Michael Tomoff - Positive Psychologie und Coaching Bonn - scheitern ist gesund

Ich bin gescheitert (und scheitern tut weh)

Immer wieder kann man von bekannten Persönlichkeiten lesen, die scheitern. Oder es schon zahlreiche Male getan haben.
Auch ich bin gescheitert.

Das klingt hart. Dennoch kann ich es täglich über mich sagen. Und das fühlt sich nicht gut an.

Es bewusst wahrzunehmen, lässt in meinem Magen ein Knäuel entstehen. Ich fühle mich schwer, behäbig und nutzlos. Und ich frage mich in solchen Momenten, an welchem Ort der Welt mein Scheitern egal wäre.
Aber ich scheitere selbst beim Auffinden dieses Ortes…

Und obwohl ich in meinem Beruf vielen Menschen Fragen zu diesen Themen stelle, die zu Anregungen, Ideen oder Lösungen führen, bin ich noch ein Kind, betrachte ich meinen Weg bei der Vielzahl dieser Themen.

Wo liegt mein Scheitern?

Ich schreibe lieber über die positiven Seiten des Lebens und die Errungenschaften, Erfolge und tollen Erfahrungen von Menschen. Warum heute über das Offenlegen von Fehlern?

Es fühlt sich gut an.

Haben Sie es schon versucht? Jemandem offen von Ihren Fehlleistungen, von Ihren Missgeschicken erzählt?

Es sind – wie die Sie anhand der Wörter sehen können – ja trotzdem Leistungen und Geschicke. Und wenn nicht für Sie, dann zumindest erstmal für andere.

Ihre Fehler oder Pannen offen auszusprechen hilft dabei, mit diesen Fehlern konstruktiver umzugehen, sie besser zu akzeptieren und diesem Scheitern die Macht zu nehmen.

Hier sind einige der Dinge, die ich dem Stichwort „scheitern“ hinzufügen würde…

Liebe zeigen — Ich habe das große Glück, noch zwei Omas zu haben (Stand 2013), denen ich zuhören kann, wenn sie über ihre „einfache“ und gerade deshalb so fesselnde Vergangenheit, über ihre im Laufe der Jahrzehnte gesammelten zeitlosen Weisheiten erzählen. Über das, was sie zu schätzen gelernt haben. Besuche ich meine Eltern, wohnen beide Omas zehn Gehminuten von mir entfernt. Und doch gehe ich selten bei ihnen vorbei, sehe sie kaum und fühle mich jedes Mal schlecht, wenn ich ohne Besuch wieder abfahre. Ich weiß, wie gut es ihnen und mir tut, sich zu sehen. Später werden wahrscheinlich eigene Vorwürfe und Traurigkeit übrig bleiben…

Akzeptanz — Ich schätze meine Eltern für so Vieles und bin ihnen dankbar für eine Million Dinge. Ich schätze den Gedanken, die Älteren für ihre Lebenserfahrung und Erlebnisse zu respektieren. Dennoch schaffe ich es selten, Akzeptanz aufzubringen für andere Wege, die sie gehen oder bin enttäuscht, dass meine Ideen oder Vorschläge für ihr Lebens nicht annehmen oder ausprobieren wollen.
So will ich nicht sein. Am allerwenigsten gegenüber meinen Eltern…

Missionarsstellung — Mit Akzeptanz hängt ebenfalls zusammen, dass ich nur ein Ziel sehe, wenn ich für etwas leidenschaftlich bin: dieses Feuer für das Thema an andere Menschen weiterzugeben. Aber genauso, wie ich nicht zu jedem Zeitpunkt bereit bin für Neues, sind es andere. Auch wenn ich mir sehnlich wünsche, dass jeder seine Leidenschaft findet oder sogar meine teilt.

Ein Beispiel: Ich frage mich häufig, wie man die Positive Psychologie nicht anwenden und Zeit und Ressourcen dafür aufbringen kann?! Wie können meine Eltern und die Positive Psychologie nicht dicke Freunde werden?! Wahrscheinlich wäre der Effekt meines Vorlebens effektiver als das Missionieren darüber. Autoren haben dafür einen kurzen, aber merk-würdigen Satz: „Show, don’t tell.

Geduld — Ich meditiere jeden Morgen und weiß, wie gut mir diese Minuten tun. Gleichwohl trage ich diese Ruhe, diese Geduld, dieses Nicht-Werten noch nicht weit in den Tag hinein. Viele Dinge gehen mir zu langsam. Was einen Teil meiner Energie für Umsetzung ausmacht, ist für andere oft eine aneckende Abkürzung, mit der ich ihnen auf die Füße trete.

Nein-Sagen — Ob es „spannende Themen“ sind oder Anfragen von Freunden, die Hilfe brauchen – es gibt selten den Fall, dass ich ablehne. Das bringt mich im Job und privat in die missliche Lage, viel zu viel im Kopf und auf der Agenda zu haben. Aber als wäre das nicht genug, bringt mich meine Neugier fast täglich weitere interessante Ecken des Lebens, in denen es Neues zu entdecken gibt. Und zu tun… Darum sollte ich zu viel mehr nein sagen.

Aufschieberitis — Aus dem vorherigen Punkt entsteht zu oft das Unvermögen, die Dinge strukturiert und diszipliniert abzuarbeiten, die mich interessieren. Ich kenne viele Möglichkeiten, in Gang zu kommen, aber meine zahlreichen Auffangbecken für Ideen, umzusetzende Aufgaben oder spannende Projekte quillen über vor vielfach Aufgeschobenem. Und das ist frustrierend.

Fokus — Meine Tage sind viel zu selten erfüllt von dem wunderbaren Erlebnis, im Flow-Zustand erst in einer Aufgabe zu versinken und danach in ihr aufzugehen. Die „kurze Frage“ des Kollegen lenkt mich genauso schnell ab, wie dieser Link zu einem irrelevanten Artikel im Internet. Das mag an meiner Stärke „Offenheit“ liegen, verführt mich aber leider auch zum Scheitern, wenn es um Fokus geht.

Sport — „Ich laufe Montag wieder mit.“ ist einer meiner meist gesagten und am häufigsten nicht eingehaltenen Sätze der letzten Jahre. Und ich bin gut im Ausreden-Finden: Knie-OP, Treffen mit einem Freund, „laufen ist mir so oder so zu monoton“ und ich habe ja noch kein Übergewicht. Also, wozu zu meinem Wort stehen und den süßen Geschmack der Genugtuung auf der Zunge haben, der sich nach körperlicher Anstrengung so oft bei mir einstellt…?

Ich habe vormals viele Dinge über Fehler als Helfer geschrieben. Der für mich hier relevante Unterschied zwischen Fehlern und Misserfolg ist jedoch das Gefühl, es eigentlich besser zu wissen – und doch nicht besser zu machen.

Eines zeigt meine Liste und die aller anderen ohne Diskussion: Menschlichkeit. Die Liste ist eine Aussage über den Willen, etwas besser zu machen und – aus welchen Gründen auch immer – für den Moment nicht die nötige Kraft dafür zu haben.

Wie kann ich besser scheitern?

Aber solch eine Liste ist nicht nur hilfreich für Selbstreflektion. Davon haben weder Omas, Eltern, andere Menschen noch ich etwas. Und da voraussichtlich niemand dieses miese Gefühl von Misserfolg gerne mit herumschleppt, hier fünf mögliche Wege aus dieser schwarzen Magengrube.

There is no failure. Only feedback.
–Robert Allen

  1. Blick in die Vergangenheit: Ich fühle mich beim Thema der Akzeptanz von Vergangenem zu Hause. Das war nicht immer so. Ich weiß, dass ich tausende von Fehlern begangenen habe und zahllose Male gescheitert bin. Aber jedes Scheitern hat mich zu dem gemacht, der ich heute bin – mit allen Makeln und Vorzügen. Ich kann also sicher sein, dass ich mit allem, was ich bereits „falsch“ gemacht habe, einen Schritt nach vorne getan habe. Und bin ich mit mir als Mensch zufrieden, waren alle diese Schritte Teil von meinem Jetzt.
  2. Blick in die Zukunft: Natürlich würde ich lieber keine Misserfolge erleben, um der zu werden, der ich in zehn Jahren bin. Aber die selbe Akzeptanz, die meine vergangenen Fehler vergibt, wird mir den Weg für die Zukunft bereiten. Unser Körper ist eine hervorragende Quelle von Signalen.
    Wenn wir ihm zuhören und die Zeichen ernst nehmen, die er aussendet, bietet jedes dieser Signale die Möglichkeit, zu lernen.
  3. Was ist das Gute daran? Diese Frage hilft nicht nur, die zweite (positive) Seite der Medaille frei zu rubbeln, sondern unterstützt darüber hinaus den Perspektivwechsel. Haben Sie schon mal etwas erlebt, das anfangs wie ein Malheur aussah, Sie danach aber darüber sagten, „Dann war es also doch zu etwas gut!“?
  4. Nachschärfen. Wie die schlappe Suppe können Sie natürlich auch bei Methoden oder Verhaltensweisen nachschärfen. Auch hier ist jeder Schritt einer in Richtung höherer Kompetenz – egal ob Sie körperliche Stärken ausbauen, mentale oder soziale Skills optimieren.
    Das Schöne: Nachschärfen können Sie ebenfalls in kleinen Schritten, die oft bereits viel bewirken. Es muss keine 180°-Drehung sein.
  5. Offen sein und darüber reden. Versuchen Sie die kleine Übung, die ich oben angedeutet habe: Schreiben Sie auf, woran Sie scheitern und verzweifeln. Seine Schwächen offen zu legen, ist eine große Stärke. Sie verschafft Akzeptanz von anderen. Sie verschafft Mitgefühl. Und sie Ihnen die Erfahrungen und das Wissen, dass andere ähnliche Dinge nicht gut machen oder daran scheitern.
    Und das beruhigt außerordentlich.

Ein wunderbares Video zu diesem Thema ist das von Brené Brown, die über die Macht der Verletzlichkeit spricht und viele positive Aspekte bei unserem Gefühl aufzählt, unvollkommen zu sein.

Und zum Schluss: Dieser Artikel ist inspiriert worden von Leo Babauta, einem nicht nur für mich großen Vorbild, der den Großteil seiner Zeit darauf verwendet, wertvolle Artikel darüber zu schreiben, wie man sein Leben besser, bewusster und vor allem einfacher leben kann.

Wie schön ist es, von solch einem Mann zu lesen, bei welchen Dingen selbst er regelmäßig scheitert…!

Und wenn Sie, liebe Leserin, lieber Leser, gerne offen aussprechen möchten, worin Sie scheitern: hier unten ist noch viiiieeeel Platz für das schöne Gefühl, etwas in den Wind gerufen zu haben…!

 

8 thoughts on “Ich bin gescheitert (und scheitern tut weh)

  1. an einer offenen, unvoreingenommenen Kommunikation mit den Eltern, d.h. nicht in alte Fahrwasser dabei kommen, was Reaktionen angeht

    regelmässig Fahrtenbuch zu führen und die Buchhaltung nicht aufzuschieben

    an Vorsätzen wie warmes Frühstück, regelmäßiger Sport und der „goldenen Morgendstund“

    ist halt so: nobody is perfect ;)

  2. ich scheitere fast täglich daran Liebe, Anerkennung u. Empathie im ausreichenden Maße für mich selbst aufzubringen. Statt dessen gebe ich
    sie an meine Mitmenschen. Hungrig danach dies auch als Antwort zu bekommen, werde ich immer wieder jäh enttäuscht.
    ich scheitere an der Umsetzung von Verstandenen, wie z.B. dass jeder selbst für sein eigenes Glück zuständig ist u. wir nicht er/warten können
    das dies jmd anderes für uns in die Wege leitet…
    heartbroken…

  3. Okay, denn mal los:
    Erste Ehe erbärmlich gescheitert, zweite fast auch, wenn nicht da ….!

    Im beruf gescheitert, nach Dreissig jahren und vier burn-outs als verbeamteter Lehrer in den Pensionärsstatus reinkomplimentiert ( mit 58 ), und siehe da:

    Es eröffnete sich etwas Neues: Novellen schreiben, V ereinsarbeit Projekte, historische Wanderungen? singen und und…dankbar sein, recht gesund und fit zu sein.

    Ja, ja, wozu das nicht alles gut war !
    Wilfried

    P.S.: Kleine Anekdote – vor knapp 25 Jahren wollte ich mal wissen, wie ich in 2O Jahren aussehen würde, bin in einen kreativen Frisier – Friseursalon in Berlin gegangen und habe mir die Haare grau färben lassen.
    Na ja, stimmte nicht so ganz, denn 20 Jahre später hatte ich kaum noch Haare !! So ist das mit der Zukunftsangst !

  4. Mir ist manches nicht gelungen in meinem Leben. Manches hatte ich mir vorher anders vorgestellt, anders gewünscht. Aber bin ich deshalb gescheitert?

    Ich habe mich dafür entschieden, das Leben als einen Ort und als eine Zeit zu betrachten, die dafür da sind, Erfahrungen zu machen. Erfahrungen, die ich nur machen kann, wenn ich in diesem Körper stecke und auf dieser Welt lebe.

    Alles, was ich tue und nicht tue, hat Konsequenzen. So oder so. Aber wozu soll ich diejenigen Konsequenzen, die mir nicht gefallen, „Scheitern“ nennen? Genauso gut könnte ich einen Hammer nehmen und mir auf den Kopf hauen. Viel hilfreicher scheint mir, offen anzuschauen, was da gerade in meinem Leben unangenehm passiert, mir zu vergeben und es offenen Herzens anzunehmen, so dass der Schmerz, der Ärger, der Frust und die Traurigkeit, die damit verbunden sind, heilen und sich in etwas Schönes verwandeln können.

    Wenn es also ein Scheitern gibt, dann höchstens dies: dass ich vergesse, die Liebe als obersten Maßstab zu nehmen und aus dem Herzen zu leben, und stattdessen meinem Ego den Vortritt lasse. Aber auch das darf ich mir vergeben und weiter wachsen…

  5. Nun in der Schule war ich Minimalist und trotzdem einer der Besten. Nach Abschluss eine tolle Stelle bis zum Eintritt in die Bundeswehr gefunden. In der Bundeswehr 6 Monate geblieben und meine Karriere jäh beendet, als ich das erste Mal in meinem bisherigen Leben festgestellt habe, mit etwas überfordert zu sein, ein Ziel nicht erfüllen zu können…zu versagen. Danach 3 Monate rumsitzen Zuhause. Darauf folgten 7 Monate Zivildienst. Mittlerweile bin ich arbeitslos, habe (ohne jegliches Eigenverschulden!) Schulden von ca. 10’000 Euro, wohne immer noch Zuhause, bei Menschen die ich nicht liebe und lasse mich aushalten. Meine Freunde aus der Schulzeit, welche damals faul waren und auf welche ich stets von oben herabgeschaut habe, haben Freunde, einen tollen Beruf und ein Leben, das aus deren Sicht nach Plan zu verlaufen scheint. Mittlerweile getraue ich mich nicht mehr, ihnen unter die Augen zu treten. Schliesslich habe ich auf keiner Ebene irgendetwas positives vorzuweisen. Aus meiner Sicht bin ich auf ganzer Linie gescheitert.

    1. Lieber Philipp,

      danke für deine offenen Zeilen. Da schwingt eine Menge Selbstzweifel und Enttäuschung mit, wenn ich deine Worte lese. Ich bin mir aber sicher, dass dir weder deine Freunde nach solch langer Zeit Vorwürfe machen würden, noch jemand anderes Übles will. Menschen ändern sich. Und ganz besonders jene, die von Schülern zu Lehrern werden.

      Und du scheinst schon viel über und durch das Leben gelernt zu haben. Auch das ist etwas sehr Wertvolles, auch wenn es nicht mit Geld oder Jobtiteln aufzuwiegen ist.

      Der erste Schritt wäre glaube ich, dir selbst zu verzeihen, dass du möglicherweise als Jugendlicher nicht so gewesen bist, wie du’s hättest sein wollen oder können. Was meinst du?

      Liebe Grüße
      Michael

    2. @Philipp Ich glaube mit Spezzano könnte mann sagen: Das ist Dein Erfolg, das was Du bist ist Dein Erfolg, wenn es so etwas wie freien Willen gibt, dann hast Du es so gewollt. Warum kann ich Dir nicht sagen. Wenn die Menschen, die Dich aushalten, Deine Eltern sind, dann hast Du ein Problem. Weil Du nicht liebst, noch nicht einmal Deine Eltern. Was liebst Du? Gruss!

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