Immer wieder stelle ich mir die Frage, warum und für wen ich diesen Blog schreibe. Welchen Sinn verfolge ich damit? Warum schreibe ich über Positive Psychologie, Glücksforschung, praktische Tipps für den Alltag, teils neue Ideen, verrückte Gedanken?

Die Antworten sind einfach: Es gibt Menschen (und vielleicht gehören Sie auch dazu), denen einige der praktischen oder nachdenklich stimmenden Gedanken helfen. Einige dieser Menschen schreiben dann ein kleines Dankeschön und ermuntern mich, weiter zu schreiben. Das ist definitiv gut für’s Selbstwertgefühl.

Das Schreiben hilft mir aber auch, tiefer in die Materie hinein zu gelangen und mich intensiver damit auseinanderzusetzen. Es hilft, neue Gedanken oder Ideen zu verarbeiten und zu strukturieren.

Das Glück in dieser Welt besteht darin, nicht unglücklich zu sein. Man beachtet es nicht mit zwanzig Jahren, man weiß es mit sechzig.
–Théodore Simon Jouffroy

Der größte Nutzen ist für mich, durch die Beschäftigung mit dem, was für mich praktisch anwendbar und vorteilhaft ist, auch Wege für andere zu finden, die nutzbar sein können. Und auf diesem Wege die Verbindung zwischen Individuum und Masse sowie zwischen der Forschung und dem Alltag herzustellen, ist Grund genug für mich, weiter zu schreiben.

Meinen Sie nicht?

Ein Schlüsselerlebnis im Job

Hatten Sie schon einmal einen Boss, der Ihre Stärken nicht genutzt hat, dafür aber Ihre Schwächen ausbessern wollte? Ich hatte vor einigen Jahren solch einen Chef und so viel kann ich verraten: es hat mir weder geschmeckt noch gut getan.

Zu sehen, wo ich hätte helfen und meine Fähigkeiten einsetzen können und das gleiche ebenfalls bei meinen Kollegen zu sehen, zu hören und zu missen, war für mich ein Schlüsselerlebnis. Die Konsequenz war simpel: etwas ändern (wurde nicht erlaubt), die Sachlage akzeptieren (hat nicht lange angehalten) oder das Unternehmen verlassen (ist passiert).

So geht es – gerade in Zeiten der Sinnsuche und -findung – Millionen von Menschen (siehe dazu auch das Kurzvideo über die fehlende Sinnhaftigkeit bei der Arbeit). Die brach liegenden Potentiale nicht zu nutzen, ist menschlich dumm und unternehmerisch geradezu abstrus. Wir alle wissen, dass die Trennung zwischen Beruf und Privatleben entweder gar nicht existiert oder zumindest fließend ist und sich positive sowie negative Erfahrungen bei der Arbeit auch privat auswirken und umgekehrt.

Und die Beweise?

Der individuelle und damit langfristig auch gemeinschaftliche Nutzen des Strebens nach mehr Wohlbefinden und „Glück“ (aus dem Englischen „Happiness“, „Flourishing“ oder „Well-Being“) ist in den letzten Jahren zu einer großen Fülle an Belegen angewachsen. Nicht nur auf individueller Ebene anhand von Glücksratgebern, die die Bücherregale füllen und die größtenteils anstelle einer wissenschaftlichen Basis eher auf Alltagswissen und eigene Erfahrungen zählen (und das ist ja nicht zwangsläufig schlechter), sondern auch auf der Unternehmensebene (hier z.B. unter dem Schlagwort Positive Organizational Scholarship, das z.B. Tobias Illig professionell unter die Lupe nimmt).

Warum lohnt es sich, darauf zu achten, seine eigene Balance zu finden, zu halten, immer wieder herzustellen? Warum lohnt es sich nicht nur für Sie, Ihr eigenes Wohlbefinden zu steigern, sondern auch das der anderen im Blick zu behalten?

Hier sind einige Beispiele, die anregen sollen, in der Umgebung nach Möglichkeiten zu suchen, dieses Wissen anzuwenden und vielleicht sogar weiterzutragen.

  • sozialer Bonus: Glücksempfinden bringt große soziale Boni mit sich, die z.B. in gesteigerten und intensiveren Interaktionen münden, bessere Arbeitsergebnisse nach sich ziehen und mit einem höheren durchschnittlichen Gehalt einhergehen. Das Aktivitätsniveau glücklicheren Menschen ist höher. Außerdem ist die Selbstdisziplin bei ihnen stärker, sowie auch ihre Fähigkeit, mit Rückschlägen umzugehen und sich wieder aufzurappeln. All das mündet darin, dass die glücklicheren Personen länger leben – nicht zuletzt durch ein stärkeres Immunsystem (Lyubormirsky, Sheldon und Schkade, 2005).
  • Optimismus: Glückliche Menschen zeigen eine ihnen wiederum zuträgliche Einstellung: Sie glauben, sie sind gesünder, kommen mit anderen besser aus, sind intelligenter, witziger und kreativer als der Großteil der sie Umgebenden und haben höhere ethische Standards. Und wie das bei der sich selbst erfüllenden Prophezeiung eben so ist, liegen diese Menschen langfristig auch richtig mit ihren Vermutungen (Myers & Diener,1995).
  • Langlebigkeit: Menschen, die positiv mit ihrem Alter(n) umgehen, leben durchschnittlich 7,5 Jahre länger als jene mit negativer Wahrnehmung dazu. Interessanterweise übersteigt dieser Effekt sogar die Ergebnisse vom Beenden des Rauchens, regelmäßiger Bewegung und der Kontrolle von Übergewicht (Lyubomirsky, King und Diener, 2005)! Eine Langzeitstudie zeigte darüber hinaus, dass ältere mexikanische Amerikaner mit durchschnittlich mehr positiven Emotionen nach einem Follow-Up zwei Jahre später halb so oft behindert oder tot waren als diejenigen mit durchschnittlich selteneren positiven Emotionen (Ostir, Markides, Black und Goodwin, 2000).
  • Selbstwert: Menschen mit erhöhtem subjektiven Wohlbefinden zeigen höheres persönliches Vertrauen in sich, ein größeres Selbstwertgefühl und stärkere Selbstbeherrschung und Selbstkontrolle. (Lyubomirsky, King und Diener, 2005)
  • Selbststeuerung: Glückliche Menschen erkennen, dass sie die Dinge selbst in der Hand haben und sind eigenmächtiger. (Myers und Diener, 1995)
  • „positive Nebeneffekte“: Charakteristiken, die mit positiven Emotionen zusammenhängen, sind Vertrauen, Optimismus, Selbstwirksamkeit, Liebenswürdigkeit, prosoziales Verhalten, Aktivitätslevel, Energie, physisches Wohlbefinden, Flexibilität, Kreativität und die Fähigkeit, Stress zu bewältigen. (Lyubomirsky, King und Diener, 2005)
  • Resilienz: Menschen, die direkt nach negativen Emotionen positive wie Zufriedenheit und Freude empfinden, erholen sich kardiovaskulär (also bezüglich des Herz-Kreislaufs) schneller als Menschen, die keine positiven emotionalen Erfahrungen machen. Das lässt darauf schließen, dass positive Emotionen insgesamt der Zähigkeit und Belastbarkeit von Menschen dienlich sind (Fredrickson, 2001).

der Virus des positiven Verhaltens

So trocken diese Studienergebnisse manchen von Ihnen vielleicht vorkommen mögen, ihre Ergebnisse sind erstaunlich und über viele Male repliziert und bestätigt worden. Wenn Ihnen nur einer dieser Vorteile und positiven Effekte erstrebenswert erscheint, schauen Sie sich um und überlegen Sie, mit welchen kleinen Übungen oder Aktivitäten Sie sich und Ihre Umgebung zufriedener und glücklicher machen können.

Das Wunderbare an dem Vorhaben, „die Welt zum Positiven zu verändern“ ist, dass sich immer wieder Menschen finden, die ähnlich denken und auf der gleichen Welle schwimmen. Durch das Zusammenkommen dieser Menschen, ihrer Einstellung und dem starken Wunsch, etwas zu verändern, wird eine unheimlich fesselnde Energie freigesetzt, die es ermöglicht, die bisherigen Muster und schlechten Gewohnheiten auf individueller und unternehmerischer Basis zu sprengen und Platz für Neues zu schaffen.

Und da diese Energien und das Neue nicht nur auf individueller Ebene Gutes schaffen, sondern für die Allgemeinheit zu den obigen positiven Konsequenzen führt, kann ich mit meiner teils kindlich naiven, teils wissenschaftlich geprägten Brille nichts Schlechtes finden.

Nur Dummköpfe können sagen, daß es kein Glück auf Erden gibt. Glück ist Inspiration.
–Isaak Babel

Und deshalb schreibe ich weiter darüber. In der Hoffnung, so viele wie möglich von Ihnen zu begeistern und zu animieren, Ihr Augenmerk auch auf das Gute im Menschen, die positiven Möglichkeiten und die Stärken in jedem zu richten.

Sind Sie dabei?

Details zu den Studien

Fredrickson, B. L. (2001). The Role of Positive Emotions in Positive Psychology. American Psychologist, 56:3, 218-226.

Lyubomirsky, S., Sheldon, K., & Schkade, D. (2005). Pursuing Happiness: The Architecture of Sustainable Change. Review of General Psychology, 9(2), 111-131.

Lyubomirsky, S., King, L., & Diener, E. (2005). The Benefits of Frequent Positive Affect: Does Happiness Lead to Success? Psychological Bulletin, 131:6, 803-855. Myers, D. G. & Diener, E. (1995). Who Is Happy? Psychological Science, 6:1, 10-19.

Ostir, G.V., Markides, K.S., Black, S.A., & Goodwin, J.S. (2000). Emotional well-being predicts subsequent functional independence and survival. Journal of the American Geriatrics Society, 48, 473-478.

Eine Liste der in anderen Blogposts bearbeiteten Artikel finden Sie im Literaturverzeichnis.

Foto: Freeimages.com

Warum sollten wir uns um „Glück“ und Wohlbefinden scheren?

von Michael Tomoff Lesezeit: 5 min
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