Es klingt ein wenig dubios, aber Fehler sind etwas Gutes, aus Fehlern lernen aber immer noch eine hohe Kunst. Sie mögen sich manchmal nicht gut anfühlen, man schämt sich dafür, ärgert sich, macht sich selbst manchmal noch dafür fertig. Mit dem richtigen Umgang von Fehlern entwickelt man sich jedoch weiter, lernt und kann sie als Helfer anerkennen.
Sich zu ärgern über das, was man falsch macht, ist natürlich. Viele von uns wachsen mit dem Verständnis auf, dass Fehler schlecht sind und vermieden werden müssen. In der Schule werden rote Stifte zum Markieren von Fehlern benutzt, blaue Briefe zu den Eltern geschickt und viele Eltern sehen schwarz, wenn Fehlverhalten auftritt. Ein buntes Treiben, bis schlechte Leistungen durch Nachhilfe, Druck oder Mahnungen auf mindestens ein Mittelmaß gehoben werden oder man aufgibt, an sich zu glauben.
Wer Fehler gemacht hat, hat meistens nur Erfahrung gesammelt.
–Oscar Wilde
Betrachtet man Fehler als Helfer (einfach Buchstaben umstellen!), werden sie zu etwas, das man nicht mehr vermeiden, sondern pflegen und schätzen will. Meinst du nicht?
„Aus Fehlern lernt man“ – Neues ausprobieren, dabei auch mal scheitern, um wieder aufzustehen und es beim nächsten Mal besser zu machen. Daraus entstanden die Wunder der Welt und nicht nur Abraham Lincoln fiel mehr als einmal auf die Nase, bevor er schließlich zu Größerem aufstieg und nach vielen Niederlagen schließlich zum Präsidenten der USA wurde.
Kindern wird durch das Lernen aus Fehlern die Sprache möglich und manche nutzen sie später wie Genies und lassen wundervolle Lyrik entstehen. Aus Fehlern zu lernen ist – wenn du so willst – der Gegenspieler des als-Meister-vom-Himmel-Fallens…
Wer vor großen Fehlern Angst hat, hat auch nur Mut zu kleinen Erfolgen.
–Prof. Dr. Hans-Jürgen Quadbeck-Seeger
Wie gehen wir Neues an?
Wir nehmen Informationen nicht einfach nur auf und wissen sofort, wie alles funktioniert. Zu Wissen gehören Theorie und Praxis. Alleine vom Malen, Schreiben, Schwimmen oder Fliegen zu lesen, lässt einen noch lange nicht malen, schreiben, schwimmen oder fliegen.
Zumindest nicht auf die Art, dass man sich nicht noch verbessern könnte.
Ich möchte auf den mentalen, motivationalen Weg des Lernens fokussieren (für viele andere spannende Ideen gibt es bei Wikipedia eine schöne Übersicht über Lerntheorien), weshalb meiner Meinung nach drei Wege möglich sind, aus Fehlern zu lernen und das Fehlermachen anschließend anzugehen:
1. Durch einen Fehler tritt man auf der Stelle, das negative Ereignis lässt demzufolge keine Veränderung entstehen. Man kommt da an, wo man angefangen hat. Die Folge: eine Mischkalkulation, ob man die Methode der Wahl das nächste Mal wieder nutzt.
2. Durch einen Fehler entstehen weitere negative Konsequenzen, man ist also danach schlechter dran als davor. Das ist der Grund, warum wir uns vor Konflikten und Herausforderungen oft so fürchten und sie vermeiden wollen.
3. Durch einen Fehler wird man stärker und fähiger als vorher, weil man das Positive daran sucht und zu seinem Vorteil macht, wenn die gleiche oder eine ähnliche Situation erneut auftritt. Die Folge: Fehler werden als etwas Gutes und Hilfreiches gesehen und unbekannte Situationen nicht gemieden, sondern sogar ersehnt und provoziert. Insofern können Fehler sogar schön machen…
Jeder dieser mentalen Wege kann natürlich geistig gefüttert werden. In Krisenzeiten ist der dritte Weg voraussichtlich nicht der einfachste und gelangt schnell unter die Räder. Dabei ist er besonders in solchen Zeiten immens wichtig. Der Stein, der einem in den Weg gelegt wird, ist in solchen Wochen oft der einzige Trittstein, den man hat.
Ein Fehler aus meiner eigenen Laufbahn
Ein Beispiel aus meinem eigenen Berufsweg, das einen gemachten Fehler und den Umgang damit illustriert: Als ich meinen ersten Arbeitgeber verließ, hatte ich das unbändige Bedürfnis, meinen Kolleg:innen über ihre (Zusammen)Arbeit der letzten zwei Jahre Feedback und ihnen damit etwas von mir mitgeben zu müssen (ich war schon immer gut im Geben…). Da es persönlich aus zeitlichen Gründen nicht mehr funktionierte, entschied ich mich, meine Rückmeldung für jede und jeden aufzuschreiben.
Gesagt, getan. Positives bekam genauso einen Platz in meinen konstruktiven und gut gemeinten Emails wie die Dinge, die es meiner Meinung nach – natürlich nur zum Besten der Kolleg:innen – zu verbessern galt. Allerdings hatte niemand mich um mein Feedback gebeten und ich vorher auch nicht gefragt, ob es überhaupt gewünscht war.
Ein paar Tage später bekam ich eine teilweise boshafte und gar nicht gelassene Email von vier meiner damaligen Kolleginnen, die sich in ihrer Antwort darüber ausließen, welch ignoranten, eitlen Schritt ich da hingelegt hätte.
Im Nachhinein überrascht mich das nicht. Im Nachhinein ist man allerdings immer schlauer. Und das ist genau der Punkt: Nicht jeder Fehler ist im Nachhinein noch ein Fehler. Denn die gemachte Erfahrung war zwar schmerzlich (im Beispielfall für beide Seiten), der Umweg führte jedoch zu einem höheren Wissen, zu einem Gewinn.
Wer aufhört, Fehler zu machen, lernt nichts mehr dazu.
–Theodor Fontane
Mein Lerneffekt: Das Gegenteil von gut ist gut gemeint. Nicht jeder Mensch möchte (unaufgefordert) Kritik von einem Kollegen haben, der ohnehin gerade geht, sei sie noch so gut gemeint, berechtigt oder umsetzbar. Nicht jede möchte einen Spiegel vors Gesicht gehalten bekommen. Schon gar nicht von jemandem, der selbst noch einen langen Weg vor sich hat.
Ich entschuldigte mich offiziell bei jeder der vier Kolleginnen für den Weg und die Art der Kritik (aber nicht deren Inhalt). Von einigen Kolleg:innen hörte ich nichts mehr, von anderen erst Monate später. Weiterhin holte ich mir von einigen meiner Freund:innen herbe Kritik für meine damalige Aktion (und die war auch nicht leicht anzunehmen). Auch, wenn ich damals nach dieser Phase ärgerlich auf Kolleg:innen und Freund:innen war, traf mich mein größter Ärger selbst.
Möglicherweise auch, weil ich noch nicht sicher darin war, mich für Fehler zu entschuldigen.
Heute bin ich dankbar für diese Erfahrung. Sie half mir in vielerlei Hinsicht, Feedback zu geben (mittlerweile auch professionell und als Teil des Jobs) und anzunehmen, jedoch ebenfalls dankend abzulehnen, wenn ich es noch nicht verarbeiten kann oder will.
Fünf Schritte, die Fehler zum Vorteil werden lassen
1. Den Fehler anerkennen
Damit fängt alles an. Ohne das eigene Missgeschick zu akzeptieren und als solches zu erkennen, wird kein Lerneffekt entstehen. Fehler sind natürlich, vor allem bei hohen Maßstäben und Anspruch an sich selbst.
In den Assessment Centern, die wir durchführen, sind oft Kandidat:innen, die unter den Ansprüchen unserer Auftraggeber zurück bleiben. Wenn wir in den anschließenden Feedbackgesprächen mit einer solchen Person auf ihre Fehler hinweisen und sie sich ausschließlich wehrt, anstatt unsere konstruktiven Hinweise aufzunehmen oder bestimmtes fehlerhaftes Verhalten anzuerkennen, beweist das nur eins: die fehlende selbstkritische Haltung. Es wird diese Teilnehmerin oder diesen Teilnehmer nicht weiterbringen – zumindest nicht in Bezug auf den gewählten Arbeitgeber.
Auch in Bewerbungsgesprächen sind Schwächen nicht immer schlecht, denn wenn man bereits einen Weg aufgetan hat, diese Schwäche umzuwandeln, zeigt das Lernfähigkeit und den Willen, sich mit sich selbst konstruktiv auseinander zu setzen.
Sobald man seinen Fehler anerkennt, nimmt man ihm die Kraft. Von da an kann er in etwas Positives umgestaltet werden.
2. Die volle Verantwortung übernehmen
Wenn man die Situation, die Umgebung und damit andere für Fehler verurteilt, gibt man Verantwortung ab. Zudem kann man nur noch hoffen, dass sich die nicht beeinflussbaren Umstände bessern, damit die Fehler nicht wieder passieren. Solange die Verantwortung extern erscheint, ist man Opfer.
Man kann am besten sich selbst kontrollieren, sich ändern und die Verantwortung für das übernehmen, was man tut und damit Kontrolle und Kraft zurück gewinnen. Und mit dem Wissen, die Dinge das nächste Mal anders regeln zu können, öffnen sich viele Türen. Oder, wie es Jim Collins, der Autor von Good to Great sagt:
We are not imprisoned by our circumstances, our setbacks, our history, our mistakes, or even staggering defeats along the way. We are freed by our choices.
3. Die Erfahrung auseinander nehmen
Scheitern kann erlösend sein. Wenn du daraus lernst. Es braucht nicht das Ende deiner Laufbahn oder deiner Beziehung zu einem wertvollen Menschen sein. Im Gegenteil kann es karrierefördernd sein, wenn du dir die Zeit nimmst, um den gesamten Saft aus der Zitrone zu pressen, in die du beißen musstest. Ehrlich, es gibt nicht viele Dinge, die du nicht lernen kannst. Zumindest nicht, ohne Fehler oder Rückschläge mitzunehmen.
Das hat aber auch Gutes, denn Niederlagen und Schmerz sind leistungsfähige und nachhaltige Lehrer. Du kennst ja Nietzsches Spruch:
„Was mich nicht umbringt, macht mich stärker.“
Eine aus dem Coachingbereich nützliche Frage ist „Was fehlte?“ statt sich negativ selbst zu verurteilen mit „Was ist schiefgelaufen?“.
Erstere eröffnet Möglichkeiten und führt zum Lernen. Letztere fokussiert auf und manifestiert das Negative.
4. Aus Fehlern zu lernen und Verhalten wirklich ändern
Natürlich solltest du dir nicht nur vornehmen, es das nächste Mal anders und besser zu machen. Überleg dir, in welcher nächsten Situation du dich tatsächlich anders verhältst, führ dir diese Situation vor Augen, probe sie vielleicht sogar für dich, wenn das möglich ist. Die Wahrscheinlichkeit ist wesentlich höher, dass du dein Gelerntes so erfolgreich umsetzt.
Ohne die Umsetzung ist der Lerneffekt gleich Null. Schließlich werden sich die Fehler wiederholen, wenn man sein Verhalten nicht ändert oder weiterhin darauf hofft, dass sich die Umgebung anpasst.
Veränderung beginnt bei uns selbst. Das ist die eine Sache, die wir unter Kontrolle haben.
5. Voller Elan in das nächste Projekt einsteigen
Du kannst es Fehlern nicht erlauben, dich beim nächsten Mal zu bremsen und dein Potential einzugrenzen. Wenn du vom Pferd fällst, steig sofort wieder auf (es sei denn, eines deiner Gliedmaßen hängt ungewöhnlich vom Körper ab…). Wenn du es nicht tust, wird das Missgeschick zu einem großen Elefanten, der dich das nächste Mal unüberwindbar angrinst, sprich: das Unglück brennt sich als Fehler in dein Gedächtnis. Wartest du lange genug, wirst du nie wieder reiten (schon gar nicht auf Elefanten!).
Lass den Fehler hinter dir und beweg dich nach vorne.
Lass Fehler für dich arbeiten. Lern von ihnen und schau, was du das nächste Mal benötigst, um es besser zu machen. Damit pflanzt du die Samen für deinen Erfolg.
Egal wo.
Wenn du das (lebenslange) Lernen, Wachstum und das Gefühl schätzt, dich zu verbessern – dann schätz auch Fehler. Es sind harte, aber wunderbare Geschöpfe, die die Welt zu einer genialen Sache werden lassen.
Stück für Stück.
Welchen Misserfolg oder Fehler willst du zu deinem Vorteil verwandeln? Du kannst unten einen Kommentar hinterlassen.

