Gab es Zeiten, in denen Sie jemand bei der Arbeit geärgert hat? Jemanden, über den Sie sich am Arbeitsplatz mehrmals aufgeregt haben? Oder ein Familienmitglied, dessen kleine Angewohnheit Sie zeitweise verrückt gemacht hat?
Waren Sie frustriert, weil der Angestellte am Post(bank)schalter das dritte Mal hintereinander „Das ist nicht unsere Aufgabe, da müssen Sie XYZ anrufen oder einen Brief schreiben!“ und nicht einmal versucht hat, das Problem kundenfreundlich zu lösen? Treibt Ihr Vermieter Sie mit seiner Art in den Wahnsinn?
Wie sieht’s mit den Ärgernissen über Ihre Kinder oder Ihren Ehepartner aus?

Wie können Sie toleranter und ruhiger werden inmitten dieser Ärgernisse?

Mir fällt bedauerlicherweise zu selten auf, dass ein Großteil der Streitereien und Ärgernisse darauf zurückzuführen ist, dass ich mir Sorgen um mein leibliches und geistiges Wohl mache.

Schaffe ich es, die Aufgabe pünktlich abzuschließen, wenn jener andere seine Arbeit nicht sauber erledigt?
Habe ich den richtigen Weg eingeschlagen, den richtigen Job gewählt?
Was brauche ich wirklich?
Was denken die anderen von mir?
Wie kann ich besser werden als mein Nachbar?
Warum hört man mir nicht zu?
Hoffentlich schaffe ich das – oder werde ich versagen?
War das tatsächlich mein Fehler?
Warum behandelt der Mann am Schalter mich nicht besser?
Warum verstehe ich das nicht?
Kennen Sie diese Gedanken?

Ich bin noch niemandem begegnet, der sich selber für engherzig und intolerant hält.
–Paul Schibler (tweet)

Und hier kommt ein Gedankenexperiment: Was wäre, wenn Sie sich von der Sorge um sich selbst befreiten? (tweet)
Stellen Sie sich vor, dass wir – und wäre es nur ein Tag – sicher wären, akzeptiert, respektiert, wertgeschätzt.
Wäre das nicht befreiend?
Würde uns das nicht ein großes Gewicht von den Schultern nehmen, einmal nicht auf sein Überleben zu achten, auf den eigenen Vorteil beim Kuchenschneiden?

Was würde passieren?

  • Wir könnten hinsehen, was uns andere mitteilen und uneingeschränkt zuhören, was ihr Bedürfnis ist.
  • Wir könnten Stärken in anderen suchen anstatt aufzupassen, dass der andere uns nicht schwächt.
  • Wir könnten mehr Mitleid entwickeln anstatt uns zu vergleichen („Mir geht’s doch auch nicht besser!“) und daraufhin mehr Hilfe leisten.
  • Wir könnten hinter das Gesprochene schauen und sehen, dass andere vor den gleichen Dingen Angst haben und ein Gefühl der Gemeinsamkeit, der Verbundenheit entstehen lassen.

Sind Sie kreativ? Dann könnten Sie überlegen, was jener Post(bank)angestellte womöglich durchmacht. Überforderung? Ärger zu Hause? Gerade mit einer Kollegin gestritten? Todesfall in der Familie? Arbeitet nicht mit seinen Stärken?

Und überdies, wenn viele Ihrer Ideen unwahrscheinlich oder Sie nicht kreativ wären – Sie würden voraussichtlich erkennen, dass sein Verhalten nur menschlich ist und auch wir nicht pausenlos perfekt handeln. Dass sogar wir manchmal langsam, laut, unzuverlässig oder egoistisch sind.
Aber in den seltensten Fällen bösartig.
Wahrscheinlich brauchen diese Personen nur eine mentale Umarmung von Ihnen…
Natürlich ist es verlockend, wieder in den voreingenommen Zustand zu rutschen, der die Frage in den Raum wirft, warum denn gerade diesem Menschen geholfen werden soll, während doch ich hier der Arme bin. Und es wird passieren. Alleine, weil es der für viele wahrscheinlich „normale“ Stand der Dinge ist.
Aber es wird seltener geschehen. Und Sie werden es möglicherweise bemerken. Und dann können Sie entscheiden, wohin die Reise geht und wie Sie Ihren Einfluss in dieser Situation für etwas Gutes, etwas Größeres einbringen können.
Und wer weiß… Vielleicht hilft Ihnen eines Tages jemand, der bemerkt, dass Sie überfordert sind und es Ihnen nicht vorwirft.

Frei von der Sorge über sich selbst

von Michael Tomoff Lesezeit: 2 min
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