzustellen.
  5. Schreib parallel eine SMS an dein Gegenüber und frag: „Sollen wir lieber texten?“ Alternativ kannst du dafür auch zuerst auf die Toilette gehen, denn die meisten Menschen lassen sich die Abwesenheit ihres Gesprächspartners nicht entgehen und nutzen ihr Handy.
  6. Erzähl nach der Störung deinem Gegenüber von deinem Experiment und frag ihn nach seiner Meinung zu dem Thema.
  7. Falls dein Gegenüber nicht ans Handy gegangen ist, bedank dich dafür und zeig damit, dass es dir positiv aufgefallen ist. Selbst wenn es keine Absicht deines Gegenübers war, wird deine Dankbarkeit einen positiven Effekt haben.

Hast du noch weitere Ideen oder bereits gute Erfahrungen gemacht? Ich bin gespannt auf deinen Kommentar!

Viel Spaß beim Aufwerten deiner sozialen Kontakte.

 

Foto: Noelia Ruiz Photography

Literatur

Aron, A., Melinat, E., Aron, E. N., Vallone, R. D., & Bator, R. J. (1997). The experimental generation of interpersonal closeness: A procedure and some preliminary findings. Personality and Social Psychology Bulletin, 23(4), 363-377.

Cain, M. S., & Mitroff, S. R. (2011). Distractor filtering in media multitaskers. Perception, 40, 1183-1192.

Drouin, M., Kaiser, D. H., & Miller, D. A. (2012). Phantom vibrations among undergraduates: Prevalence and associated psychological characteristics. Computers in Human Behavior, 28, 1490-1496.

Hyman, I. E., Boss, S. M., Wise, B. M., McKenzie, K. E., & Caggiano, J. M. (2010). Did you see the unicycling clown? Inattentional blindness while walking and talking on a cell phone. Applied Cognitive Psychology, 24, 597-607.

Misra, S., Cheng, L., Genevie, J., & Yuan, M. (2014). The iPhone Effect: The Quality of In-Person Social Interactions in the Presence of Mobile Devices.Environment and Behavior, 1-24.

Przybylski, A. K., & Weinstein, N. (2013). Can you connect with me now? How the presence of mobile communication technology influences face-to-face conversation quality. Journal of Social and Personal Relationships, 30, 237-246.

Simons, D. J. (2000). Attentional capture and inattentional blindness. Trends in Cognitive Science, 4, 147-155.

Strayer, D. L., Drews, F. A., & Crouch, D. J. (2006). A comparison of the cell phone driver and the drunk driver. Human Factors: The Journal of the Human Factors and Ergonomics Society, 48, 381-391.

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