Zu wissen, was du willst, ist eines der wichtigsten Dinge im Leben. Dennoch sperren tagtäglich Menschen ihre Potentiale ein, messen sich und andere mit überzogenen Maßstäben, laufen Macht, Erfolg und Reichtum nach und bewundern sie bei anderen.
Ihre wahren Werte im Leben unterschätzen sie dabei.
Für den, der nicht weiß, welchen Hafen er ansteuert, ist jeder Wind der richtige Wind.
–Lucius Annaeus Seneca
Als ich jünger war, liebte ich es, in den Tag hineinzuleben. Nicht faul auf der Couch liegend, sondern genügsam. Ich nahm, was mir das Leben gab und arbeitete damit. Ich wartete ab, bis sich die Dinge ergaben und wenn etwas nicht klappte, versuchte ich mich damit zu arrangieren und das Positive an dem anderen Ausgang zu sehen.
Meine Erwartungen waren niedrig, so dass sie nicht leicht enttäuscht werden konnten.
Dann kam jemand, der mir sagte, ich wäre passiv und würde mein Leben nicht in die Hand nehmen. Das täten wohl andere für mich…
Das traf mich.
War nicht gerade die Leichtigkeit der Akzeptanz meine große Stärke? War nicht die Fähigkeit, mit dem Jetzt zu leben und es zu tolerieren, meine große Waffe gegen Traurigkeit, Niedergeschlagenheit und Unzufriedenheit!?
Ja und nein.
Säen und ernten
Als Kinder übernehmen wir viele Werte aus Familie und Freundeskreis. Ob das der Perfektionismus und Leistungsgedanke des Vaters ist, die Freiheitsliebe der süßen Nachbarin oder auch das Harmoniebedürfnis der lieben Mama. Da es größtenteils unbewusst abläuft, treten viele dieser Werte heute noch in vielen Situationen zutage.
Und oft erinnern wir nicht mehr, woher sie kamen.
Heute weiß ich, dass meine damals aus diesen Werten entstandenen Eigenschaften in mir gewachsen sind und es mir heute leichter fällt, bestimmte Dinge so zu tun, wie ich sie tue. Trotzdem waren die Worte des Jemands damals aufrüttelnd.
Also habe ich nachgefragt…
Was ist wichtig?
Die Antwort auf diese Frage ist für jeden Menschen eine andere. Sie ist abhängig vom Kontext, von der jeweiligen Zeit, in der man sie sich stellt. Aber sie sich zu stellen – das ist unbezahlbar.
Bitte sei jetzt brutal ehrlich zu dir.
Stell dir die Frage „Was ist mir wichtig?„
Schreib drei der Antworten stichwortartig auf ein Blatt Papier.
Die Dinge, die dir in den Kopf kommen, kannst du bestimmten Werten zuordnen. Sind das Partner:in oder Kinder, ist das vielleicht mit Familie oder Liebe zu erklären.
Ist das dein wunderbares Haus, dein Garten oder deine kleine, muckelige Wohnung, kann das mit dem Wert Geborgenheit, Schutz oder Sicherheit zu tun haben. Vielleicht auch mit Ordnung oder Schönheit, wenn du dir besonders viel Mühe gibst und beständig alles aufgeräumt und ästhetisch ist.
Welche Antworten du auf diese Frage auch gefunden hast – sie haben mit dem zu tun, was du erreichen willst. Und sie haben damit zu tun, was du wertschätzt, was du lebens-, liebens- und erstrebenswert findest.
In dir und in anderen. In Personen oder Organisationen. Jetzt und in der Zukunft.
Sich dessen nicht bewusst zu sein, macht das Erreichen der für dich richtigen Ziele schwerer. Es ist, als stelltest du die „Karriereleiter“ an eine Wand, freutest dich nach einiger Zeit über das Erreichen der obersten Sprosse, nur um festzustellen, dass die Leiter an der falschen Wand stand. Oder, wie es Henry David Thoreau so schön sagt:
Die größte Tragödie ist, am Ende des Lebens festzustellen, dass wir die ganze Zeit geangelt haben, obwohl wir gar nicht auf Fisch aus waren.
Ziele durch Werte erreichen heißt: sich erreichen
Das Wissen über deine Werte macht Entscheidungen leichter. Denn du hast mit deinen Werten ein starkes Gerüst, ein Fundament, das dein Leben stützt und auf feste Füße stellt. Dich an dieses Gerüst zu erinnern und danach zu handeln, verschafft dir Klarheit und Einfachheit. Und spart viel Zeit (siehe 80-20-Regel).
Das Schöne: Werte sind sehr beständig, formen sich dennoch stetig weiter, können ausgebaut, vermindert und auch radikal verändert werden. Sind dir deine Werte einmal klar, kannst du dir überlegen, welche dieser Werte du in Zukunft stärken willst und vor allem wie du das konkret machst.
Steht dir z.B. Mut näher als Perfektionismus, wirst du etwas wagen, bei dem du unsicher bist und Fehler machen könntest. Gleiches gilt für den Wert des Wachstums und lebenslangen Lernens. Das bringt dir den einen oder anderen Rückschlag, aber auch zahlreiche Lernmöglichkeiten, Wissen und Erlebnisse.
Ist dir Ehrlichkeit wichtiger als Harmonie, wirst du Wahrheiten aussprechen, selbst wenn sie zu ungemütlichen Situationen führen. Je öfter du das tust, desto mehr hast du mit Menschen zu tun, die diesen Wert und damit dich als Person dafür schätzen.
Ist Jugendlichkeit einer deiner höchsten Werte, vielleicht sogar das Kind in dir, dann lässt du manchmal deinen Anstand zu Hause, achtest nicht auf Sauberkeit und nimmst die nächste Pfütze springend mit, egal ob deine Nachbar:innen dich für verrückt halten. Das stärkt deine Lebensfreude, schärft deine Aufmerksamkeit für die Natur und verbessert wahrscheinlich sogar deine Beziehung zu Kindern.
Bewusstheit, Priorität und ein gutes Gewissen
Je näher du an deine Werte kommst, je bewusster du nach ihnen lebst, desto näher kommst du auch dir selbst. Du hast einen schärferen Blick auf das, was du tust, und weißt, ob es mit deinen Werten einhergeht oder nicht.
Wenn du deine Werte bearbeitest und bewusst anwendest, veränderst du damit ebenfalls deinen Fokus auf die Welt. Durch veränderte Aufmerksamkeit veränderst du dein Verhalten und schließlich deine Entscheidungen, Erfahrungen und Ergebnisse.
Damit stärkst und inspirierst du nicht nur dich selbst. Durch dein Verhalten wirst du auch für andere ein Vorbild für Klarheit. Du sortierst deine Zeit nach deinen Prioritäten, sagst öfter zu Unwichtigem Nein und nutzt deine Werte, um in jeder Situation die für dich beste Entscheidung zu treffen.
Das Leben ist voller Möglichkeiten. Und viele Möglichkeiten fordern: Fokus auf das Wesentliche. Mit einer Landkarte deiner Werte hast du das beste Navigationsgerät, das dir das Leben schenken kann.
Fazit: Jeden Hafen auf der Welt ansteuern zu können, weil einem jeder Wind recht ist, kann befreiend sein. Aber zu wissen, was wichtig ist, danach zu handeln und seine Stärken einzusetzen, führt zu einer völlig anderen Freiheit. Nämlich zu der, die sich die besten Winde sucht, zu Eigen- und Selbstwert führt. Und damit zur Wertschätzung von anderen.
Das ist ein Ziel, das sich lohnt: mehr nach deinen Werten zu leben. Und weniger nach denen der anderen.
Wann schreibst du deine Werte auf? Vielleicht sogar in einem „Mission Statement“?
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