Als Kind steckte ich mir an einem Tag der offenen Tür einen Plastikspecht aus der Sparkasse ein. Aufziehbar, zum Anheften an die Fensterscheibe, und ich fand ihn unwiderstehlich.
Zu Hause legte ich ihn hinter das Sofa, wo er eine Woche lang zwischen den Staubflusen lag wie ein Beweisstück. Das schlechte Gewissen wurde größer als der Specht. Ich ging zu meiner Mutter und beichtete, unter Tränen.
Sie lachte, nahm mich in den Arm und sagte, die Spechte seien Geschenke der Bank gewesen, Werbung eben.
Den Specht hätte niemand vermisst. Die Entschuldigung habe ich trotzdem gebraucht, und je älter ich wurde, desto seltener bot sich eine Gelegenheit, sie auszusprechen, wenn es wirklich zählte.
Wer sich entschuldigen will, braucht drei Dinge: das Eingeständnis des konkreten Fehlers, die Verantwortung ohne Ausrede und ein Angebot, es wieder gut zu machen. Ich zeige dir, wie sich entschuldigen klingt, wann es nicht reicht und was du tun kannst, wenn sich bei dir jemand nicht entschuldigt.
Sich entschuldigen: Warum es so schwerfällt
Bei Kleinigkeiten geht das Entschuldigen leicht. Wir sagen „Tut mir leid“, wenn uns jemand anrempelt, wenn jemand zu leise spricht, wenn wir kein Feuer haben.
Bei den Menschen, die uns wichtig sind, bleibt der Satz im Hals stecken. Je näher uns jemand steht, desto zäher kämpfen wir um unser Recht, bis beide auf ihrem Stück Küchenboden sitzen und keiner den ersten Schritt macht.
Die Gründe kennst du wahrscheinlich. Scham, weil wir es besser wussten. Stolz, weil ein zugegebener Fehler sich anfühlt wie ein offener Mantel im Wind. Wut, die sich hochschaukelt, bis niemand mehr die Bremse findet.
Karina Schumann nennt drei Hürden: wenig Sorge um das Gegenüber, ein bedrohtes Selbstbild und die Annahme, dass Entschuldigen ohnehin nichts bringt (Schumann, 2018). Wer sich vorher an seine eigenen Werte erinnert, entschuldigt sich vollständiger (Schumann, 2014).
Die Studien im Einzelnen: Schumann (2014, 2018)
Schumann (2018) ist ein Überblicksartikel über die Hürden des Entschuldigens und wie sie sich überwinden lassen. In der Studie von 2014 wurden Teilnehmende zuerst gebeten, sich an eigene Werte zu erinnern (Selbstbestätigung). Danach enthielten ihre Entschuldigungen mehr Bausteine und weniger Abwehr.
Ein sicheres Selbstbild macht es also leichter, einen Fehler zuzugeben. Perfektion war dafür nie nötig. Wer die eigene Unvollkommenheit annimmt, vergibt auch leichter, mehr dazu im Artikel über den Beautiful-Mess-Effekt.
Was eine Entschuldigung wirksam macht: 6 Bausteine
Sechs Bestandteile hat eine Entschuldigung, die ankommt: Bedauern ausdrücken, erklären, Verantwortung übernehmen, Reue zeigen, Wiedergutmachung anbieten und um Vergebung bitten (Lewicki et al., 2016). Am stärksten wirkt das Eingeständnis der Verantwortung, am schwächsten die Bitte um Vergebung.
Dasselbe Muster zeigt sich im deutschsprachigen Raum. Vollständigere Entschuldigungen fördern die Vergebung eher, vor allem nach schweren Vorfällen (Kirchhoff et al., 2012).
Und wer die Empfänger:innen selbst fragt, hört dreimal dasselbe: den konkreten Fehler benennen, Verantwortung übernehmen, die Entschuldigung wirklich aussprechen (Bippus & Young, 2020). Der Rest hängt von Art und Schwere des Fehlers ab.
Die Studien im Einzelnen: Lewicki, Kirchhoff, Bippus
Lewicki et al. (2016): zwei Szenarienexperimente mit 333 Erwachsenen und 422 Studierenden, bewertet wurden geschriebene Entschuldigungen, keine echten Konflikte.
Kirchhoff et al. (2012): zwei Online-Vignettenstudien mit 240 und 107 Personen, Ärgerabbau vermittelte die Wirkung teilweise.
Bippus und Young (2020): Befragung von Empfänger:innen über ideale Bestandteile bei üblichen Verfehlungen im Alltag.
So kannst du dich entschuldigen: 10 Tipps
1. Sich entschuldigen, aber ehrlich
Ein unehrliches „Es tut mir leid“ soll einen Streit abkürzen und richtet meistens mehr an, als es erspart. Menschen, die dir nahestehen, hören den Unterschied sofort.
Die Frage „Was genau tut dir denn leid?“ deckt ihn auf. Finde vorher etwas Konkretes. Reicht es noch nicht, bitte das Gegenüber, dir zu erklären, was daran verletzend war.
Im Wortlaut: „Es tut mir leid, dass ich dich gestern vor den anderen unterbrochen habe.“
2. Aufschreiben statt aussprechen
Schriftlich fällt das Entschuldigen vielen leichter, weil niemand dazwischenredet und Stolz und Scham leiser werden. Es bleibt Zeit für die richtigen Worte.
Das Gespräch von Angesicht zu Angesicht bleibt für mich die beste Form. Eine schriftliche Entschuldigung schlägt aber jede, die nie stattfindet.
3. Humor über dich selbst
Wer über sich lachen kann, gibt Fehler leichter zu und bringt das Gegenüber manchmal zum Lachen. Der Humor gehört zu dir und deinen Fehlern. Die Verletzung des anderen bleibt davon ausgenommen.
4. Verantwortung übernehmen, ohne „aber“
Eine Ausrede im selben Satz wie die Entschuldigung ruiniert beides. Was hängen bleibt, ist ein neuer Vorwurf.
Schluck das „aber“ herunter und setz einen Punkt.
Im Wortlaut: „Du hast recht. Ich war unfair zu dir.“
5. Verständnis zeigen
Sag aus, was du vom Ärger oder der Enttäuschung der anderen Person verstanden hast. So zeigst du, dass du über die Folgen deines Handelns nachgedacht hast.
Im Wortlaut: „Ich kann mir vorstellen, dass du dich übergangen gefühlt hast.“
6. Anbieten, es wieder gut zu machen
Geschehenes lässt sich nicht rückgängig machen, aber ausgleichen. Das besänftigt und nimmt dir das Gefühl, in der Schuld zu stehen.
Wichtig ist, dass der Fehler danach abgehakt ist. Mehr dazu weiter unten.
7. Geloben statt versprechen
Ich kann nicht garantieren, dass ich nie wieder aus Müdigkeit die Geduld verliere. Es wird seltener passieren, und das ist erstrebenswert.
Ein „Nie wieder“ zerstört die Arbeit hinter einer ruhigen Zeit, sobald es doch geschieht. Bei manchen Dingen ist ein festes Versprechen trotzdem angemessen.
8. In den Arm nehmen
Wenn das Verhältnis es erlaubt, ist eine Umarmung Gold wert. Körperkontakt macht Vergeben oft leichter, besonders wenn noch ein Rest Trotz im Raum steht.
9. Auf Worte Taten folgen lassen
Am Ende wird jede Entschuldigung daran gemessen, ob sich etwas verbessert hat. Das Verhalten danach zeigt, ob es dir wirklich leid tat.
10. Einmal entschuldigen reicht
Hast du dich entschuldigt und die andere Person hat es angenommen, dann lass es gut sein. Entschuldigen ist ein Akt für den Moment. Noch ein drittes und viertes „Tut mir leid“ macht den Fehler nicht kleiner.
Das gilt auch für die andere Seite. Wer das Entschuldigen angenommen hat, holt es später nicht wieder hervor, um etwas damit zu beweisen.
Sich entschuldigen im Wortlaut: drei Beispiele
Partnerschaft: „Ich habe gestern Abend kaum zugehört und dabei aufs Handy geschaut. Das war verletzend, und es tut mir leid. Heute Abend lege ich es weg, wenn du erzählst.“
Arbeit: „Ich habe die Frist für den Bericht verpasst, und du musstest das Team vertrösten. Das lag bei mir. Ich schicke dir bis morgen Mittag die Fassung und sage ab jetzt früher Bescheid, wenn es eng wird.“
Freundschaft: „Ich habe mich seit Wochen nicht gemeldet, als es dir schlecht ging. Das tut mir leid. Darf ich dich am Wochenende anrufen?“
Ein Beispiel aus meinem Alltag
Mein Sohn und seine Schwester kabbeln sich ständig. Irgendwann ruft eine:r „Stopp!“, und manchmal hält das die Action an und manchmal läuft sie weiter wie ein Zug ohne Lokführer.
Eines Abends schlug er ihr im Streit auf den Hintern. Ich wurde laut, deutlich lauter, als ich es bei ihr gewesen wäre. Er verkroch sich weinend in eine Ecke, ein wenig verschämt, und ich glaube, er wusste sehr gut, was er getan hatte.
Ich ging trotzdem zu ihm. Den Rüffel für sein Verhalten gab es, und danach erklärte ich ihm, warum ich bei ihm lauter gewesen war.
Ich sagte ihm, dass mich dieses Thema extrem beschäftigt, weil Männer früher viel Sexistisches getan haben, bis heute tun und damit durchkommen. Ich sagte, dass auch ich früher aus meinen Privilegien heraus Dinge getan habe, von denen ich nicht wusste, wie bescheuert sie waren.
Dann sagte ich, dass ich Angst habe, er könnte später im echten Leben richtig eins auf die Mütze bekommen für das, was er jetzt mit seiner Schwester macht. Darum war ich bei ihm wahrscheinlich härter, als ich es andersherum gewesen wäre. Das tut mir leid.
Die Entschuldigung kam gut an, vermutlich weil sie ernst gemeint war und weil sie viel über mich zeigte. Er verstand, dass mir sein Wohl am Herzen liegt und ich deshalb so hart war.
Drei der sechs Bausteine stecken darin: Bedauern, Erklärung und Verantwortung. Die Bitte um Vergebung fehlt, und das hat nichts gekostet, denn sie wirkt laut Lewicki et al. am schwächsten.
Etwas bleibt trotzdem hängen. Ich hätte ihn gern in dem Augenblick gestoppt, in dem seine Hand den Hintern seiner Schwester traf, und zwar so, dass er es versteht, ohne dass ich laut werden muss. Dafür hatte ich an diesem Abend keine Worte, und nachträglich kamen sie mir in vielen Varianten in den Sinn.
Nach dem Entschuldigen: Fehler wieder gut machen
Nach dem Entschuldigen beginnt die Wiedergutmachung mit der Frage, was die andere Person braucht. Was ich für richtig halte, steht hinten an.
Es gibt zwei Fehlerarten. Ein Fehler im Können, etwa eine verpasste Frist, lässt sich mit einem Ausgleich meist gut reparieren. Bei einem Fehler in der Ehrlichkeit, etwa einer Lüge, liegt die Sache anders: Nach Kompetenzfehlern stellt eine Entschuldigung Vertrauen besser wieder her als nach Integritätsfehlern (Kim et al., 2004).
Nach einer Täuschung erholt sich Vertrauen oft nie ganz, und Versprechen beschleunigen nur die erste Erholung (Schweitzer et al., 2006). Bei Ehrlichkeitsfehlern zählt darum, was du in den Wochen danach tust.
Die Studien im Einzelnen: Kim, Schweitzer
Kim, Ferrin, Cooper und Dirks (2004): Vergleich von Entschuldigung und Leugnen nach Verstößen gegen Kompetenz und gegen Integrität.
Schweitzer, Hershey und Bradlow (2006): Vertrauensspiel mit 262 Teilnehmenden. Die Entschuldigung allein half nicht, Versprechen beschleunigten nur die erste Erholung, nach einer Täuschung erholte sich das Vertrauen nie vollständig.
Mehr über den Umgang mit Fehlern steht im Artikel 5 Schritte, aus Fehlern zu lernen.
Wenn nur entschuldigen nicht reicht
Manchmal willst du dich entschuldigen, tust es ehrlich, und es bleibt kalt. Sich entschuldigen garantiert keine Antwort, und die Gründe liegen nicht zwingend bei dir.
Vergebung hängt am stärksten mit der Empathie der verletzten Person zusammen. Entschuldigungen wirken ebenfalls deutlich, Ärger wirkt dagegen (Fehr et al., 2010). Und dieselbe Entschuldigung kommt unterschiedlich an: Bei Paaren erhöhte sie die Vergebung nur, wenn die Beziehung zufrieden war (Schumann, 2012).
Die Studien im Einzelnen: Fehr, Schumann
Fehr, Gelfand und Nag (2010): Metaanalyse über 175 Studien zu Vergebung. Die Zahlen im Volltext sind noch nicht geprüft.
Schumann (2012): Tagebuchstudie mit 60 Paaren. Entschuldigungen erhöhten die Vergebung nur bei zufriedenen Partner:innen, vermittelt über die wahrgenommene Aufrichtigkeit.
Was das für dich heißt: Gib dem anderen Zeit, bleib konkret und lass den nächsten Schritt von deinem Verhalten kommen. Weitere Worte braucht es nicht.
Wenn sich jemand bei dir nicht entschuldigt
Auf eine Entschuldigung zu warten kann zermürben, auch wenn du selbst schon geübt hast, dich zu entschuldigen. Vergebung lässt sich aber auch ohne sie lernen.
Wer an einer Vergebungsintervention teilnahm, vergab deutlich mehr als die Kontrollgruppe (Wade et al., 2014). Ein bekanntes Vorgehen heißt REACH: Recall (sich erinnern), Empathize (Empathie zeigen), Altruistic gift (ein Geschenk machen), Commit (sich verpflichten), Hold (festhalten).
Die Studie im Einzelnen: Wade et al. (2014)
Metaanalyse über 54 Berichte mit 2.323 Teilnehmenden zu psychotherapeutischen Interventionen, die Vergebung fördern.
Vergebung und Versöhnung sind zwei Dinge. Du kannst innerlich loslassen und trotzdem entscheiden, dass die Beziehung anders weitergeht. Mehr dazu im Artikel über radikale Vergebung.
Sich entschuldigen: Häufige Fragen
Was macht sich entschuldigen wirksam?
Nach Lewicki et al. (2016) sind es sechs Bestandteile, allen voran das Eingeständnis der Verantwortung. Die Bitte um Vergebung wirkte am schwächsten.
Reicht eine Entschuldigung, um Vertrauen zurückzugewinnen?
Nach Kompetenzfehlern oft, nach Ehrlichkeitsfehlern deutlich seltener (Kim et al., 2004). In einem Vertrauensspiel mit 262 Teilnehmenden erholte sich das Vertrauen nach einer Täuschung nie vollständig (Schweitzer et al., 2006).
Warum fällt es mir so schwer, sich zu entschuldigen?
Schumann (2018) nennt drei Hürden: wenig Sorge um das Gegenüber, bedrohtes Selbstbild und die Annahme, es bringe nichts. Nach einer kurzen Erinnerung an eigene Werte entschuldigten sich Teilnehmende vollständiger (Schumann, 2014).
Wirkt eine Entschuldigung bei jedem gleich?
Nein. In einer Studie mit 60 Paaren wirkte sie nur bei zufriedenen Partner:innen auf die Vergebung (Schumann, 2012).
Was tun, wenn sich niemand bei mir entschuldigt?
Vergebungsinterventionen wirken auch ohne Entschuldigung des Gegenübers. Eine Metaanalyse mit 2.323 Teilnehmenden fand einen deutlichen Effekt (Wade et al., 2014).
Literatur
Bippus, A. M., & Young, S. L. (2020). How to say „I’m sorry“: Ideal apology elements for common interpersonal transgressions. Western Journal of Communication, 84(1), 43-57.
Fehr, R., Gelfand, M. J., & Nag, M. (2010). The road to forgiveness: A meta-analytic synthesis of its situational and dispositional correlates. Psychological Bulletin, 136(5), 894-914.
Kim, P. H., Ferrin, D. L., Cooper, C. D., & Dirks, K. T. (2004). Removing the shadow of suspicion: The effects of apology versus denial for repairing competence- versus integrity-based trust violations. Journal of Applied Psychology, 89(1), 104-118.
Kirchhoff, J., Strack, M., & Wagner, U. (2012). Apologies: Words of magic? The role of verbal components, anger reduction, and offence severity. Peace and Conflict: Journal of Peace Psychology, 18(2), 109-130.
Lewicki, R. J., Polin, B., & Lount, R. B., Jr. (2016). An exploration of the structure of effective apologies. Negotiation and Conflict Management Research, 9(2), 177-196.
Schumann, K. (2012). Does love mean never having to say you’re sorry? Associations between relationship satisfaction, perceived apology sincerity, and forgiveness. Journal of Social and Personal Relationships, 29(7), 997-1010.
Schumann, K. (2014). An affirmed self and a better apology. Journal of Experimental Social Psychology, 54, 89-96.
Schumann, K. (2018). The psychology of offering an apology: Understanding the barriers to apologizing and how to overcome them. Current Directions in Psychological Science, 27(2), 74-78.
Schweitzer, M. E., Hershey, J. C., & Bradlow, E. T. (2006). Promises and lies: Restoring violated trust. Organizational Behavior and Human Decision Processes, 101(1), 1-19.
Wade, N. G., Hoyt, W. T., Kidwell, J. E. M., & Worthington, E. L., Jr. (2014). Efficacy of psychotherapeutic interventions to promote forgiveness: A meta-analysis. Journal of Consulting and Clinical Psychology, 82(1), 154-170.

